Auf der anderen Seite des amerikanischen Traums

Interview mit "Winter's Bone"-Autor Daniel Woodrell

Daniel Woodrells Buch Winters Knochen, das heute in Deutschland erscheint, gilt als eine der literarischen Sensationen des vergangenen Jahres in den USA. Woodrell, der vor Winters Knochen bereits sieben Romane geschrieben hat, wird mit Cormac McCarthy, William Faulkner und Mark Twain verglichen. Er gilt als der zeitgenössische Schriftsteller, der so ehrlich und schonungslos wie kein anderer, das Leben im dunklen Herzen der amerikanischen Provinz aufzeichnet.

Die Verfilmung von Winters Knochen, die derzeit in den amerikanischen Kinos läuft, hat den Hauptpreis beim renommierten Sundance Festival gewonnen, die bislang unbekannte Hauptdarstellerin, Jennifer Lawrence, ist für den Oscar nominiert worden.

Winters Knochen ist die Geschichte der 17 Jahre alten Ree, die in einem verarmten und herunter gekommenen Nest an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas aufwächst. Rees Vater, der wie die meisten im Ort die synthetische Billigdroge Meth kocht und konsumiert, ist spurlos verschwunden, ihre Mutter ist psychisch schwer krank. Ree muss ihre beiden Geschwister alleine groß ziehen und sich auf der Suche nach ihrem Vater gegen die grausamen Stammesregeln der abgeschiedenen und verarmten Hinterwäldler ihres Ortes behaupten.

Winters Knochen malt ein finsteres, deprimierendes Bild des anderen Amerika, das vom amerikanischen Traum dauerhaft ausgeschlossen und vom Mainstream vergessen ist.

Mr. Woodrell Ihr Roman Winters Knochen beschreibt eine Kultur im ländlichen Amerika, in der das Lebensgefühl finster und hoffnungslos ist. Sind Sie ein düsterer Mensch?

Ich finde das Buch gar nicht so finster. Es gibt für die Hauptfigur Ree am Ende keinen großartigen Triumph, sie findet nicht das große Glück. Aber das Leben geht weiter für sie. Ich kann allerdings verstehen, dass das, was da beschrieben wird, für Leute aus dem Mainstream der amerikanischen Mitteklasse düster wirkt. Die Welt, die ich zeige, das arme ländliche Amerika an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas, ist für sie eine völlig fremde Welt. Es könnte für New Yorker genauso gut ein anderer Planet sein. Und es ist tatsächlich so, dass die Menschen dort keine Illusionen haben, sich den klassischen amerikanischen Traum von Wohlstand und Bequemlichkeit erfüllen zu können. Sie würden sich nicht dagegen wehren, wenn er ihnen geschenkt würde, aber sie haben es aufgegeben, danach zu streben. Sie haben sich damit abgefunden, dass das Leben hart ist.

Sie sind aus dem Ozark-Gebirge, wo Winters Knochen spielt, weg gezogen, als sie jung waren, sind gereist, waren in der Armee, haben studiert. Sie sind aber wieder dorthin zurück gekehrt. Was hat sie wieder dorthin gezogen?

Je mehr ich geschrieben habe, desto mehr habe ich verstanden, wie mich diese Gegend und die Menschen dort geprägt haben. Ich habe erst bei meinem vierten Buch angefangen über die Ozarks zu schreiben aber ich bin mir jetzt sicher, dass ich mit den Ozarks mein Thema als Schriftsteller gefunden habe. Ich werde so bald über nichts anderes schreiben, auch wenn ich es mir in der amerikanischen Verlagslandschaft damit nicht gerade leicht mache.

Was fasziniert sie so sehr an dieser Region?

Die Region war sehr lange Zeit von der Außenwelt abgeschnitten. Es haben sich hier unter den Menschen Regeln und Gesetze etabliert, die mit dem Rest der Gesellschaft, mit dem offiziellen Amerika nicht viel zu tun haben. Wir sind klassische Outlaws, wir leben nach archaischen, manchmal grausamen Stammesregeln. Auf Außenstehende wirkt das oft beinahe mythisch. Das geht alles zwar langsam verloren aber es fasziniert mich, das, was davon übrig ist aufzuzeichnen.

Gleichzeitig wird das Leben in dem ländlichen Amerika, wie sie es etwa in Winters Knochen beschreiben, vollständig von der Methamphetamin-Epidemie bestimmt. Warum glauben sie, hat diese Droge von den amerikanischen Kleinstädten in den vergangenen 10 Jahren einen derart verheerenden Besitz ergriffen?

Es ist recht simpel. Die Leute sind arm, man braucht nicht viel um diese Droge zu machen. Es gibt keinen Grund es nicht zu tun.

Sie glauben also nicht, dass das harte, isolierte Leben im amerikanischen Hinterland die Drogensucht fördert? Früher waren diese Landstriche ja für die Schwarzbrennerei bekannt, der Drogenkonsum hat sich nur verlagert.

Natürlich gibt es eine Korrelation zwischen Armut, Perspektivlosigkeit und dem Drogenmissbrauch. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass sich der Rest von Amerika nicht dafür interessiert, was diese Menschen machen. Sie sehen deshalb keine Veranlassung dazu, nach den Sitten der anständigen Mittelklasse zu leben. Ich habe ein Problem damit, wenn die Leute aus den urbanen Zentren deshalb die Hinterwäldler abqualifizieren. Mir geht es darum, trotz allem ihre Menschlichkeit zu zeigen, auch wenn sie Meth-abhängig sind.

