Das beste was einer Frau passieren kann

  • Burlesque
Die Burlesque feiert in New Yorker Clubs ein Revival
(Ballettanz 3/2009)

Auf den ersten Blick ist der Slipper Room ein typischer Club des New Yorker Hipster- und Boheme-Darsteller-Viertels Lower East Side. Es ist zehn Uhr am Samstagabend, doch der niedrige, finstere Raum füllt sich erst jetzt so langsam. Ein Dutzend durchgestylter junger Japaner drängt sich um die Bar, eine Gruppe von Lesben hat es sich in einer Ecke mit Plüsch-Sesseln bequem gemacht. Medien-, Design- und Kulturbetrieb-Typen von 20 bis 50 stehen auf den abgewetzten Holzplanken und nuckeln an ihren Drinks, in der Ecke bereitet sich ein DJ am Mischpult auf seine Arbeit vor.

Doch als um kurz nach elf Uhr das Restlicht aus und der Vorhang aufgeht, tritt nicht etwa eine Garagenband aus Brooklyn auf die Bühne, von der aus ein kurzer Laufsteg ins nun dicht gedrängte Publikum führt. Heraus kommt Seth Herzog, genannt „The Zog", der sich zur Titelmelodie des 70er Jahre-Kultserie Wonder Woman seines Adidas-Seidentrainingsanzugs entledigt, unter dem das hautenge Kostüm der Super-Amazone zum Vorschein kommt. Es ist der Auftakt zu einer langen Nacht der erotischen Pastiche, in deren Verlauf der „Zog" Dutzende der elaboriertesten Strip-Nummern präsentiert, die man sich nur vorstellen kann. Feder-Boas, Corsagen, Glitter, falsche Augenbrauen, Fransen-Röckchen und Nippel-Pasties sind die Grundaustattung – darüber hinaus ist der Fantasie der Tänzerinnen keine Grenzen gesetzt.

Da ist etwa die dürre Gigi LaFemme, die sich aufreizend aus ihrem einteiligen, mit unzähligen Reißverschlüssen versetzten Autorennfahreranzugs in den italienischen Nationalfarben schält. Nur der Helm und die Sonnenbrille bleiben am Ende übrig. Da ist die vollbusige und prallhüftige „Bunny Love", die in einem bunt gepunkteten 50er Jahre Bikini mit einem Stuhl, ihrem einzigen Büheneninventar, tanzt. Und da ist der restlos überschminkte Trigger, der einen Strip-Paradox vorführt in dem er splitternackt auf die Bühne tritt und sich dann langsam und aufreizend in seinen aufwändigen Fummel schmeißt.

Die „Hot Box"-Show von Zog am Samstagabend im Slipper Room ist wohl die beliebteste ihrer Art in New York. Sie ist aber beileibe nicht die einzige. An jedem Abend der Woche kann man irgendwo in der Stadt „Burlesque" sehen - wie sich das Phänomen frei nach der gleichnamigen barocken europäischen Tradition der grotesken Musik-Parodie nennt - ob Montags im Public Assembly in Brooklyn, Donnerstags im Rififi, Sonntags im Bowery Poetry Club oder im Cutting Room. Vor gut zehn Jahren wurde die ursprünglich viktorianische Kunst des „Tease", bei dem es mehr um den Akt des Ausziehens als um die Nacktheit geht, von einer Hand voll Gruppen in New York wiederbelebt. Seit etwa fünf Jahren hat es sich zu einem ausgewachsenen Trend in den ganzen USA und sogar auch in einigen europäischen Städten entwickelt: „Burlesque wächst und wächst und wächst", sagt Patrick Soluri, ein New Yorker Komponist, der selbst Salons mit Burlesque Nummern veranstaltet.

Das ursprüngliche amerikanische „Burlesque" war Ende des 19. Jahrhunderts ein raues, billiges Vergnügen für die Arbeiter in den Einwanderervierteln New Yorks und in den Spelunken an den Hafen-Docks. Damals hatte es kaum einen anderen Stellenwert, als die Table- und Poledance-Shows in den „Gentlemen-Clubs" an der neunten Avenue heute. In den wilden 20er und 30er Jahren, dem Jazz-Age, rückte die Form dann jedoch deutlich mehr in den Mainstream einer explodierenden Entertainment Kultur: „Burlesque"-Shows waren Revuen, in denen sich Strip mit Musik und Comedy abwechselten. Burlesque-Häuser wie das „Minsky's" an der 14ten Straße und das Eltinge Theater am Times Square waren jeden Abend zum bersten voll, Tänzerinnen wie die legendäre Gypsy Lee Rose waren veritable Pop-Stars.

Das Revival in den 90er Jahren war indes eine klare Rebellion gegen das kulturelle Klima jener Zeit. George Bush war zwar noch nicht im Amt aber Amerika kippte bereits bedenklich nach rechts. Und in New York regierte der reaktionäre Bürgermeister Rudy Guiliani mit harter Hand und schrubbte die Straßen mit der Stahlbürste sauber. Er beseitigte nicht nur die Kriminalität, er unterband mit seiner „Zero-Tolerance" Politik auch jedes Familien-inkompatible Verhalten in der Öffentlichkeit. Obdachlose und Bettler wurden vertrieben, Prostitution rigoros unterbunden, Nachtclubs und Stripshows geschlossen oder schärfster Regulierung unterworfen. Der Times Square wurde von einem verruchten Sumpf für Prostituierte und Drogendealer in eine blitzsaubere Flanier- und Einkaufsmeile für Touristen umgewandelt.

