Ein Tropfen

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Bliss Broyard wuchs als behütete Tochter einer wohlhabenden weißen Familie auf. Bis sie erfuhr, dass ihr Vater ein Geheimnis hat: Der Literaturkritiker Anataloe Broyard war Afro-Amerikaner. Bliss Broyard machte sich auf die Suche nach ihren schwarzen Vorfahren und nach ihrer Identität
(Frankfurter Rundschau)

Foto: Kevin Hatt

Es gibt sicherlich nicht viele hellhäutige Frauen, die sich hier wohl fühlen würden. Wir sind an der Ecke DeKalb Avenue und Carlton im Fort Greene Distrikt von Brooklyn, einem schwarzen Ghetto, in das sich in den vergangenen Jahren wegen der günstigen Mieten zaghaft ein paar weiße Künstler und Schriftsteller vor gewagt haben. Die Schule ist gerade aus und die Straße ist voller übermütiger schwarzer Kids.

„Supermodel", zischt ein pubertierender Junge im Rapper-Look Bliss Broyard zu, während wir zusammen zu ihrem Lieblingscafe „Smooch" laufen, einem Refugium der zugezogenen Boheme. Viele würde die Anmache einschüchtern, doch die für die Gegend auffallend schick gekleidete 41-Jährige, die gerade von einem Business Lunch kommt, ist eher belustigt. „Melde Dich in 20 Jahren noch einmal", ruft sie dem Jungen hinterher. Offensichtlich genießt Broyard solche Momente, genießt es, am schwarzen Straßenleben Teil zu haben.

Das „Smooch" ist ein schmaler Raum mit einer langen Kaffeetheke an deren Enden jeweils Sitzecken im Hippiestil mit Samtkissen ausgelegt sind. Es ist ein Melting Pot der kreativen Klasse - junge Schwarze und Weiße sitzen emsig hinter Laptops oder lassen den Nachmittag mit Lektüre verstreichen. Sie sei beinahe jeden Tag hier, erzählt Broyard, einen großen Teil ihres Buches „Ein Tropfen" habe sie hier geschrieben. Es ist ein perfekter Entstehungsort für ein Buch, das den Ehrgeiz hat, die Rassenbeziehungen in Amerika in ihrer ganzen Komplexität darzustellen, ein Buch, das die Fortschritte in diesen Beziehungen würdigt, aber auch nicht verschweigt, wie viel Unbewältigtes noch immer mitschwingt im Denken und Reden über Rasse in Amerika.

Vor 18 Jahren erfuhr Bliss Broyard am Totenbett ihres Vaters, dass dieser sein Leben lang ein Geheimnis vor seiner Familie gehütet hatte. Der New York Times-Literaturkritiker Anatole Broyard war Sohn kreolischer Eltern aus New Orleans. Allerdings war sein Teint so hell, dass man ihm seine schwarze Herkunft nicht ansehen konnte. So entschloss er sich in den 40er Jahren als junger ehrgeiziger Journalist in New York, sich für Weiß auszugeben und ein neues Leben zu beginnen. Er verleugnete seine schwarze Verwandtschaft, heiratete eine weiße Frau norwegischer Abstammung und zog in die vornehmen weißen Vororte in Connecticut.

Mehr als zehn Jahre brachte Bliss Broyard nach dieser Enthüllung damit zu, ihre schwarze Familiengeschichte aufzudecken und ihre verlorenen Verwandten aufzusuchen. „One Drop" ist die Geschichte dieser Suche, einer Suche, die sie nach Los Angeles und nach New Orleans führte, ihr eine neue Großfamilie bescherte und ihre sicher geglaubt Identität als höhere weiße Tochter komplett über den Haufen warf.

Sie haben über ein Jahrzehnt darauf verwandt, ihre schwarze Familiengeschichte auf zu decken. Warum war das Ihnen derart wichtig?

Als ich von dem Geheimnis meines Vaters erfuhr, war es, als ob der Mann, dem ich ein Leben lang so nahe gewesen bin, mir plötzlich fremd ist. Es war also in erster Linie der Versuch, mir meinen Vater zurück zu holen. Ich wollte verstehen, warum mein Vater seine Herkunft verleugnet hat. Ich hatte meinen Vater immer sehr bewundert und es hat mein Bild von ihm zunächst sehr getrübt. Es ist ja keine besonders schöne Tat, seine Familie zu verleugnen, um zu reüssieren.

Können Sie das jetzt besser verstehen?

Ja, unbedingt. Ich bin in einer heilen Welt aufgewachsen und war sehr naiv, was die Rassenbeziehungen in Amerika angeht. Jetzt habe ich durch die Gespräche mit meinen Verwandten und mit vielen anderen, die dieselbe Entscheidung getroffen haben wie mein Vater, ein Gefühl dafür bekommen, wie schwer es tatsächlich für Schwarze im Amerika der 40er, 50er und 60er Jahre war und wie groß die Versuchung gewesen sein muss, als Weißer durchzugehen, wenn man das konnte. Selbst die engsten Verwandten meines Vaters die von seiner Zurückweisung sehr verletzt waren, haben das verstanden. Ich sehe meinen Vater heute mehr als Opfer. Es ist tragisch, dass er vor diese Wahl gestellt wurde.

