"Amerika besinnt sich"

  • Belafonte
Harry Belafonte über Barack Obama
(Frankfurter Rundschau, 5.7.2008)

Harry Belafonte, heute 81, wuchs in Harlem und in Jamaica auf und wurde in den 50er Jahren als „King of Calypso" und als Filmschauspieler ein Weltstar. Seine Bühnenkarriere endete erst 2003 nach einem Konzert in Hamburg aber schon in den 60er Jahren wandte er sich parallel dem politischen Aktivismus zu. Er war als enger Vertrauter von Martin Luther King und Mitorganisator des Marsches auf Washington 1963 maßgeblich an der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA beteiligt. Belafonte ist ein scharfer Kritiker der Regierung George Bush, den er einen „Terroristen" nannte und dessen Heimatschutz-Behörde er als „neue Gestapo" bezeichnete. Nach dem Hurricane Katrina 2005 äußerte sich Belafonte deutlich in der Öffentlichkeit zum latenten Rassismus, der in den Versäumnissen der Regierung angesichts der Katastrophe zum Ausdruck gekommen sei. Heute lebt Belafonte in New York City, häl politische Vorträge und engagiert sich für schwarze Jugendliche. Mr. Belafonte, Sie engagieren sich seit einem halben Jahrhundert für schwarze Bürgerrechte in Amerika. Haben Sie sich je vorgestellt, zu Ihren Lebzeiten einen aussichtsreichen schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu sehen?

Es war immer Teil der Vision unserer Bewegung. Wir haben stets auf den Tag hin gearbeitet, an dem, wie Martin Luther King sagte, jeder Mensch an seinem Charakter gemessen wird und nicht an seiner Hautfarbe. Diese Vision lag für uns aber an einem sehr fernen Horizont und ich hätte nie geglaubt, dass es so schnell passiert. Ich hätte aber auch nie geglaubt, dass sich unser Land so entwickelt, wie es das in den vergangenen 40 Jahren getan hat. Nach den Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung ist Amerika für lange Zeit auf eine extrem konservative Schiene geraten Ideal. Was uns wiederrum alle derzeit überrascht, ist der 180 Grad-Umschwung der Stimmung im Land. Allerdings müssen wir bei aller Freude über das was gegenwärtig passiert auch genau beobachten, was sich bis November noch alles abspielt.

Glauben Sie, dass der extreme Rechtsruck der vergangenen acht Jahre notwendig war, damit man wieder zu den Idealen der Sechziger Jahre zurück findet?

Nein, ich denke nicht dass der extreme Rechtsruck unbedingt nötig war. Die hohen Ideale dieses Landes waren nie wirklich verloren gegangen. Das Streben nach diesen Idealen, nach Offenheit auf allen Ebenen der Gesellschaft, wurde durch eine gezielte konservative Intervention unterbrochen, die in den Bush Jahren kulminierte. Aber nun besinnt sich Amerika. Ich finde es faszinierend, dass niemand dieses Land für selbstverständlich nehmen kann, nicht einmal seine eigenen Bürger. In diesem Land liefen schon immer das Streben nach den höchsten Idealen und die übelsten sozialen Entwicklungen parallel zu einander. Die Gründung der USA geschah in Verbindung mit dem Genozid an den Ureinwohnern. Dieselben Männer, die unsere Verfassung mit ihren hohen Idealen schrieben, hatten an der grausamsten Institution Teil, die menschliche Gesellschaften kennen – der Sklaverei. Wir haben gegen Hitler und gegen den Faschismus gekämpft und gleichzeitig zu Hause ein Apartheidsregime aufrecht erhalten.

Barack Obamas Kampagne basiert auf der Hoffnung, dass Amerika den Rassismus weitgehend überwunden hat. Glauben Sie das?