Eingefleischten New Yorkern ging dieses prüde und zusehends fade Umfeld natürlich gegen den Strich. New York ist keine sichere, saubere Stadt, New York ist offen, riskant und unmoralisch. Kurz, New York macht Spaß. Vor allem aber findet New York keinen Gefallen an digitalem Massen-Entertainment, wie der neue Times Square es verkörpert. „Die Leute wollen etwas, das weniger künstlich ist", sagt Bob Masterson, der im vergangenen Jahr am Times Square die alte Burlesque Revue „Ripley's Believe it or not" wieder aufleben ließ. „Sie wollen echten Schock, echte Menschen, echtes Lachen, echten Applaus und nicht Special Effects."

Das wahrhaftige, lebensnahe an „Burlesque" ist auch das, was „Legs" Malone an der Form interessiert. Die 31 Jahre alte ehemalige Kunststudentin, die ihren Bühnennamen ganz zu recht trägt, hat sich ganz dem Burlesque verschrieben – als Tänzerin und zunehmend auch als „Kuratorin" von Burlesque-Abenden. Heute führt sie die „Legs Malone Show" im Public Assembly im Szene-Viertel Public Assembly in Brooklyn auf. „Es geht mir dabei vor allem darum, eine Vielfalt von Körpern zu zeigen, die alle nicht dem Ideal entsprechen, das wir in Filmen und Magazinen permanent gezeigt bekommen", sagte während sie eine Stunde vor ihrer Show deutlich nervös an der Bar des Public Assembly an einem Vodka Martini nippt.

Legs' Motivation das Körperideal des Unterhaltungs-Mainstream zu dekonstruieren ist persönlich – sie führt einen lebenslangen Kampf mit der Magersucht. Und den thematisiert sie auch in ihrem Tanz, in dem sie eine Art Liebesakt mit einer riesigen Schachtel Donuts vorführt. Außer ihrem eigenen, makellosen Körper, bekommt man in der „Legs"-Show dann noch den fetten Glen Marla zu sehen, die extrem magere Nasty Canasty, einen Zwerg sowie die voluptuöse Big Boob Bob. Es ist eine Zelebration dessen, was Körper alles sein können und durch den Tanz werden sie alle auf ihre Art verblüffend anmutig.

Doch Burlesque ist nicht nur Protest gegen die digitale Plastik-Ästhetik der Massenunterhaltung. Es ist auch ein Protest gegen den Verlust der Formen im kulturellen Mainstream. „Die Renaissance des Burlesque in New York vor zehn Jahren ging Hand in Hand mit der Renaissance von Swing-Dance und der Renaissance von schicken Bars, wo man Anzug trägt und es ausgefallene Cocktails gibt. Die Leute hatten die Nase voll davon, einfach nur Jeans anzuziehen und irgendwo Bier zu trinken", erinnert sich Patrick Soluri.

Dazu passen die aufwändigen Kostüme des Burlesque, die Corsagen und Strapse, die Perücken und die Schminke, die Strümpfe und vor allem die elaborierte Choreographie. Mittlerweile gibt es sogar eine „New York School of Burlesque" in der Mädchen lernen können, wie man auf der Bühne läuft, wie man sich auf einem Stuhl räkelt, wie man einen Handschuh aufreizend auszieht und wie man mit den Brüsten wackelt.

Das alles ist natürlich viel interessanter, als das bloße Ausziehen. Und vor allem erzeugt es an den Burlesque-Abenden eine Art von erotisches Knistern, das in einem gewöhnlichen Stripclub nie zustande kommen würde. Burlesque ist grundsätzlich Zitat, das Strippen ist immer ironisch. Alleine durch die ironische Brechung ensteht eine wesentlich entspanntere Atmosphäre, als dort, wo die blanke Lüsternheit regiert und jeder anonym bleiben möchte.

Der Sexiness von Burlesque tun natürlich die Künstlichkeit und die Ironie keinen Abbruch. Im Gegenteil: Als nach der Legs Malone Show Gogo Tänzerinnen mit Schulmädchen-Zöpfen in Chucks und langen Ringelstrümpfen auf der Theke und auf der Bühne die Zeit bis zur Mitternachtsvorstellung überbrücken, ist die Stimmung im Barraum deutlich angeheizt – Pärchen sind eng umschlungen und wer alleine gekommen ist, der bemüht sich um einen Flirt. „Grab a stranger", feuert der MC das Publikum an. Anders als in einem Gentleman's Club ist es jedoch eine unverkrampfte Sexualität, die hier gefeiert wird, keine verschämte und gedeckelte, keine die verdinglicht oder unterdrückt. „Es ist eine ganz andere Atmosphäre, als in einem Strip Club", sagt Legs. „Strippen kann Ausbeutung sein. Burlesque zu tanzen hingegen ist ermächtigend und befreiend. Es ist das Beste, was einem als Frau passieren kann."

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