Savage Beauty

  • McQueen
Alexander McQueen am Metropolitan Museum
(Frankfurter Rundschau)

Wenn man das Cover des Katalogs zur Ausstellung über den Londoner Modedesigner Alexander McQueen am New Yorker Metropolitan Museum frontal betrachtet, dann starrt einen ein futuristischer Totenschädel an, ein Skelett aus Metall wie aus einem Terminator-Film. Doch das Bild ist ein Hologramm und sobald man den prächtigen Band ein wenig ins Licht dreht, kommt der kahle Kopf des britischen Couture-Schöpfers mit seinen leuchtenden blauen Augen zum Vorschein.

Das Vexierbild soll den Titel der Ausstellung illustrieren, die am vergangenen Donnerstag an der Fifth Avenue eröffnet hat. "Savage Beauty" heißt die Werkschau und ihre Prämisse ist, dass sich McQueen in den 18 Jahren seines Schaffens bis zu seinem frühen Tod im vergangenen Jahr stets im Spannungsfeld von Grauen und Schönheit bewegt hat.

Doch die Ereignisse der vergangenen Wochen drängen noch eine weitere Lesart des Wackelbildes auf. Alexander McQueen feiert derzeit eine bemerkenswerte Wiederauferstehung. Weit größer als zu Lebzeiten drängt McQueen in das internationale Scheinwerferlicht, seine Popularität hat Dimensionen erreicht, die er sich niemals hätte träumen lassen, bevor er sich im Februar 2010 in seinem Londoner Studio erhängte.

Maßgeblich für das posthume Comeback verantwortlich war, dass sich die zukünftige Herzogin von Cambridge Kate Middleton für ein Kleid aus dem Haus McQueen entschied, als sie in der vergangenen Woche ihrem Prinz William im Westminster Abbey das Ja-Wort gab.

Entworfen hatte das Stück die einstige Assistentin von McQueen Sarah Burton und auch wenn es der Würde des Anlass angepasst war, trug es unverkennbare Züge von McQueens Sensibilität. Die schmale Taille und die betonten Hüften waren eine Verneigung vor seiner Vorliebe für die viktorianische Epoche. Die Seiden-Stickereien und die von der Royal School of Needlework gefertigte Spitze erinnerten an seinen Faible für das traditionelle Handwerk.

Was der Zuschlag durch das Königshaus für die Marke Alexander McQueen bedeutet, ist derzeit noch nicht abzusehen. Fest steht aber, dass es ihr bestimmt nicht zum Nachteil gerät. Kate Middleton ist jetzt schon eine Stilikone vom Rang von Michelle Obama und Lady Gaga und ihr Testimonial ist Millionen wert. „Das sieht sehr gut aus für Alexander McQueen", sagt deshalb John Guy, ein Branchenanaylst für die Royal Bank of Scotland.

Dabei sah es nach dem Selbstmord von McQueen im vergangenen Jahr zunächst gar nicht so gut aus für sein Label. Obwohl McQueen unter Insidern als Genie geschätzt wurde, war er der breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Seine Designs waren mitunter so exaltiert, dass sie für den Massenmarkt nicht taugten. Und ohne den kreativen Kopf sah es auch in der Nische, die er besetzte, nicht rosig aus. Das ist jetzt jedoch alles vergessen: „Wenn es nach Alexanders Tod je Zweifel an seiner Marke gegeben haben sollte, dann sind sie jetzt ausgelöscht", meint George Wallace, Chef der Einzelhandels-Beratungsfirma MHE in New York.

Dass nun im unmittelbaren Anschluss an die Trauung des Jahrzehnts mit der Ausstellungseröffnung am Metropolitan auch noch eine Art Alexander McQueen Festwoche in New York stattfindet ist für seine hinterlassene Firma eine Fügung, die glücklicher kaum hätte kommen können. Der Ball des Costume Institute am Met am vergangenen Montag ist ein soziales Großereignis in Manhattan, und er stand in diesem Jahr ganz ganz im Zeichen des verstorbenen Meisters. Vogue Chefredakteurin Anna Wintour hielt eine Laudatio auf ihn, Colin Firth und Selma Hayek waren ebenso zu Gast wie Paul McCartney und Yoko Ono. Naomi Campbell, Karen Elson und Madonna trugen McQueen Kreationen und Sarah Burton, so wurde berichtet, plauderte angeregt mit den Einkäufern großer Kaufhausketten.

Ganz New York redete die ganze Woche lang über nichts anderes, als über Alexander McQueen. Das Modehaus Bergdorf Goodman widmete McQueen seine kostbaren Schaufenster an der Fifth Avenue. Gegenüber, im Schaufenster des Konkurrenten Barneys, warf sich Mode-Muse Daphne Guinness vor den Augen der Passanten vor dem Costume-Institute-Ball in ihr eigenes McQueen Outfit. Nach all dem Rummel war es dann kein Wunder, dass man es am Eröffnungstag in den dunklen, engen Galerien der Ausstellung regelrecht mit der Platzangst zu tun bekam.

