"Der 11. September hat uns auf eine moralische Probe gestellt"

  • Neill
Interview mit dem New Yorker Schriftsteller Joseph O'Neill
(Zeit Online)

Joseph O'Neill ist halb Ire, halb Türke und ist in Mozambique, Südafrika, dem Iran, der Türkei und Holland aufgewachsen. Seit 1998 lebt er als Schriftsteller in New York. Sein Buch „Netherland", das 2008 erschien und das in New York spielt, gilt als Schlüsselroman für die Welt nach dem 11. September. O'Neill erhielt dafür den renommierten PEN-Preis.

Man nennt Ihr Buch „Netherland" den bisher gelungensten 9/11-Roman. Finden Sie das auch?

Das Label ist natürlich schmeichelhaft. Aber es ist nicht an mir solche Sachen zu beurteilen.

Man sagt Sie hätten etwas Wesentliches über die Zeit nach dem 11. September eingefangen.

Wirklich? Sehen Sie es gab für mich zwei wichtige Dinge am 11. September. Das eine war die Atmosphäre in New York in der Zeit danach und das andere war das ganze Szenario um die Bush-Regierung und den Krieg gegen den Irak. Letzteres ist ein explizites Thema der Diskussionen zwischen der Hauptfigur meines Buches, Hans Van den Broek und seiner Frau Rachel. Erstaunlicherweise fragt mich nie jemand nach diesem zweiten Motiv, obwohl das für mich eigentlich das Wichtigere ist. Ich kann es bis heute nicht fassen, warum man diesen Mörder noch immer mit Samthandschuhen anfasst. Ich glaube da herrscht eine enorme ethische Verwirrung. Man hält es für unangemessen am Jahrestag des 11. September über die Verbrechen von Bush zu reden. Man glaubt, man müsse sich auf die Opfer konzentrieren und könne deshalb nicht darüber sprechen, was in ihrem Namen geschehen ist.

Also ist für Sie die wahre Tragödie nicht der 11. September selbst, sondern die Art, wie Bush Kapital daraus geschlagen hat?

Ich glaube Al Kaida hatte nie geplant, die Türme zum Einsturz zu bringen. Davon waren sie selbst überrascht. Wir haben ja gesehen, dass sie seither auch nicht annähernd dazu in der Lage waren, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Der 11. September war für die Opfer und ihre Angehörigen grauenhaft. Für uns alle wurde es aber erst zur Tragödie, weil wir in dem impliziert sind, was als nächstes geschah. Es wurden unsere Steuergelder dafür ausgegeben, Tausende und Abertausende von Menschen grundlos umzubringen.

Wie schnell nach dem 11. September hatten Sie das Gefühl, ein Buch darüber schreiben zu können?

Ich hatte die Idee zu dem Buch schon lange vor dem 11. September. Nach dem 11. September habe ich mich erst einmal auf das Leben konzentriert, ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas schreiben zu können. Ich konnte den 11. September nicht ignorieren, wusste aber auch nicht, was ich damit anfangen soll. Er hat mich sehr stark betroffen, ich konnte das aber nicht so recht einordnen. Das ist mir erst nach 2003 gelungen, nach der Irak-Invasion.

Wie hat der 11. September sie persönlich getroffen und vielleicht auch verändert?

Ich glaube es war das erste Mal, dass ich mein individuelles Gewissen in ein Verhältnis zur Geschichte bringen musste. Ich bin als Ire aufgewachsen und da hat man immer an die IRA gedacht, aber das war trotzdem noch weit weg von mir. Vom 11.September fühlte ich mich jedoch ethisch auf die Probe gestellt.

In ihrem vorherigen Buch „Blood Dark Track" über ihre beiden Großväter, den irischen und den türkischen und ihre jeweiligen Schicksale im Zweiten Weltkrieg geht es genau um dieses Thema – wie sich das Individuum mit der Geschichte ins Benehmen setzt.

Ja, genau. Und ich habe das Gefühl, dass das mein wahres 9/11 Buch ist. Es ist unmittelbar nach dem 11. September in den USA erschienen. Es geht darum, wie man sich gegenüber der Geschichte verhalten soll. Einer meiner Großvater war ein politischer Extremist, der andere ein extremer Mitläufer. Und beide haben am Ende ein ähnliches Schicksal erlitten.

Und welche Lehre kann man daraus ziehen?

Vielleicht vor allem, dass es sehr schwer ist im jeweiligen Augenblick die Dinge zu verstehen. Das gelingt erst im Rückblick. Aber ich glaube durchaus auch an die individuelle politische Verantwortung. Wenn eine Regierung in Deinem Namen Milliarden ausgibt, um unschuldige Menschen umzubringen, hast Du eine Mitverantwortung. Zumindest die, diese Menschen zur Rechenschaft zu ziehen. Nur leider passiert das in den USA nicht.

Sind Sie denn mittlerweile amerikanischer Staatsbürger?

Ja, seit 2007. Meinen irischen Pass habe ich aber auch noch meinen irischen Pass. Am liebsten hätte ich noch mehr Pässe. Aber das geht leider nicht.

Nationalität hat für Sie mit Identität also nicht viel zu tun.

