"Information wird zur Waffe"

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Der preisgekrönte Journalist Mark Bowden über die Folgen der Medienkrise für den Journalismus
(Frankfurter Rundschau)

 

Mark Bowden schreibt regelmäßig für „Vanity Fair" und das „Atlantic" Magazin und unterrichtet Journalismus an der Loyola Universität. Bowden wurde vor allem bekannt für seine Reportage in Buchlänge über die Schlacht um Mogadischu, „Black Hawk Down", die 2001 von Ridley Scott verfilmt wurde, sowie für sein Buch über die Jagd des CIA auf den kolumbianischen Drogen-Boss Pablo Escobar, „Killing Pablo". In der jüngsten Ausgabe des „Atlantic" hat Bowden einen Essay zum „postjournalistischen Zeitalter" veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie die US-Medien in Zeiten der Krise immer stärker dazu neigen, sich als Propaganda-Instrumente missbrauchen zu lassen.

Herr Bowden – Sie betreiben einen sehr aufwändigen investigativen Journalismus. Sie sind Monate, zum Teil Jahre für eine Geschichte unterwegs. Ist es durch die Medienkrise schwieriger für Sie geworden, diese Art von Journalismus zu praktizieren?
Nein, ich bin wegen des Erfolges meiner Bücher in einer sehr glücklichen Lage. Die Nachfrage nach meiner Arbeit ist noch immer groß. Es gibt zum Glück noch immer ein paar Zeitungen und Zeitschriften im Land, die bereit sind, Geld für ernsthaften, gründlichen Journalismus auszugeben. Ich gehöre aber zu einem sehr elitären Club.

Es gibt also in den USA nur noch sehr wenige Journalisten, die so wie Sie arbeiten können.
Ich komme gerade von einer mehrtägigen Reise durch Osteuropa mit Vizepräsident Joe Biden zurück. Früher wäre bei einer solchen offiziellen Reise ein ganzes Corps von Reportern dabei gewesen. Diesmal waren wir zu Dritt – ich, ein Reporter von der New York Times und einer von der Washington Post. Es gab eine Zeit, in der jede wichtige Zeitung und die meisten großen Zeitschriften einen Stab an Reportern beschäftigte, die ernsthaften, investigativen Journalismus betrieben. Aber es werden immer weniger.

Das Kernargument in ihrem jüngsten Artikel im „Atlantic" ist, dass der Niedergang des seriösen Journalismus zu einer politisch hoffnungslos polarisierten Medienlandschaft führt. Ist das eine Widerspiegelung der Tatsache, dass die amerikanische Öffentlichkeit ohnehin stark polarisiert ist oder ist sie wegen der Polarisierung der Medien so stark gespalten?
Ich glaube die beiden Dinge verstärken sich gegenseitig, aber als Reporter mache ich schon sehr stark den Niedergang des ernsthaften Journalismus für die immer extremere Spaltung der amerikanischen Öffentlichkeit verantwortlich. Anstatt Berichterstattung bekommen wir nur noch Polemiken von beiden Seiten. Es gibt im Fernsehen zur Hauptsendezeit heute praktisch keine Nachrichtensendung im eigentlichen Sinn mehr. Das, was sich dort als Berichterstattung ausgibt, ist nur noch Propaganda. Ich halte das für ein sehr ernsthaftes Problem. Der Zorn, mit dem diese Propaganda vorgetragen wird, tendiert sehr stark in Richtung Gewalt.

Glauben Sie, dass jeglicher soziale Konsens durch die Medienkrise und die damit einhergehende Polarisierung der Medien in den USA unmöglich wird? br/>
Unabhängiger Journalismus spielt immer eine wichtige vermittelnde Rolle zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft. Eine kritische Masse an unabhängigen Publikationen ist für einen zivilisierten und intelligenten öffentlichen Diskurs wesentlich. Ohne einen lebendigen seriösen Journalismus ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auf politischer Ebene eine Verständigung gibt, sehr gering. br/>
Also hat es Barack Obama mit seiner Botschaft des Konsenses im momentanen Medienumfeld besonders schwer.
Mit Sicherheit. Ein talentierter Politiker wie er kann sich zwar bis zu einem gewissen Grad über die grassierende Dummheit dessen hinweg setzen, was wir da im Kabelfernsehen geboten bekommen. Aber es ist ein zähes Ringen, vor allem weil seine politischen Gegner alles dazu tun, diesen Medien in die Hände zu spielen.

