Prediger für die Obama Generation

Pastor Rob Bell glaubt nicht daran, dass man gläubig sein muss, um in den Himmel zu kommen

Der Saal der Society for Ethical Culture am New Yorker Central Park ist bis auf den letzten Platz besetzt, kein Schemel würde mehr in den Raum passen. Draußen an der Eighth Avenue drängen sich diejenigen, die nicht mehr hinein gekommen sind in der Hoffnung auf dem Bürgersteig, im letzten Moment doch noch eine Karte zu ergattern. Wer an diesem Abend ahnungslos hier vorbei läuft, der wird glauben, dass eine angesagte Indie-Band spielt. Das Publikum ist jung, urban und hip. Skinny Jeans und ausgetretene Sneakers bestimmen das Erscheinungsbild.

Doch auf dem Programm stehen nicht die Shins oder die Strokes, sondern Rob Bell. Bell hat zwar selbst einmal in einer Band gespielt und sieht noch immer so aus, als könnte er jederzeit wieder zur Gitarre greifen. Doch heutzutage füllt der 40-Jährige, dessen Markenzeichen schwarze Jeans und eine schwarze Hornbrille sind die Säle des Landes, weil er über Gott spricht.

Bell ist der neue Superstar unter den evangelikalen Predigern Amerikas. Die Chicago Sun Tribune hat ihn den „nächsten Billy Graham“ genannt. Bells Mega-Church in Michigan hat jeden Sonntag 10,000 Besucher. Seine DVDs, mit deren Hilfe er seine spezielle Glaubensbotschaft verbreitet, verkaufen sich millionenfach, seine beiden bisherigen Bücher mit den scheinbar unevangelikalen Titeln „Velvet Elvis“ und „Sex God“ ebenfalls. Sein neuestes Werk, „Love Wins“, für das er gerade auf Werbetournee ist, ist bereits Tage nach dem Erscheinen auf der New York Times Bestseller-Liste gelandet.

Der etablierten Garde der evangelikalen Prediger in den USA passt der Erfolg von Bell freilich überhaupt nicht und dass nicht nur, weil er ihnen das Wasser abgräbt. Bell ist ein Gegenentwurf zu ihnen: Er zieht die junge Generation an, er kommt nicht aus dem Süden, sondern aus dem urbanen industriellen Nordosten und seine Botschaft ist ein unverholener Angriff auf ihre verkarstete  Feuer- und Schwefel-Theologie. Wenn es wahr ist, dass Bell die Zukunft des Christentums in Amerika verkörpert, dann haben sie ausgedient.

Deshalb lief das evangelikale Establishment auch schon Wochen vor dem Erscheinen von Bells neuestem Buch Sturm gegen das Werk. Alleine das Promotion-Video, das Bell auf Youtube gestellt hatte, reichte aus, um die Baptisten und Methodisten und die anderen Glaubensgemeinschaften zu erzürnen. Er wolle und könne es einfach nicht glauben, dass Ghandi nicht in den Himmel gekommen sei, weil er kein Christ war sagte Bell in dem 10-Minuten-Filmchen, das im Stil eines Musikvideos gedreht worden war.

Mit dem Beispiel wollte Bell die zentrale These seines neuen Werkes verdeutlichen: Das Bekenntnis zum christlichen Glauben aund die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche alleine könne es nicht sein, was den Menschen Heil verspricht. Das Dogma, dass einige auserwählte Christen die Ewigkeit an einem fried- und freudvollen Ort namens Himmel verbrächten, während der Rest der Menschheit  ohne Hoffnung auf Erlösung zum Fegefeuer verdammt würde, sei schlicht „toxisch und fehl geleitet.“

Für Amerikas Evangelikale, für die Wiedergeburt im Glauben zugleich Konversion und Erlösung ist, ist das natürlich eine Provokation sonders gleichen - nur einen Schritt von der Ketzerei entfernt. So erregte sich der christliche Blogger Justin Taylor, dass Bell sich „von allem entfernt habe, was auch nur vage an biblisches Christentum erinnert.“ Ein einflussreicher Theologe trug auf seiner Twitter-Seite schlicht „Auf Wiedersehen Rob Bell“ ein. Es war eine Art Exkommunikation per Internet.

Der Pastor Kevin De Young aus Bells Nachbargemeinde in Michigan verwendete auf seiner website ganze 14 Seiten darauf, die exegetischen Fehler in Bells Buch aufzuzeigen. Das abschließende Urteil entsprach dem der meisten von Bells Kritikern – Bell sei ein Universalist, einer, der daran glaube, dass jeder erlöst werden könne, gleich wie sündig er ist und der das Chrstentum damit bis zur Unkenntlichkeit verwässere.

Die Anhänger Bells lieben derweil seine Botschaft aus genau demselben Grund „Er löst nicht alles auf, er lässt Platz dafür, dass man sich seine eigenen Gedanken macht“, sagte so die 25 Jahre alte Kristi Berderon nach Bells Vortrag in New York. „Er stopft einem nicht ein vorgefertigtes Paket in den Hals.“

Den Fans gefällt es vor allem, dass Bell das Paradox eines gütigen, liebenden Gottes und eines zornigen und gerechten Gottes, der Leiden zulässt, nicht auflöst sondern stehen lässt. Vor allem gefällt ihnen jedoch die Tatsache, dass für Bell anders als bei den traditionellen Evangelikalen die Erlösung nicht erst im Jenseits stattfindet, sondern bereits auf Erden beginnt. Während sich Traditionalisten noch immer an der Abtreibung und an der Homo-Ehe abarbeiten, um sich uhren Platz im Himmel zu sichern setzt sich Bells Kirche ganz handfest für Entwicklungs- und Sozialhilfe-Programme ein.

Bells Theologie ist ein evangelikaler Glauben für die Obama-Generation, zugeschnitten auf die vielen gläubigen Amerikaner, die sich in der konservativen christlichen Bewegung nicht wiederfinden. Diesen traditionellen evangelikalen Glauben, der tief in der amerikanischen Kukltur verankert ist, wird Bell zwar nicht im Alleingang reformieren können. Aber er ist dabei, ihm eine dringend benötigte Infusion frischen Blutes zu verabreichen.

 

Go to top