Was haben Sie im Verlauf ihrer Reise über sich selbst herausbekommen?

Ich habe entdeckt, dass ich durch meinen Vater mit den besten und den schlimmsten amerikanischen Traditionen verbunden bin – von der Sklaverei und der rassischen Unterdrückung bis zu der Freiheit, sich selbst zu erfinden, die mein Vater ja wie sonst kaum jemand verkörpert. Ich fühle mich dadurch ungemein bereichert. Die Frage, ob ich schwarz oder weiß bin, ist für mich hingegen wesentlich unwichtiger geworden, als zu dem Zeitpunkt, an dem ich von der Herkunft meines Vaters erfuhr. Ich habe weiße französische Vorfahren, sowie freie Kreolen aus New Orleans, von denen manche sogar Sklavenhalter waren. Kein Klischee von Schwarz oder Weiß passt auf unsere Familie. Umso tragischer war es natürlich, dass mein Vater sich entscheiden musste.

Bliss Broyard macht den Zwang, sich zu entscheiden, einem Lager zuzugehören, mehr als alles andere für das Schicksal ihres Vaters und ihrer Familie verantwortlich. Es ist für sie der hartnäckigste Restübel des amerikanischen Rassismus: Jenes starre Schubladendenken, jenes reflexhafte Einordnen von Menschen gemäß ihrer Hautfarbe.

Bliss selbst würde man im Vorübergehen niemals ansehen, dass sie schwarze Vorfahren hat. Wenn man danach sucht, entdeckt man jedoch durchaus Spuren ihrer kreolischen Herkunft. Ihre lebendigen Augen sind Braun, ein dunkles, tiefes Braun, einen Hauch zu kräftig für eine reinrassig Weiße. Ihre Nase ist ein klein wenig breiter, als man dies bei einer ansonsten so filigranen Frau vielleicht erwarten würde. Ihre Haare sind ungewöhnlich dicht und tiefschwarz, ihre Lippen voll. Weiß, aber untypisch, schön aber nicht klassisch, sondern auf eine ungewöhnliche, interessante Art, sind vielleicht die besten Umschreibungen für Bliss Broyard.

Seit der Entdeckung ihrer schwarzen Herkunft, erzählt Bliss, kreuze sie immer, wenn in einem behördlichen Fragebogen nach der Rasse gefragt werde, das Feld „gemischt" an. Eine Option, die es bei offiziellen Umfragen in den USA erst seit dem Jahr 2000 gibt. Die Anzahl derjenigen, die sich selbst als gemischtrassisch identifizieren ist bezeichnenderweise seit diesem Datum kaum angestiegen. Gemischter Herkunft zu sein ist noch immer mit einem Tabu belegt. Wer in Amerika versucht, offen als „gemischtrassisch" leben, gerät bis heute unweigerlich unter Beschuss. Eine Erfahrung, die weder Bliss Broyard noch Barack Obama erspart blieb.

Eine Kritikerin der Los Angeles Times hat geschrieben, dass Sie es sich in der Rassenfrage all zu leicht machen, wenn sie sagen, dass Farbe keine Rolle spiele. Eine solche Haltung sei das Privileg einer Frau mit heller Haut. Ein Schwarzer habe nicht den Luxus, das so zu sehen. Wie ist ihre Reaktion auf solche Vorwürfe?

Es macht mich sehr wütend, weil ich in meinem Buch Hunderte von Seiten darauf verwende, zu zeigen, welche konkreten Auswirkungen Rasse im Leben der Menschen hatte und immer noch hat – vom Zugang zu Grundrechten bis hin zur Möglichkeit, Wohlstand zu erwerben und voll an der Gesellschaft teilzuhaben. Ich sehe es ja hier in Fort Greene Tag für Tag. Die Chancen für Schwarze eine gute Ausbildung und einen guten Job zu bekommen sind wesentlich geringer als bei Weißen und die Wahrscheinlichkeit, dass schwarze Jugendliche kriminell werden, ist extrem hoch. Es gibt noch immer eine wohl etablierte Hierarchie zwischen den Rassen in den USA. Die Kritikerin wollte unbedingt, dass ich mich entscheide. Natürlich hat sie Recht, wenn sie sagt, dass ich mich wegen meines Aussehens nicht entscheiden muss. Aber meine Weigerung, mich zu entscheiden ist doch kein Leugnen meiner rassischen Identität, sondern es ist die Ablehnung der falschen Gegenüberstellung von schwarz und weiß.

Was ist denn Rasse für Sie?

Auf keinen Fall eine biologische Tatsache. Nur etwa 0,1 Prozent unserer Gene sind für unsere äußeren Unterschiede verantwortlich. Sie bedeuten überhaupt nichts im Vergleich zu den Tausenden von Genen, die wirklich bestimmen, wer wir sind, unsere Intelligenz, unsere emotionale Sensibilität, unsere künstlerischen Begabungen. Ich bin also voll und ganz Anhängerin der These, dass Rasse eine „soziale Konstruktion" ist.