Wie ist es dazu gekommen, dass auf allen Sendern nur noch Propaganda verbreitet wird?
In meinem Stück im Atlantic habe ich an einem Fallbeispiel die Mechanismen geschildert: Eine konservative Propaganda-Organisation hat es geschafft, einen diffamierenden Video-Clip über die Oberste Richterin Soja Sotomayor auszugraben und zu ihrer Amtseinführung in allen Sendern zu platzieren, nicht nur in den rechten Sendern wie Fox. Sotomayor scheint in diesem Clip etwas zu sagen, das konservative Verschwörungstheorien bestätigt: Sie sagt, dass von der Richterbank aus regiert wird. Natürlich war der Clip gezielt aus jedem Zusammenhang gerissen worden. In der Rede, aus welcher der Clip stammt, hat Sotomayor sehr sorgfältig existierende juristische Mechanismen beschrieben, ohne sie jedoch zu befürworten. Jeder, der sich die Mühe macht, den ganzen Vortrag zu hören, merkt das sofort. Die vermeintlich seriösen Sender haben diesen Clip nicht aus politischen Gründen verwendet, sondern entweder aus Faulheit oder weil sie nicht genügend Mittel hatten, um einen eigenen Beitrag zu produzieren. Also nehmen sie sich einfach diese Angebote aus dem Internet, die zwar nach Journalismus aussehen, in Wirklichkeit aber Propaganda sind. Je weniger die großen Nachrichtenorganisationen für eigene Recherche bezahlen, desto anfälliger werden sie für derartige Dinge.

Der Sender Fox News mit seinen Hass-Shows steht an erster Stelle im Ranking der Einschaltquoten. Was ist die Attraktion solcher Sendungen, warum schauen die Leute sich das an? br/>
Sie sind voller Konflikt und Drama. Das ist unterhaltsam. Wir verwischen in diesem Land die Grenze zwischen Journalismus und Unterhaltung schon seit so langer Zeit, dass die Leute das nicht mehr unterscheiden können, inklusiver vieler Journalisten. Als wir mit Joe Biden in Osteuropa waren, haben ihn Reporter aus der Region nach den Themen befragt, die ihnen wichtig waren, wie etwa die Erdgasleitung oder den Raketenschutzschild, also wirkliche Sachfragen. Das war für uns ein Aha-Erlebnis, weil wir das gar nicht mehr gewohnt sind. Amerikanische Reporter hätten ihn wahrscheinlich nach dem Ballon Boy gefragt.

Hat denn die Balloon Boy-Episode in Amerika einige Leute aufwachen lassen? Da war es doch offensichtlich, dass alle Medien einem Betrug aufgesessen sind und sich haben von einer Publicity-süchtigen Familie missbrauchen lassen.
Nein, im Gegenteil. Die Geschichte hat ja den Sendern extrem hohe Einschaltquoten gebracht. Zirkusgründer P.T. Barnum hat einmal gesagt, dass noch nie jemand Pleite gegangen ist, indem er die Intelligenz des amerikanischen Volkes unterschätzt. Man wünscht sich natürlich, dass die Öffentlichkeit irgendwann einmal von derartigen Albernheiten die Nase voll hat. Aber ich habe da leider keine große Hoffnung.

Sie glauben also nicht, dass es noch einen Markt für ernsthaften Journalismus gibt?
Kurzfristig kaum mehr. Langfristig glaube ich, dass der ernsthafte Journalismus sich auch im digitalen Zeitalter durchsetzen wird. Zeitungen haben als ernsthafte Nachrichtenorganisationen beinahe 100 Jahre lang überlebt. Ihr Geschäftsmodell ist jetzt erst einmal zerstört worden, aber es wird sich in anderer Form wieder neu etablieren. Leider passiert das nicht so schnell, wie die Zeitungen derzeit sterben. Wir befinden uns in einer post-journalistischen Periode und ich weiß nicht, wie lange diese anhält. Ich bin aber sicher, dass sie vorbei geht.

