Reise zum Nerdpol

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Mit ihren Nonsense überzieht die Gemeinde der Internetfreaks die digitale Welt. Es ist eine verschworene Subkultur, die eigentlich nur online existiert. Es sei denn, ihre Mitglieder treffen sich zur ROFLcon in Massachusetts. Ein Erlebnisbericht vom viralsten Ort der Welt.
(Financial Times)

So richtig versteht David Devore nicht wovon hier geredet wird, doch er sitzt trotzdem geduldig in der vorletzten Reihe des Hörsaals und lauscht der Referentin. Schließlich soll es ja irgendwie auch um ihn gehen. Am Mikrofon der vollgepackten Aula am Massachussetts Institute of Technology steht Danah Boyd, Leiterin der Forschungsabteilung für soziale Medien bei Microsoft. Ihr Thema ist „subkulturelles Kapital".

Es ist der erste Tag von Rofl Con, der zweiten „Konferenz für Internet-Kultur", wie es sehr allgemein in der Selbstbeschreibung heißt. Gemeint ist damit allerdings nur eine bestimmte Art der Internet Kultur – alles nämlich, was irgendwie schräg und anders ist; alles, was IRL (In real Life) vermutlich keine Aufmerksamkeit erregen würde, im schrankenlosen weltweiten Netz aber aus irgendwelchen Gründen zum Kult wird. Alles eben was das Code-Label ROFL (Rolling on the Floor Laughing) verdient.

David Devore ist einer der Stars des Treffens am Ufer des Charles River hier in Boston. Im vergangenen Jahr nahm er mit einer Digicam seinen nach einer Zahn-Narkose völlig beschwipsten Sohn auf und landete damit einen You-Tube Superhit. Innerhalb von drei Tagen schauten sich drei Millionen Leute an, wie der kleine David mit schwerer Zunge fragte, ob „dies hier denn das wirkliche Leben" sei und wie er vergeblich versuchte, seine Finger zu zählen. Der Nachrichtensender CNN spielte den Clip, der bald als „David after Dentist" berühmt wurde, die beiden Devores wurden wochenlang bei den Talkshows herum gereicht und ein knappes Jahr später hat das Filmchen beinahe 60 Millionen Hits.

Insofern verfügt Devore über beträchtliches „subkuturelles Kapital", doch der Vortrag von Danah Boyd geht trotzdem meilenweit über seinen Kopf. Boyd leitet mit schulsoziologischer Gründlichkeit den Begriff aus dem Werk von Pierre Bourdieu her und predigt dann feurig die Notwendigkeit, dieses vor dem Mainstream und den Begehrlichkeiten von Marketingabteilungen großer Konzerne zu schützen –ungeachtet der Tatsache, dass sie selbst ihr Gehalt von Microsoft bezieht. Es ist ein sperriger Stoff, hochabstrakt und trocken, etwas für humanistisch gestählte Geister. David Devore ist hingegen alles andere als akademisch geschult. Er ist Immobilienmakler, unter „subkulturellem Kapital" kann er sich nur wenig vorstellen und den Namen Bourdieu könnte er nicht aussprechen, wenn sein Leben davon abhinge.

Dafür blüht Devore dann auf, als er im Anschluss an den Vortrag im Flur vor dem Hörsaal Matt Sloan alias Chad Vader vorgestellt wird. Die beiden verbindet das gleiche Schicksal – ihre Bekanntheit im Internet ist über Nacht explodiert, ihre Clips sind „viral" gegangen, wie es im Slang heißt. Ihre Postings sind sogenannte „Memes" - so würde es jedenfalls die Internetforscherin Boyd bezeichnen.

Sloan spielt in seinen Clips, die er auf Youtube stellt, den missratenen kleinen Bruder des Star Wars Bösewichts Darth Vader. Chad ist als „Tagesschichts-Manager" in einem Supermarkt gelandet und muss sich dort mit den Banalitäten des Kleinstadtlebens herumschlagen, während sein Bruder im Universum um die Herrschaft ferner Welten ringt. Die Chad Vader Serie ist mittlerweile im Netz so populär, dass Matt Sloan von der Werbung leben kann. Er hat sein „subkulturelles Kapital" zu barer Münze gemacht.

Die Begegnung von David und Chad ist so etwas wie ein Gipfeltreffen bei Rofl Con. Sofort strömen die Fans zusammen, als die zwei Giganten des Rofl-Universums sich die Hand schütteln und ein wenig Small Talk halten. Es ist ein magischer Moment für die Generation Nerd, etwa so, als würden sich Messi und Ronaldo zu einem Bolzplatz-Kick treffen, oder als würden Beyonce und Lady Gaga ein Duett singen.

