Zu zahm für die Farm

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Taylor Swift und die Country Musik
(Tagesspiegel)

Taylor Swift schwebt wie eine Fee durch die Videos zu ihren Songs. Ihr spindeldürrer Teenagerkörper wird von hauchzarten Kleidern in Pink umflattert, sie hüpft barfuß durch Blümchenwiesen, während ihre goldblonde Engelsmähne hinter ihr her weht; sehnsüchtig schaut sie dem Kapitän der Highschool-Football Mannschaft hinterher oder liegt verträumt auf dem Bett ihres plüschigen Mädchenzimmers und schreibt Briefe. Dazu singt sie immer wieder nur von Einem: Wie es ist, als 16-Jähriges Mädchen verliebt zu sein.

Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man in Amerika traditionellerweise mit Country-Musik in Verbindung bringt. Country, das war einst das zerfurchte Gesicht von Johnny Cash, der mit seiner Reibeisenstimme von Einsamkeit und Tod, von Suff und Drogen und vom Leben im Gefängnis singt. Das war Bruce Springsteen, der Balladen von der bitteren Armut arbeitsloser Stahlarbeiterfamilien erzählt. Das war Jimmy Rodgers, der aus seiner bereits mit TBC infizierten Lunge Klagelieder für die zerlumpten Vagabunden in den Güterwagons des Westens anstimmt. Country, schreibt der Musik-Historiker Nicholas Dawidoff, sei die Musik der einfachen Leute, die von der amerikanischen Gesellschaft vergessen wurden und die in simplen Liedern ihre Geschichten erzählen.

Und doch ist im vergangenen Jahr irgendwie die 19-Jahre alte Tochter eines millionenschweren Börsenmaklers aus Pennsylvania zur unangefochtenen Queen of Country aufgestiegen. Bei den Country Music Awards in diesem Jahr räumte sie in den Kategorien beste weibliche Stimme und beste Künstlerin ab. Ihr Album „Fearless" wurde mit vierfachem Platin prämiert und war die erfolgreichste Scheibe des Jahres. Swift wurde vom Branchenmagazin Billboard zur Musikerin des Jahres gewählt und für ganze acht Grammys – die Oscars der Musikbranche - nominiert. Ihre Welttournee in 52 Städten war komplett ausverkauft.

Puristen wie etwa die 78 Jahre alte Country Legende George Jones sehen indes in dem Aufstieg von Taylor Swift zur Repräsentantin ihres Genres eine Katastrophe. Nur weil Swift akustische Gitarre spiele, und über die Radiosender im Hollywood der Country-Branche, Nashville, heraus kam, dürfe sie sich doch noch lange nicht als „Country-Musikerin" bezeichnen. „Sie hat unsere Identität gestohlen", meckert Jones. „Für sie ist die Country Musik doch nur ein beliebiges Vehikel zum Erfolg."

Tatsächlich wirkt die Karriere von Taylor Swift wie vom Reißbrett. Seit sie 11 Jahre alt ist schreibt und spielt sie Musik, immer liebevoll unterstützt von ihren wohlhabenden Eltern. Mit 14 bekam sie einen Talentvertrag des Plattenlabels RCA. Die Familie brach die Zelte in Pennsylvania ab, verkaufte den Landsitz dort und Taylors Pony und kaufte eine 14 Millionen Dollar-Villa der Nähe von Nashville. Als die kleine Prinzessin ein Jahr später ihren ersten Plattendeal bekam, brach sie die Schule ab und bekam Privatlehrer, mit deren Hilfe sie ihre Karriere und ihren Abschluss unter einen Hut bringen konnte.