Eine, die aber enorme Auswirkungen hat.

Das ist ja das Missverständnis. Wenn ich sage, dass für mich Rasse nicht wichtig ist, dann leugne ich ja damit nicht das Leid und die Unterdrückung, die im Namen von Rasse Menschen zugefügt wurde und wird. Gerade deshalb müssen wir aber doch anfangen, diese Kategorien hinter uns zu lassen. Es schmerzt mich sehr, dass man immer noch dazu gezwungen wird, sich zu einer Gruppe zu bekennen. Es gab ja auch bei Obama diese Diskussionen. Viele aus der Bürgerrechtsbewegung warfen ihm vor, nicht „richtig schwarz" zu sein.

Beginnt sich denn durch Obama im Denken der Leute etwas zu bewegen?

Dass er gewählt wurde, stimmt jedenfalls zuversichtlich. Er propagiert das Denken jenseits von Ideologien und Schubladen. Und er weigert sich, genau wie ich, sich ein rassisches Label aufdrücken zu lassen. Ich identifiziere mich sehr mit ihm.

Glauben Sie, wie Obama, an die post-rassische Gesellschaft?

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das bedeuten soll. Rasse wird ja nicht verschwinden, es wird nie eine Zeit geben, in der es keine Rassen mehr gibt. Und das ist ja auch gut so. Es ist ja etwas Wunderbares eine bedeutungsvolle kulturelle Identität zu haben, und es gibt in den USA eine ungemein reiche schwarze Kultur. Was aber verschwinden muss, ist der Gedanke einer rassischen Hierarchie, dass eine Rasse auf irgendeine Art besser ist, als die andere.

Als Bliss Broyard vor drei Jahren mit ihrem Mann, dem jüdischen Literaturprofessor Nico Israel und ihrer heute zweieinhalb Jahre alten Tochter Esme nach Fort Greene zog, war das eine ganz bewusste Entscheidung. „Ich wollte unbedingt, dass meine Kinder in einer gemischtrassischen Gegend aufwachsen", sagt sie, während sie sich auf den Kissen ihrer Lieblingsecke im Smooch streckt, um ihren vom Sitzen ermüdeten Rücken zu entlasten. Bliss ist schwanger, im Sommer erwartet sie ihr zweites Baby.

Wie seine Schwester soll dieses Baby das bekommen, was Bliss selbst verwehrt blieb: Von klein auf mit Menschen anderer Hautfarbe zusammen zu leben. Bliss Broyard wuchs in Fairfield, Connecticut auf, „dem reichsten Ort im reichsten Staat der USA, dem reichsten Land der Welt", wie sie sagt. Die Bevölkerung dort war zu 99,5 Prozent weiß. Bliss selbst kann sich nicht daran erinnern, dort jemals einem Schwarzen begegnet zu sein. Und so hatte es ihr Vater auch gewollt.

Ich helfe Bliss in ihren Kashmirmantel, der elegant den schwangeren Bauch verbirgt und wir treten zusammen hinaus in einen wunderschönen frühlingshaften Märznachmittag. Richtiggehend idyllisch wirkt das Viertel jetzt: Der Fort Greene Park ist von prächtigen Einfamilienhäusern aus der Gründerzeit gesäumt, ein paar Jugendliche spielen auf einem Spielplatz Basketball. Hausfrauen stehen zusammen auf der Straße und ratschen. Bliss beschließt, mich noch zur U-Bahn Station an der Atlantic Avenue zu begleiten. „Ich erwische mich immer noch selbst dabei, dass ich die Rassenschublade im Kopf habe", gesteht sie, vertraulich, während wir gemeinsam durch die Straßen von Fort Greene spazieren. „Ich muss mich oft dazu zwingen, nicht jedem schwarzen Jugendlichen auf der Straße erst einmal zu unterstellen, dass er kriminell ist." Das, sagt Bliss, sei das Schwierigste am Kampf gegen den Rassismus, der Kampf gegen den eigenen, unbewussten Rassismus, den man wohl nie ganz los wird, wenn man an einem Ort wie Fairfield groß geworden ist: „Man muss sich immer wieder dazu ermahnen, dem anderen guten Willen zu unterstellen. Sonst erntet man auch niemals guten Willen "

Der größte Wunsch von Bliss Broyard ist, dass ihre Kinder sich gar nicht erst mit solchen inneren Konflikten herumschlagen müssen, dass sie von Anfang an Menschen anderer Hautfarbe wahrhaft offen begegnen können. Deshalb, sagt sie, sei es für sie auch das reinste Glück, wenn sie ihrer Tochter dabei zusehe, wie sie mit ihren schwarzen Cousins und Cousinen spiele. Ob ihr Vater bei diesem Anblick ebenso beglückt wäre, frage ich Bliss. „Er hat immer behauptet, die einzige Familie, die er je gebraucht habe, seien die Denker und Schriftsteller, die er bewundert", sagt sie und bleibt für einen Augenblick auf der Atlantic Avenue stehen. „Aber ich wusste immer, dass das nicht wahr ist."

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