Glauben Sie, dass Regierungen den unabhängigen Journalismus retten sollten?
Auf keinen Fall. Die Öffentlichkeit würde einem subventionierten Journalismus niemals trauen, selbst wenn eine mögliche Einflussnahme der Regierung streng reglementiert würde. Vertrauen ist in unserem Gewerbe essentiell. Journalismus muss unabhängig bleiben, sonst verliert er seine Legitimität. br/>
Die wenigsten Menschen scheinen sich klar zu machen, was verloren ginge, wenn wir keinen ernsthaften Journalismus mehr hätten. Warum schaffen es die verbleibenden seriösen Medien nicht, das zu transportieren?

Wenn alte Reporter wie ich daher kommen und die Rettung des Qualitätsjournalismus fordern, ist es sehr einfach für die junge Generation, das als Nostalgie oder Verbitterung abzutun. Dabei haben sehr viele Journalisten in meinem Alter sehr enthusiastisch die neuen Medien begrüßt. Ich glaube ganz fest daran, dass das neue Medium dem alten bei Weitem überlegen ist. Aber es zerstört natürlich erst einmal die Institutionen, die den seriösen Journalismus am Leben erhalten. So weit denken nur leider die wenigsten Konsumenten. Das ist tragisch.
Wie erklären Sie Ihren Studenten, warum wir traditionellen Journalismus brauchen?
Junge Leute lieben die Unabhängigkeit der neuen Medien, wo Information ungefiltert ist. Ich nehme hingegen die New York Times in die Hand und bin dankbar dafür, dass dort Redakteure am Werk sind, die sich jeden Tag die Nachrichten aus der ganzen Welt anschauen und abwägen, was wichtig ist und wie sie es darstellen sollen. Jüngere Leser hingegen scheinen diesem Auswahlprozess eher zu misstrauen. Sie möchten sich ihr eigenes Paket zu schnüren. Die Realität ist aber doch, dass die meisten Leute weder die Zeit noch die Kompetenz dazu haben, ein Auswahlverfahren auf dem Niveau zu treffen, das eine gute Zeitung anbietet.

Welche Auswirkungen hat der Niedergang des Qualitätsjournalismus auf die Politik und das öffentliche Leben?
Das Wichtigste, das wir verlieren, ist eine Basis auf der wir uns trotz unserer Differenzen verständigen können. Der Bürger kann keiner einzigen Informationsquelle mehr trauen, weil alle Information zur Propaganda wird. Außerdem geht eine ganze Kultur unter. Ich glaube nicht, dass Leute mit der Ethik und der Motivation auf die Welt kommen, die den professionellen Journalismus antreiben. Man muss das lernen, man wächst da hinein. Als ich mit 21 als Reporter angefangen habe, hatte ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht, ob es richtig ist, von jemandem einen Gefallen anzunehmen, über den ich vielleicht einmal berichten muss. Ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, warum es wichtig ist, beide Seiten einer Geschichte zu erzählen. Man kann diese Dinge nur lernen, in dem man für eine Organisation arbeitet, die sie pflegt. Junge Leute, die in ihrem Keller vor sich hin bloggen, haben keine Ahnung von dieser Kultur. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie Fehler machen oder Unwahrheiten schreiben. Es hat keine Konsequenzen. Irgendjemand wird das schon richtig stellen. Es ist eine ganz andere Philosophie. Dahinter steckt der Gedanke, dass sich über kurz oder lang sowieso alles nivelliert.

Sie glauben nicht, dass der freie Diskurs im Internet sich selbst regulieren kann?
Nein das glaube ich nicht. Was wir dann haben, ist der öffentliche Diskurs als eine Art Strafprozess. Die Aufgabe der Anwälte - also der Journalisten - ist es dabei nicht, wahrhaftig zu sein, sondern einzig und alleine, den Fall zu gewinnen und die Geschworenen - also die Leser - mit allen Mitteln auf ihre Seite zu ziehen. Information wird zur Waffe, Verständigung und Kompromiss, ein sich aufeinander zu bewegen, werden unmöglich. Diese Dinge sind aber für das Funktionieren einer Demokratie wesentlich. Das Modell der öffentlichen Debatte als Krieg der Polemiken ist für mich zutiefst fehl geleitet.

Demokratie kann es also ohne seriösen Journalismus nicht geben. 
Sie wäre zumindest extrem fragmentiert und es würde immer schwieriger, anstehende gesellschaftliche Aufgaben zu bewältigen. Am schlimmsten ist jedoch, dass die Gesellschaft immer stärker zur Gewalt neigen würde.

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