Kühl vom eigenen Sterben berichten

  • Hitchens
Tapferer Trotziger: Der Autor und Journalist Christopher Hitchens, Amerikas profiliertester Atheist und todkrank, versichert, er werde sich nicht bekehren lassen.
(Frankfurter Rundschau, 19.8.2010)

Auf den ersten Blick wirkt die Szene, die da auf der Internetseite des Intellektuellen-Magazins Atlantic zu beobachten ist, wie eine gemütliche Plauschstunde unter Freunden. Christopher Hitchens hat es sich im Salon seiner Wohnung in Washington bequem gemacht, er hat die Beine übereinander geschlagen, auf seinem Schoß hält er eine Tasse Tee. Ihm gegenüber sitzt Jeffrey Goldberg, Redakteur des Atlantic, daneben Hitchens' Freund Martin Amis, der britische Romancier. Es ist eine illustre literarische Runde doch das Thema ist an diesem Nachmittag im August ist weder George Orwell noch die große Weltpolitik, zwei Gegenstände besonderer Leidenschaft für Hitchens. „Ich sterbe" beginnt der 61-Jährige das Gespräch lakonisch. „Wenn ich noch fünf Jahre habe, bin ich ein glücklicher Mann." Dabei klingt seine Stimme nüchtern und ruhig, wie die eines Nachrichtensprechers.

Der Anglo-Amerikaner Hitchens, Verfasser von 15 Büchern und Universal-Intellektueller der alten Schule, wurde vor wenigen Wochen mit Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Die Prognose ist „ganz und gar nicht gut", wie er selbst sagt, er hat sich darauf eingerichtet, dass er „wahrscheinlich nicht die Wiedererrichtung des World Trade Center erlebt und auch keinen Nachruf auf Joseph Ratzinger wird schreiben können." Eines will er aber unter allen Umständen – so distanziert wie möglich vom Sterben berichten.

Amerika verfolgt diese Aufzeichnungen aus dem „Land der Todgeweihten", wie Hitchens seinen neuen Wohnsitz nennt, mit äußerster Spannung. Nicht, weil die Mehrheit der Amerikaner der Person Hitchens besondere Sympathien entgegen bringen oder auch nur, weil sie den noch immer intakten Witz und Geist des Kolumnisten so schätzen. Neugierig ist man vor allem auf eines: Ob der bekennende Atheist es bis zum Ende durchhält, Gott die kalte Schulter zu zeigen oder ob er im Angesicht des Todes doch schwach wird und den Herrn um Gnade anfleht.

Diesen Gefallen will Hitchens, der vor drei Jahren mit seiner Streitschrift „God is not great" dem evangelikal angeheizten Amerika die ganze Verachtung des humanistisch gestählten Oxford-Absolventen entgegen schleuderte, jedoch den Missionaren unter seinen Lesern nicht tun. „Niemand, der als ich erkennbar ist", sagte er bei dem Roundtable-Gespräch mit dem Atlantic, „wird jemals so etwas von sich geben." Er wolle nicht ausschließen, dass „irgendeine völlig verängstigte, gepeinigte Person, welcher der Krebs in das Hirn gekrochen ist", im späteren Verlauf seiner Krankheit eine solche Bemerkung machen würde. Er könne jedoch garantieren, dass diese Entität nicht Christopher Hitchens sei.

Das einzige Selbst, das Hitchens anerkennt, ist das Idealbild des kühlen, analytischen Intellektuellen, dem er nacheifert, seit er in den 60er Jahren bei Popper studierte. Und es ist das Ideal, dem er bis zum letzten Atemzug zu entsprechen gedenkt.