Ich halte die Idee einer „post-rassistischen Gesellschaft" für eine hohle Phrase. Es gibt keine post-rassistische Gesellschaft. Wie leben in einer rassistischen Kultur, wir leben in einer rassistischen Zeit. Was wir jedoch sehen ist, dass der amerikanische Rassismus eine neue Wendung nimmt. Es gibt heute eine Kraft in Amerika, die aus der Rassendebatte die Schuld auf der Seite der Weissen und den Zorn auf der Seite der Schwarzen verbannen möchte. Obama stellt die Frage, ob wir nicht lernen können, ohne Animosität und Hass über Rasse zu reden. Darum geht es Obama und nicht darum, das Thema Rasse vom Tisch zu wischen.

In den amerikanischen Medien wird es oft so dargestellt, als gebe es einen tiefen Graben zwischen den traditionellen Bürgerrechtlern ihrer Generation und Barack Obama. Stimmt das?

Die Presse konstruiert einen solchen Graben, weil sie höheren Mächten dient. Die etablierten Medien dienen denjenigen, für die die Bürgerrechtsbewegung schon immer eine Bedrohung darstellte. Sie tun deshalb alles um uns als antquiert und irrelevant zu zeichnen und zu isolieren. Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen, als dass es einen Graben zwischen uns und Barack Obama gibt. Im Gegenteil, wir sind so relevant wie nie. Es gibt einen regelrechten Ansturm junger Leute, die wegen Barack Obama neugierig sind, was damals war und was der Zusammenhang zwischen damals und heute ist.

Barack Obama und die alte Bürgerrechtsgarde mit Ihnen oder mit Leuten wie Jesse Jackson und Al Sharpton marschieren also Hand in Hand?

Ich muss darüber lachen, wenn Leute sagen, dass Barack Obama die alte Bürgerrechtsbewegung hinter sich gelassen hat. Barack Obama existiert doch in der Hauptsache wegen der Bürgerrechtsbewegung. Er versucht lediglich, die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung weiter zu führen und auf eine neue Ebene zu heben. Der Kampf um Bürgerrechte ist ein Prozess, der noch lange nich tabgeschlossen ist. Obama ist ein sehr aufgeklärter junger Mann und ich denke nicht, dass er wirklich an eine Ära glaubt, in der Rasse keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil, ich denke dass er die Rassenprobleme in Amerika sehr klar sieht und anspricht. Sie glauben also, dass Rassimus in Amerika weiterhin ein zentrales Problem ist und sein wird?

Ich glaube, dass Rasse und Rassismus weltweit eines der drängensten Probleme des 21. Jahrhunderts sein werden. Schauen Sie sich die großen Migrationen von Afrika nach Europa an und die Xenophobie, die dort deshalb wächst. Oder hier in den Verenigten Staaten mit den großen Einwandererströmen aus der Karibik und aus Lateinamerika. Rasse steht weiterhin ganz oben auf unserer Agenda. Das Thema ist sogar so drängend geworden, dass wir dazu gezwungen werden neue Wege zu finden, damit umzugehen und darüber zu reden. Das ist doch auch ein Grund, warum Obama so erfolgreich ist.

Glauben Sie, dass der Rassismus in Amerika noch zu stark ist, um Obama tatsächlich zum Präsidenten zu wählen?

Ich wäre sehr überrascht, wenn er Präsident der Vereinigten Staaten würde und Amerika tatsächlich schon diesen Quantensprung vollzogen haben sollte. Ich würde es mir wünschen, aber mein tiefstes Gefühl sagt mit, dass wir noch nicht so weit sind. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich an jeden Tag, an dem er dem großen Preis näher rückt, überrascht bin. Auf der anderen Seite hatte ich allerdings auch nicht erwartet, wie stark der existierende Rassismus in Amerika schon früh in diesem Wahlkampf gegen Obama eingesetzt wird. Nehmen wir doch die ganze Affäre um Obamas Pastor. Wie wurde in diesem Zusammenhang der Rassismus ausgebeutet?

Rechte evangelikale Geistliche wie Jerry Falwell haben über Jahre hin die Kanzel dazu mißbraucht, um Politik zu machen. Niemand hat sich bei diesen weissen Priestern darüber aufgeregt aber Barack Obama wurde wegen seiner Religion wochenlang erpresst. Dabei hat sein Pfarrer, Reverend Jeremiah Wright, nur Dinge gesagt, die jeden Sonntag in schwarzen Kirchen gesagt werden. Es ging doch in der ganzen Angelegenheit eindeutig um Rasse und nicht um Religion. Es wurde versucht zu behaupten, dass schwarze Geistliche unpatriotisch sind, dass die schwarze Kirche unpatriotisch ist und dass somit letztlich Schwarze allgemein unpatriotisch sind.