Es sind solche Momente wegen derer die Szene bei MIT zusammen gekommen ist – Momente, die nur für sie eine Bedeutung haben und durch die sie sich deshalb als Subkultur abgrenzen. Das Wochenende in Boston ist vollgestopft mit solchen Begebenheiten, bei denen die Eingeweihten sich augenzwinkernd gegenseitig bestätigen können, dass sie zu einem eingeschworenen Kreis gehören.

In der Vortragspause am Samstagnachmittag etwa läuft auf der Freifläche vor dem Instituts-Gebäude ein junger Mann im prä-ipod-Stil mit einem tragbaren CD Player umher, aus dessen Lautsprechern Rick Astleys 80er Jahre Hit „Never Gonna Give You Up" dröhnt. Es ist eine nostalgische Anspielung aber nicht etwa an die Zeit, in der Astley in den Charts war. Damals waren die meisten RoflCon Teilnehmer noch nicht auf der Welt oder jedenfalls nicht älter als der kleine David. Erinnert wird vielmehr an den Sommer von 2007, in Netz-Zeitdimensionen also vor Jahrhunderten, als es ein Running-Gag war, verdeckte Links zu einem Astley-Video zu legen. „Rickrolling" hieß das.

Auch das offizielle Rofl Con T-Shirt ist eine solche Anspielung, ein Hemd in dicken Anführungszeichen. Darauf heulen drei Wölfe den Mond an, die Airbrush-Grafik könnte vom Tank einer Harley oder von der Seite eines Wohnmobils stammen. Rofl-Conner wissen sofort, was es damit auf sich hat, dass die Organisatoren und Freiwillgen in dieser Rocker-Kluft durch die Seminarräume von MIT huschen. Das T-Shirt gibt es zu 20 Dollar auf Amazon zu kaufen und es erzielte Verkaufsrekorde, nach dem der Student Brian Govern eine parodistische Kundenkritik gepostet hatte. „Als ich mit dem T-Shirt von meinem Wohnmobil zum Wal Mart hinüber schlenderte, wurde ich sofort von mehreren Frauen angesprochen", schrieb Govern. „Die Frauen wussten wegen der Wölfe auf dem Hemd, dass ich ein mysteriöser Einzelgänger bin, der hin und wieder den Mond anheult (ihr versteht, was ich meine). Die Frauen wollten wissen, ob ich mit ihnen schlafen könnte oder ihnen wenigstens ein wenig Meth abgeben. Ich sagte nein, dafür hätte ich nicht genügend Zähne und außerdem sollte sich ein Mann mit einem Wolfs-Hemd nicht auf das erstbeste einlassen, das ihm begegnet."

Das Hemd war, wie Governs Werbung deutlich machte, für Rednecks gedacht, doch durch seine Parodie wurde es stattdessen in der schrägen Welt des Internet-Humors ein Schlager. Ebenso wie die Orgel spielende „Keyboard Cat" von Charlie Schmidt, welche die ROFL Gemeinde so witzig findet, dass sie sie mit immer neuen Clips zusammen schneidet und auf Youtube stellt; oder die Website „Awkward Family Photos", auf der Mike Bender die bizarrsten Familenfotos sammelt, die er finden kann; oder Lamebook – eine Seite, die den dümmsten Facebook Posts gewidmet ist.

Es ist eine ganz bestimmte Art von Humor, die all diesen Phänomenen gemeinsam ist- ein zutiefst pubertärer Witz, der sich jedoch in seiner unreifen Albernheit seiner selbst voll bewusst ist. Man kann es nicht anders beschreiben, als eine Nerd-Sensibilität, die sich Dank der Anonymität des Internet an die Öffentlichkeit traut. Rofl ist das Coming Out der ewig Pickeligen.

Seltsamerweise hatte die Generation Rolf ihrer sprichwörtlichen sozialen Unbeholfenheit zum Trotz dann aber doch irgendwann das Bedürfnis, sich auch einmal in Fleisch und Blut zu begegnen. So entstand das erste Rofl Con-Treffen vor zwei Jahren. „Es gab hier in Boston einen Auftritt des Internet-Comic Zeichner Randall Munroe", erzählt Rofl Con Gründer Tim Hwang, ein kleiner, untersetzter, und unverkennbar nerdiger Asiate. „300 Leute sind damals aufgetaucht und da habe ich gemerkt, dass die Leute unbedingt auch einmal persönlich ihre Stars aus dem Netz kennen lernen wollen."