So schrieb Hitchens in der ersten Folge seines Tagebuchs des Todes, nachzulesen in der Septemberausgabe von Vanity Fair, dass die berühmten fünf Stufen des Sterbens von Elisabeth Kübler-Ross auf ihn nicht zutreffen. Die erste Stufe des Leugnens habe er schlicht übersprungen, dazu sehe er seine Situation zu objektiv. Die zweite Stufe der Wut, jenes „Winseln, dass das doch alles nicht fair sei", habe er auch ausgelassen. Stattdessen sei er gleich zur dritten Stufe gesprungen, dem Feilschen um ein wenig Zeit, auf der man etwa seinen Geschmacksinn, seine Haare oder seine Verdauung gegen ein paar Monate mehr Leben eintauscht.

Hätte er gewusst, dass er bei diesem Kuhhandel auch seine Sexualität würde verpfänden müssen, hätte er sich das ganze freilich vielleicht noch einmal überlegt, sagt Hitchens. Momentan könnte Penelope Cruz seine Krankenschwester sein, er würde es nicht einmal merken. „Im Krieg gegen Thanatos, ist der sofortige Verlust des Eros das größte Opfer."

Das sind die Worte jenes hart gesottenen Macho-Intellektuellen, den Hitchens gibt, seit er in der Öffentlichkeit steht; jenes Mannes, der sich stets offen zu seinen zahllosen Affären mit Angehörigen beider Geschlechter bekannt und sich dabei genauso jegliches moralische Urteil verbeten hat, wie bei seiner reuelosen Sauferei und seiner unersättlichen Nikotinsucht.

Für diesen Lebenswandel ist er nun bereit, ohne Selbstmitleid die Konsequenzen zu tragen. Ein tapferer Trotz, der denjenigen nicht viel Mut machen kann, die auf ein Zu-Kreuze-Kriechen von Hitchens warten. Hoffnung darauf, dass Amerikas exponiertester Atheist seine Meinung ändert, kann den von ihm brüskierten Gläubigen eigentlich nur noch eines machen: Die Tatsache, dass Hitchens in seinem Leben schon einmal grundlegend seine Meinung geändert hat.

Hitchens ist ein Kind der 60er Jahre, auch wenn ihm als britischer Upper-Class Intellektueller die Hippie-Kultur eher fremd war. Ihm war Ho-Chi Min näher als Jimi Hendrix, Karl Marx sagte ihm mehr als Bob Dylan. Hitchens war Anti-Vietnam-Kriegs Demonstrant, Trotzkist, aktives Mitglied der Labour Partei. Einer seiner ersten Jobs als Journalist in den USA war es, eine Kolumne für die „Nation" zu schreiben, eine Wochenzeitschrift am äußersten linken Rand des politischen Spektrums der USA. Nach dem 11. September 2001 vollzog Hitchens jedoch eine politische Kehrtwende um 180 Grad – er sprach sich vehement für die Invasion des Irak aus, wechselte von der Nation zum neo-konservativen „National Review" und unterstützte im Wahlkampf von 2004 George Bush.

In seinen eben erst erschienen Memoiren stellt Hitchens diesen Seitenwechsel allerdings mitnichten als Widerspruch dar. Er sei nach wie vor historischer Materialist, führt er aus und habe lediglich, wie schon bei Bosnien, im Irak keine Alternative zur Intervention gesehen: „Hätten wir den Irak denn so lassen sollen, wie er ist?", fragt er seine Kritiker.

Für Hitchens war der vermeintliche politische Verrat nur folgerichtig. Es war eine Entscheidung, die Vernunft und sein persönliches Moralempfinden über die Angst zu stellen, anzuecken. Hitchens zögert nicht, sich Feinde zu machen – sogar von seinem Bruder, einem treuen Anhänger der anglikanischen Kirche, hat er sich nicht zuletzt wegen dessen religiöser Überzeugung entfremdet.

Immerhin, sagt Christopher Hitchens, könne er es mit einer gewissen Dankbarkeit annehmen, wenn Leute wie sein Bruder für ihn beteten. Insofern jedenfalls, als sie nur für seine Genesung beten. Wer hingegen dafür betet, dass seine Seele gerettet wird, soll ihm jedoch bitte, solange er noch klar denken kann, den Buckel herunter rutschen.

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