Obama hat in Philadelphia eine Grundsatzrede zum Thema Rasse gehalten. Wie fanden Sie diese Rede?

Obama hat es durch seine Rede möglich gemacht, auf eine ganz neue Art und Wiese über Rasse in Amerika zu sprechen. In Amerika wird in der Regel nicht über Rasse geredet, ausser wenn es zu Gewalt kommt, ausser wenn Polizisten einen schwarzen Mann erschiessen oder wenn jemand gelyncht wird. Das letzte Mal, das breit über Rasse diskutiert wurde, war, als man in New Orleans schwarze Menschen ertrinken ließ und sie wegen der Gleichgültigkeit der Regierung ihre Heime verloren. Man konnte in Amerika bislang nicht ohne Zorn oder Erregung über Rasse reden. Mein Mentor Dr. Martin Luther King hat mit seiner Botschaft der Gewaltlosigkeit damals schon diesen neuen Ton angeschlagen, den Barack Obama jetzt wieder aufgreift. Das Paradigma für die Diskussion über Rasse muss eine Vision des Zusammenlebens sein, das hat King gesagt, und das sagt auch Barack Obama.

Wie wichtig war diese Rede für Schwarze in Amerika?

Obama hat die Diskussion über Rasse in Amerika dauerhaft verändert, egal, wer letzlich die Wahl gewinnt. Amerika ist auf eine sehr leidenschaftliche Art und Weise erweckt worden und das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wenn er gewählt wird werden allerdings die Erwartungen an ihn sehr hoch sein und er hat noch keine wirklich radikale politische Vision artikuliert. Es gab in der Geschichte dieser Nation nur wenige radikale politische Momente. Die Verfassungsgebung des Landes beispielsweise und der Bruch mit England, der Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei, dann die sozialen Reformen von Franklin D. Roosevelt, und schließlich die Kennedy-Ära. Jetzt sind wir wieder an einem Punkt, der radikales Denken erfordert. Wir müssen aber erst noch sehen ob Amerika wirklich für radikale politische Umbrüche bereit ist. .

Sie haben sich noch nie davor gescheut, radikale politische Ideen zu formulieren. Sie haben Castro und Hugo Chavez unterstützt und haben Bush einen Terroristen genannt. Dafür haben Sie viel Prügel bezogen. Warum ist es so schwer in Amerika, radikale Positionen zu formulieren?

Das liegt an den Machtstrukturen in diesem Land. Alle Macht in Amerika stützt sich historisch auf dem Sklavenhandel. Das amerikanische Imperium wurde auf der Sklaverei aufgebaut. Deshalb bestimmte Rasse in den USA für eine lange Zeit die soziale Hierarchie – die Herrschenden grenzten sich von den Unterdrückten durch ihre Rasse ab. Wenn man diese Strukturen kritisierte oder auch nur beschrieb, wurde man zerdrückt. Das hat sich im Prinzip kaum geändert. Wir haben heute eine schmale, extrem wohlhabende Schicht in Amerika und gleichzeitig eine breite Masse von Leuten, die in Armut leben. Aber Amerikaner möchten nicht gerne die Regeln aufgeben, auf denen ihr Reichtum und ihre Macht gründen. Radikaler ökonomischer Wandel wird immer nur widerwillig zugelassen. Und das ist heute wieder unsere grosse Herausforderung.

Warum scheut sich Obama davor, eine wirklich radikale politische Position zu formulieren?