Der Film und ihr Buch haben in den ganzen USA großen Erfolg gehabt. Es scheint Ihnen also doch gelungen zu sein, für ihre Figuren, die Ausgegrenzten, die Vergessenen eine gewisse Empathie zu erwecken.

Das liegt vor allem an der Hauptfigur, an Ree. Ich glaube Ree verkörpert etwas, womit sich viele Amerikaner identifizieren können. Sie ist jemand, der sich nicht unterkriegen lässt, der nicht aufgibt. Sie ist 17, muss sich um ihre ganze Familie kümmern, steht einen Schritt vor der Obdachlosigkeit und hat keine Möglichkeit ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Trotzdem verzweifelt sie nicht.

Glauben Sie, dass die Wirtschaftskrise in den USA dazu bei getragen hat, dass Figuren wie sie Sympathie finden?

Es gibt sicherlich eine Menge Leute im Moment, die wissen, was es bedeutet, irgendwie die Dinge bei einander halten zu müssen.

Gewöhnlich wird dieses andere Amerika, das Sie beschreiben und das nicht in das Klischee vom amerikanischen Traum passt, ignoriert. Sehen sie es als ihre Mission an, dieses Amerika in das Bewusstsein der kulturellen Eliten und der gesitteten Mittelschicht zu rücken?

Ja natürlich, es hat mich schon immer angetrieben, zu zeigen, dass es mehr als eine Welt gibt.

Eines ihrer ersten Bücher war „Ride With the Devil", es war die Geschichte marodierender Banden ehemaliger Südstaaten-Soldaten, die in ihrer Gegend, in Missouri und Arkansas als Terroristen weiter gekämpft haben, lange nachdem der Bürgerkrieg vorbei war. Sie haben sich geweigert, nach dem Bürgerkrieg die neue soziale und politische Ordnung zu akzeptieren, sind Outlaws geworden. Hat diese Zeit das regionale Selbstverständnis geprägt?

Es gibt sicher bis heute noch Leute hier, die über den Ausgang des Bürgerkriegs eine Meinung haben, die den Leuten an der Ostküste und in Washington nicht gefällt. Ich wollte mit „Ride the Devil" im Grunde das gleiche, was ich mit „Winters Bone" möchte. Ich will zeigen, dass diese Leute keine Monster sind, auch wenn ihr Weltbild und ihre Moralvorstellungen nicht dem Mainstream entsprechen, auch wenn sie Outlaws sind. Mir geht es immer darum, die menschliche Dimension zu zeigen, auch wenn es bestimmten Leuten unbequem ist. Ich wehre mich dagegen, Leute mit einem simplen Label wie „White Trash" einfach abzutun.

Woher kommt bei Ihnen die Sympathie mit den Ausgegrenzten der amerikanischen Gesellschaft?

Ich bin mit diesen Leuten aufgewachsen und meine Eltern waren zwar nicht bettelarm aber es war auch bei uns immer knapp. Ich habe mich immer fremd gefühlt, wenn ich versucht habe, anderswo zu leben, als in den Ozarks. Als wir in Kansas City gelebt haben, fand ich es dort so furchtbar, dass ich lieber zur Armee gegangen bin. Ich dachte lieber in Vietnam vor die Hunde gehen, als in diesem verdammten Vorort. Und als ich in Iowa studiert habe musste ich erst lernen, dass von einem erwartet wird, Beleidigungen mit einer schlauen Bemerkung zu kontern, anstatt den Leuten aufs Maul zu hauen. Ich habe das alles gelernt, aber die Regeln des bürgerlichen Amerikas sind mir immer noch fremd. Die Leute hier sind mir hingegen vertraut, ich verstehe sie.

In der Schlussszene von Winters Knochen deutet Teardrop, der Onkel der Hauptfigur Ree an, dass er mit größter Wahrscheinlichkeit entweder umgebracht werden wird oder an Drogen stirbt. Ist das die typische Lebensperspektive für Leute aus den Ozarks?

Sicher, die Leute im verarmten amerikanischen Hinterland machen sich keine Illusionen über ihre Aussichten. Die meisten sterben durch Gewalt, Drogen oder enden im Gefängnis.

Das ist ziemlich deprimierend. Trotzdem sind ihre Bücher keine politische Anklage.

Ich finde es überflüssig, offen über Politik zu sprechen, wenn man über Armut und Kriminalität redet. Die politische Botschaft ist sowieso klar. Ich interessiere mich, wie gesagt, mehr für die Menschen.

Was wäre denn die politische Botschaft, wenn Sie eine formulieren müssten?

Eine ziemlich pessimistische. Es wird in den USA sehr viel über die Rassenproblematik gesprochen. Ich glaube, man versucht sich dadurch einzureden, dass man die sozialen Probleme des Landes lösen kann, indem man den Rassismus überwindet. Die Wahrheit ist aber, dass viel mehr weiße Menschen in Armut leben, als Schwarze. Ich glaube, dass die Armut in den USA und die krassen sozialen Unterschiede System bedingt sind. Und ich sehe ehrlich gesagt keinen wirklichen Ausweg.

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