Mit dem harten Leben eines Farmers im Süden, wie es beispielsweise Johnny Cash noch in seiner Kindheit erlebte, und das den Puristen zufolge unverzichtbare Zutat für authentische Country Musik ist, hat das freilich nicht viel zu tun. Andererseits muss man Taylor Swift natürlich zugestehen, dass sie nicht die erste ist, für die Country nur ein Pop-Genre unter anderen ist und nicht der Ausdruck einer Lebensweise oder gar einer Identität. Spätestens seit den 70er Jahren ist Countrypop ein Begriff, die Anglo-Australierin Olivia Newton John war eine der ersten Vertreterinnen des Crossovers. Die Liste derer, die den Sprung aus der traditionellen Country Szene in den Pop-Mainstream geschafft haben ist lange, sie reicht von Patsy Kline über Kenny Rodgers bis hin zu Shania Twain und den Dixe Chicks. Von Elvis, der immer zu seinen Country Wurzeln stand, ganz zu schweigen. Manche argumentieren sogar, dass schon die erste Country-Aufnahme der Carter Family im Jahr 1927 der Sündenfall war, der entscheidende Schritt in die Verpoppung der urwüchsigen Volksmusik. Seither sei die Unterscheidung zwischen Pop und wahrhaftigem Country unsinnig.

Dennoch liegt der Erfolg von Swift unter dem Label Country der eingefleischten Country-Gemeinde schwer im Magen. Die Tatsache, dass die höhere Tochter aus dem Nordosten sich weigert, in ihren Texten gängige Country-Klischees wie das weite Land, die Einsamkeit und das harte Landleben zu bedienen, mag man ihr nicht verzeihen. Taylor erzählt von dem, was sie kennt, von ihrem belanglosen Teenager-Dasein. Immerhin besteht sie jedoch in echter Country Manier darauf, ihre Songs selbst zu schreiben. Das erste Angebot von einem Plattenlabel, das sie mit 16 bekam, lehnte sie ab, weil man ihr nicht die vollständige Kontrolle über ihre Texte und Arrangements zugestehen wollte.

Ihr Beharren darauf, immer wieder ihre eigene Story zu erzählen, beschwichtigt die Traditionalisten jedoch kaum. Im Gegenteil, es öffnet die Country Musik einem ihr sehr fremden Publikum: Dem weiblichen Teenager nämlich, jenem unermüdlichen Konsumenten, der den Teenie-Vampir-Streifen „Twilight" Rekorde an den Kinokassen bescherte und der Teen-Modeketten wie Abercrombie, Forever 21 oder Aeropostale im vergangenen Jahr zum krisenbeständigsten Einzelhandel der USAgemacht hat.

Das Phänomen Taylor Swift verkörpert für diese Demographie indes einen ganz neuen Typ von Idol. Die verzogenen Party-Girls wie Lindsay Lohan, Paris Hilton oder Britney Spears sind Passe. Angesagt ist die makellose höhere Tochter, die nicht raucht und nicht trinkt, die hochintelligent und zielstrebig ist, und der eine tiefe intime Freundschaft mit einem Jungen wichtiger ist als Sex. Davon handelt jedenfalls Swifts Hit „You belong with me" sowie mindestens ein Dutzend anderer Songs.

Deshalb bezeichnet Taylor Swift wohl auch beharrlich den „Twilight" Star Taylor Lautner als ihren engen Freund, obwohl die Klatschpresse es seit Monaten von den Dächern pfeifft, dass die beiden gleichnamigen Jugendlichen ein Paar sind. Lautner selbst hat sich sogar schon dazu bekannt und jüngst in der Comedysendung Saturday Night Live dem Rapper Kanye West Prügel angedroht, weil dieser bei der MTV-Awards-Verleihung seiner Freundin einfach das Mikrofon weg geschnappt hatte. West hatte es sich nicht verkneifen können, dem Publikum kundzutun, dass Swift seiner Meinung nach den Preis nicht verdient habe.

Lautners ritterliches Angebot wäre allerdings gar nicht nötig gewesen. Die ganze Nation hat ohnehin schon seit Wochen Mitleid mit der rehhaften Country-Prinzessin, die von dem bösen schwarzen Buben brüskiert wurde. Sogar Präsident Obama nannte West ein „Jackass" - einen Vollidioten. Jeder will Taylor Swift beschützen, denn wie ein hemdärmeliges Cowgirl, das sich selbst zu Wehr setzen kann, wirkt sie nicht. Doch sie ist taffer als sie gerne erscheinen möchte. Immerhin hat sie sich gegen die gesamte Riege der harten Männer von Nashville durchgesetzt.

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