Deshalb organisierte der heute 23 Jahre alte Havard-Student die erste Rofl Con 2008. Es war mehr Festival als Konferenz, die Netzstars präsentierten sich ihren Fans und alle zelebrierten gemeinsam ihre schrullige, eigene Ästhetik. „Tron Guy, Gem Sweater Lady and the Firefox go to a bar", betitelte das Wired-Magazine seinen Bericht über Rolf Con I in Anspielung an drei der Hauptakteure, damalige Netzkultfiguren, über die heute kaum jemand mehr spricht. Der Artikel beschrieb die exaltierte Stimmung damals – eine Mischung aus Woodstock, Rocky Horror Picture Show und CeBit.

Ein wenig von diesem karnevalshaften Vibe war auch diesmal noch zu spüren. Aber ROFL Con II war auch unüberhörbar von bierernsten Zwischentönen durchsetzt. Und das nicht nur wegen der kulturtheoretischen Verortung der Netz-Subkultur durch Professor Boyd zum Auftakt. Vielmehr sprach Boyd nur wissenschaftlich an, was die Rolfcons das ganze Wochenende lang umtrieb: Das Gefühl, erwachsen zu werden und deshalb an einem Scheideweg zu stehen. So wurde der Sonntagnachmittag nicht etwa damit verbracht, „die Welt mit Lächerlichkeit" zu überziehen, wie es das Motto von Rofl Con versprach, sondern den eigenen Standort zu bestimmen.

Es war dieselbe Art von Angst erfüllter Nabelschau, die jede Subkultur befällt, wenn sie entdeckt wird. Große Fragen wurden durch den Raum gewälzt und mit der beinahe verbiesterten Dringlichkeit diskutiert, die einst wohl auch Hippies oder Punks angetrieben hat, als sie vom Mainstream entdeckt und vermarktet wurde oder vor der Entscheidung stand, sich in der etablierten Politik zu engagiert. Wer sind wir eigentlich? – Wo wollen wir hin? – Was bedeutet es, wenn wir mit dem, was wir tun, nun Geld verdienen? Bedeutet das Aufgesogen-Werden durch den Mainstream, wie ausgerechnet Danah Boyd von Microsoft glaubt, einen Ausverkauf und einen Identitätsverlust oder ist es gar ein Triumph – eine Art Marsch durch die Institutionen, bei dem die karnevalistische Sensibilität der Generation Rofl Con das ganze Netz, ja vielleicht die ganze Gesellschaft erobert?

Letzteres glaubte etwa Jamie Wilkinson, der die Website „Know your meme" betreibt – eine Art Online-Lexikon der Internet-Sensationen von David After Dentist und Chad Vader bis hin zu Garfield Minus Garfield, dem Comic Blog des Iren Dan Walsh, in dem die Garfield-Strips ohne die Titelfigur gezeigt werden und somit einen ganz neuen, düsteren Witz bekommen. „Wir sind dabei zu gewinnen", proklamierte Wilkinson mit vor Pathos zitternder Stimme. Facebook und Youtube hätten es möglich gemacht, den einstigen Kult aus seiner Nerd-Niesche zu holen und auf den Desktops von Bankvorständen und Rechtsanwaltsgehilfen zu verbreiten.

Brian Huh, der mit seiner Website „I can haz Cheeseburger" mittlerweile mehr als 40 Angestellte beschäftigt, setzte dieser Selbstüberhöhung gar noch eins drauf. „Dies ist ein ganz besonderer Moment in der Geschichte", schloss er das Panel, kurz bevor die Rofl Coner zu ihrer Abschluß-Tanzparty in die Bostoner Nacht verschwanden. „Wir sind an der Vorderfront einer Subkultur, die dabei ist, die wichtigste Kultur der Welt zu werden."

Spätestens an dieser Stelle wäre es eine Erleichterung gewesen, wenn jemand im Saal einen Witz gerissen hätte. Angriffsfläche dazu gab es genug: Huhs Seite besteht aus lustigen Katzenfotos und Videos, die Nutzer mit ironischen Untertiteln versehen. Das ist putzig und vielleicht auch vorübergehend profitabel. Aber verändert es die Welt?

Statt eines Kalauers füllte jedoch stehender Applaus der 900 Nerds den Saal. David Devore war nicht mehr unter ihnen, er hatte sich nach dem ersten Tag verabschiedet. Er hatte wohl einfach zu wenig zu lachen hier.

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