Ja. Ich fühle mich viel mehr als New Yorker, denn als Amerikaner oder als Ire oder Holländer. New York ist voller Menschen, die ihre vorherigen Identitäten abgestreift haben. Sie wollen New Yorker sein.

Was heißt es für Sie New Yorker zu sein?

Es ist sehr schwer in New York ausgegrenzt zu werden. Es sei denn man ist arm. Aber oberhalb einer bestimmten wirtschaftlichen Grenze kann man aus Timbuktu kommen und ein vollwertiger New Yorker sein. Und diese Offenheit hat sich New York auch trotz dem 11. September bewahrt.

In Netherland spielt Cricket eine zentrale Rolle, ein Sport, der vor allem in sogenannten Nationen der Dritten Welt gespielt wird. Bei ihnen beißt er sich aber unaufhaltsam in New York, im Zentrum der westlichen Welt, fest. Ist Cricket die perfekte Metapher für die Ära nach dem 11. September?

Es ist nicht an mir meine eigenen Metaphern zu deuten. Aber gewiss, Cricket steht für die Globalisierung, für das Andere, das sich nicht mehr ausgrenzen lassen mag. Seit dem 11. September kann keiner von uns mehr daran vorbei schauen, dass unsere Handlungen massive Konsequenzen am anderen Ende der Erde haben. Was im Übrigen für den Einzelnen eine unglaubliche moralische Überforderung darstellt. Wie sollen wir unsere ethischen Ressourcen verwenden, sollen wir uns um die Hungerkatastrophe in Somalia kümmern oder lieber um die Umwelt? Das sind unglaublich schwierige Fragen.

Wie gehen Sie mit dieser moralischen Überforderung um?

Ich lese sehr viel Sportnachrichten. Heute früh habe mich mir Online ein Cricketspiel in Namibia angeschaut. Aber Spaß beiseite, ich habe da keine Antworten. Man muss einfach diese neue Situation anerkennen und versuchen, damit zu leben.

Welche Rolle können denn nationale Identitäten in einer solchen Welt noch spielen?

Ich denke im Sport haben sie einen Platz. Warum soll man da nicht seine spezielle Geschichte und Identität feiern. Ich bin im Sport etwa immer für die Iren. Außer im Fußball. Da bin ich Engländer. Ansonsten habe ich keine Zeit mir allzu viele Gedanken über meine Identität zu machen.

Es sei denn, über ihre Identität als New Yorker.

Ja, aber dabei geht es um Gemeinschaft. Das ist etwas anderes als Nationalität.

Wie hat denn 9/11 New York und die New Yorker verändert.

Ehrlich gesagt glaube ich praktisch überhaupt nicht, Außer vielleicht, dass danach viele Leute nach Brooklyn gezogen sind und Brooklyn schick gemacht haben. Ansonsten redet hier schon lange niemand mehr über 9/11. Anfangs hat man sich Sorgen gemacht, ob es noch ein Attentat gibt. Als klar wurde, dass da nichts mehr kommt, hat kein Mensch mehr über 9/11 gesprochen.

Warum wollen die New Yorker nicht mehr über 9/11 reden?

Ihnen wurde schnell klar, dass das ganze eine Riesenabzocke ist. Wenn man nicht tatsächlich in den Türmen selbst drinnen war, dann hat man 9/11 in New York auch nicht unmittelbarer erlebt, als in Berlin oder in Moskau. Die meisten New Yorker haben sich von Anfang geweigert, das mitzumachen und sich öffentlichkeitswirksam als Opfer zu positionieren. Ich glaube die New Yorker haben das instinktiv als geschmacklos empfunden.

Was bedeutet Ihnen das zehnte 9/11 Jubiläum?

Ich frage mich dabei nur, warum George Bush nicht im Gefängnis sitzt. Warum hat es keine Untersuchung zum Irak-Krieg gegeben?

Davon abgesehen, ist für Sie die Epoche nach 9/11 abgeschlossen?

Ich würde am Liebsten über etwas anderes nachdenken. Aber wir haben ja noch immer mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Ich denke etwa an den Aufstieg von Fox News und die komplette Verblödung der Fernsehnachrichten. Das hat direkt mit dem 11. September zu tun. Diese völlige Aufhebung jeglicher Rationalität im öffentlichen Diskurs, das haben wir auch 9/11 zu verdanken.

Welche Auswirkungen hat das denn auf die Rolle des amerikanischen Schriftstellers?

Ich komme mir manchmal vor wie ein Sowjet-Schriftsteller. Wir werden zunehmend die einzige Quelle von Wahrhaftigkeit, selbst wenn wir nur über einen Baum schreiben.

Hat 9/11 Sie politischer gemacht?

Ich bin kein besonders politischer Mensch. Aber ich habe manchmal das Gefühl, ich habe keine Alternative. Wenn man in einer Gesellschaft lebt, die jeden Moment in die Hände von Extremisten fallen kann, dann ist man automatisch politisiert. Wenn die Regierung hier normal wäre, würde ich Tee trinken, Spaziergänge auf dem Land unternehmen und mich mit Cricket beschäftigen. Aber ich habe keine andere Wahl.

Zeit Online, 11.9.2011

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