Meine Hoffnung ist, dass er sich bislang zurück hält, weil er politisch pragmatisch ist. Wenn er sich allerdings in dem Maße als politisch pragmatisch heraus stellt, dass er die wahren Probleme und Themen Amerikas leugnet, dann höre ich auf, ihn zu unterstützen. Er wäre nicht der erste schwarze Anführer, gegen den ich mich ausspreche, weil er nicht die vitalen Interessen der Menschheit und der Menschlichkeit vertritt. Ich glaube das nicht von Barack Obama. Wie radikal er in seinem Innersten ist, kann ich allerdings auch nicht sagen.

Was sind denn ihrer Meinung nach die drängendsten Themen des schwarzen Amrika und spricht Obama sie ausreichend an?

Wir wollen nichts anderes, als das, was der Rest von Amerika auch möchte. Wir wollen bessere Gesundheitsvorsorge, bessere Schulen, bessere Zukunftsaussichten. Darüber hinaus möchten wir grössere Chancengleichheit. Wir haben das Wahlrecht und das Recht auf Beschäftigung erstritten. Heute sind unsere Themen die gleichen, wie die der gesamten Nation.

Haben Sie mit Barack Obama geredet?

Wir haben uns schon häufig unterhalten und ich könnte ihn jederzeit anrufen. Er war allerdings am Anfang nicht meine erste Wahl und das habe ich ihm damals auch gesagt. John Edwards war mein Kandidat. Edwards hat unumwunden das Thema der Armut in Amerika angesprochen. Als Edwards aus dem Wahlkampf ausgeschieden ist, hat Obama mehr und mehr auch die soziale Agenda von Edwards aufgegriffen. Seither unterstütze ich ihn, aber ich werde mich nicht direkt an seinem Wahlkampf beteiligen. Ich sehe meine Aufgabe vielmehr darin, dazu beizutragen, dass er eine aktive Anhängerschaft hat, die ihn immer wieder an seine Ziele und Versprechen erinnert und ihn zur Rechenschaft zieht. Kein Politiker kann ohne eine solche aktive Anhängerschaft eine radikale politische Agenda durchsetzen. Kennedy wäre ohne eine aktive Friedensbewegung und ohne eine aktive Bürgerrechtsbewegung nie der Präsident gewesen, der er war. Wir müssen daran arbeiten, dass die Anhängerschaft von Obama auch im Fall seiner Wahl während seiner Regierungszeit lautstark, aktiv und engagiert bleibt.

Sie haben sich sehr stark mit den Themen des amerikanischen Imperialismus und Kolonialismus auseinander gesetzt. Was sind denn ihre Hoffnungen für die Rolle Amerikas in der Welt nach George Bush?

Ich denke Obama wird, wenn er gewähl wird, Europa und dem Rest der Welt deutlich zu verstehen geben, dass es eine neue Ordnung gibt, das ein neuer Tag angebrochen ist. Er wird sagen, dass wir zusammen nach Lösungen suchen müssen, für das Atomwaffenprogramm des Iran beispielsweise oder für die Probleme im Nahen Osten. Ich denke, dass das einzige fehlende Teilchen für eine vernünftige globale Zusammenarbeit derzeit eine vernünftige amerikanische Regierung ist. Obama wird dieses fehlende Teilchen ersetzen.

Woran arbeiten Sie selbst denn konkret derzeit?

Ich arbeite an Projekten mit Jugendlichen in amerikanischen Gefängnissen, mit denen ich dazu beitragen möchte, dass sie in die Gesellschaft finden. Ausserdem plane ich eine Neuauflage des „We are the world" Konzertes von 1985. Der Termin soll Herbst 2009 sein und wir haben sowohl bei den Sponsoren als auch unter den Künstlern einen überwältigenden Zuspruch. Das Thema soll diesmal aber nicht der Welthunger sein sondern Gewalt in allen ihren Ausprägungen – vom Krieg bis zu den Bandenkriegen auf den Strassen amerikanischer Städte, von afrikanischen Kindersoldaten bis hin zu häuslicher Gewalt in unseren Familien.

Können Sie denn schon Näheres dazu sagen? Wer wird auftreten?

Das wäre noch zu früh.

Ihre eigene Konzertkarriere ist aber unwiderruflich beendet.

Ja, ich singe nur noch zuhause. Da allerdings beinahe ständig.

 

Go to top