Je länger man sich dort jedoch mit seiner Arbeit beschäftigte, desto mehr beschlich einen auch das Gefühl, dass McQueen das alles gar nicht so recht gewesen wäre. McQueen ist mit der royalen Hochzeit und der Werkschau am Met im Mainstream angekommen. Dabei hat er sich in der kurzen Schaffenszeit bis zu seinem Tod mit nur 40 Jahren in der Rolle des Rebellen und Ikonoklasten deutlich wohler gefühlt.

Im Zentrum von McQueens Schaffen und Denken standen schon immer seine Modenschauen. Für McQueens waren diese Schauen allerdings nie simple Präsentationen einer Kollektion. Sie waren Performance-Kunst, sie waren niemals Mittel zu einem Zweck sondern der Zweck selbst. Das Schneidern der Kostüme war nur ein Aspekt eines größeren Gesamtwerks. McQueen, das attestieren ihm einstimmig seine Wegbegleiter war mehr Konzept-Künstler als Modemacher. Niemals, hat McQueen einmal gesagt, wolle er, dass eine seiner Schauen zu einer Cocktail Party verkomme. Er wollte starke Reaktionen hervor rufen – „am liebsten ist es mir, wenn die Leute nachher kotzen."

Die Ausstellung am Metropolitan empfindet gelungen das Theatralische dieser Schauen nach. Die Kollektionen werden dramatisch präsentiert, in abgedunkelten Räumen zu Mozartklängen mit elaborierten Kulissen wie Spiegelkabinetten oder überdimensionalen Schmuck-Schatullen. Dazu laufen Videos der opulenten Inszenierungen McQueens, der Besucher bekommt einen eindringlichen Eindruck davon, wie es gewesen sein muss, bei einer McQueen Show zugegen gewesen zu sein.

Da war etwa die Show „Nummer 13" von 1999, in der die Ballerina Shalom Harlow in einem weißen Kleid von zwei Robotorn brutal mit Farbe beschossen wird. Es war ein beklemmendes Spektakel mit sado-masochistischen Zügen, eine Parabel auf die Ausgeliefertheit gegenüber der Technik sowie auf den sexuellen Akt der Schöpfung

Oder die skandalöse Show „Voss" aus dem Jahr 2001, bei der die Besucher zunächst nur auf einen Glaskubus starrten, in dem sie ihre eigene Reflektion sahen. Dann ging das Licht in dem Kubus an und der Blick wurde frei auf die Models, die wiederrum ihrerseits nur ihre eigene Reflektion sehen konnten. Zu guter Letzt fielen die Wände eines letzten Glas-Würfels, in dem eine nackte hochkorpulente Frau, saß, die von Motten umschwirrt wird. Es war ein hochkomplexer Kommentar auf die Politik des Sehens und Gesehen-Werdens, die dem Modebusiness zugrunde liegt. Keine Kost, zu der die geladenen Mode-Redakteure sich entspannen konnten.

Auch die Stücke seiner vielleicht provokantesten Modenschau werden am Metropolitan gezeigt, der Inszenierung „Highland Rape" von 1996. Damals ließ McQueen die Models blutverschmiert in zerfetzten oder zerrissenen Kleidern über den Laufsteg taumeln. Es sollte ein Kommentar auf die Unterdrückung von McQueens schottischen Vorfahren im 18. und 19. Jahrhundert sein, wurde ihm aber als zutiefst frauenverachtend ausgelegt.

McQueen hatte eine starke Affinität zum bizarren, verstörenden. Für eine beidseitig beinamputierte Frau entwarf er elaboriert verschnörkelte Holzprothesen, mit denen er sie über die Bühne stolpern ließ. Er spielte mit Lederkorsetts und schneiderte Kleider aus schwarzen Federn, er schnallte Frauen ein silbernes, verlängertes Rückenmark auf und nähte ihnen Krokodilköpfe auf die Schultern.

Kurator Andrew Bolton sieht in diesem Spiel mit dem Hässlichen, Abstoßenden bei McQueen eine romantische Sehnsucht nach dem Erhabenen, das eben viel mehr ist und viel komplizierter als das bloß Eingängliche. Die Bilderwelt von Bolton speist sich aus Quellen wie Edgar Allen Poe und Lord Byron, Alfred Hitchcock und William Golding, die m Finsteren eine tiefere Schönheit entdecken konnten als im Lieblichen.

Mit dieser Sensibilität blieb McQueen immer ein Rebell in der Modewelt. Auch, wenn er 2000 die Mehrheit an seinem Label an Gucci verkaufte und als Chefdesigner zu Givenchy ging – er blieb immer der britische Punk in Paris, der Sohn eines Londoner Taxifahrers, der als Näher in der Savile Row angefangen hat und dem das Establishment auf ewig suspekt bleiben wird. Seine Inszenierungen und Fantasiewelten waren immer Kritiken von innen, sie stellten immer auch das gesamte Business in Frage.

Was er zur Teilnahme seiner Firma an der königlichen Hochzeit gesagt hätte kann man sich vor diesem Hintergrund nur vorstellen. Als Performance hätte ihn das Spektakel sicher gereizt. Es hätte ihn aber vermutlich genau so gereizt, es zu kommentieren und zu unterwandern.

Vermutlich wäre aber deshalb erst gar nicht erst in die Versuchung geraten. Vermutlich hätte die Herzogin von Cambridge Alexander McQueen gemieden, wenn es noch Alexander McQueen gehört hätte.

FR, 23.5.2011

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