Die Jazz Ambassadors

  • Jazz
Die USA betreiben seit 60 Jahren mit Jazz Diplomatie
(Frankfurter Rundschau)

Louis Armstrongs Reise nach Moskau im Jahr 1957 hatte ein außenpolitischer Coup werden sollen, ein durchschlagender Public Relations-Triumph der amerikanischen Regierung. Schon seit zwei Jahren hatten die kalten Krieger im State Department als Antwort auf die Welt-Tourneen des Bolshoi-Balletts mit großem Erfolg die besten Jazzer der USA auf die Reise geschickt, um die Menschheit von der Überlegenheit und der universellen Attraktivität amerikanischer Kultur zu überzeugen. Ein Auftritt von Satchmo auf dem Roten Platz, so hoffte man in Washington, würde diesen Anstrengungen die Krone aufsetzen und dem russischen Volk ein für alle Mal zeigen, dass es entgegen der Sowjetpropaganda im Westen doch besser ist.

Doch es kam anders. Kurz vor dem geplanten Tour-Start weigerte sich Präsident Eisenhower, Truppen nach Little Rock, Arkansas zu schicken, um dort das Bundesgesetz durchzusetzen, dass Schwarzen das Recht gab, jede Schule ihrer Wahl zu besuchen. Grund genug für Satchmo, seinen diplomatischen Dienst zu verweigern und die geplante Reise ins Herz des Sowjetreiches abzusagen. „So, wie sie meine Leute im Süden behandelt", echauffierte sich Armstrong, „kann die Regierung zur Hölle fahren. Ein schwarzer Mann hat kein Vaterland mehr."

Satchmos Absage machte das State Department zunächst nervös – sie schien eine böse Schlappe für die Versuche zu sein, Amerika der Welt als freies und gleichberechtigtes und sowieso besseres Land zu verkaufen. Doch die Befürchtungen waren unnötig: Unter dem Strich nutzte die Absage der US Regierung trotz allem. Amerika, so war letztlich die Botschaft, ist ein Land, wo ein Mann seine Regierung kritisieren kann, ohne sich schlimmen Ärger einzuhandeln.

Die Episode ist ein Beispiel dafür, dass die amerikanische Jazz-Diplomatie des Kalten Krieges zwar funktionierte, jedoch „nicht unbedingt in der Art und Weise, wie das State Department sich das dachte," wie die Kulturwissenschaftlerin Penny von Eschen sagt, die über die damaligen Missionen das Buch „Satchmo blows up the world" geschrieben hat. Das Ziel der Regierung, so von Eschen, sei es stets gewesen, der Welt Jazz als freien musikalischen Ausdruck eines freien Volkes vorzuführen. Weshalb sich das Publikum in Indien, Afrika, Osteuropa und Asien mit Satchmo, Gillespie und Ellington identifizierte, sei jedoch vielmehr gewesen, „dass sie in ihnen den unbeugsamen Wunsch nach Freiheit sahen, in dem sie sich wieder erkannten." Ein subtiler aber entscheidender Unterschied.

Offenbar hat die US-Regierung aus den damaligen Erfahrungen jedoch nicht viel gelernt. Als das Programm nach dem 11. September 2001 wieder belebt wurde, war es noch immer das Ziel, die Überlegenheit der amerikanischen Gesellschaftsform zu demonstrieren. Bei ihren Konzerten in Ländern wie Saudi Arabien, Turkmenistan, Kirgistan und Ruanda sollte die „Rhythm Road", wie die mit 1,3 Millionen Dollar jährlich geförderte Tournee nun heißt, zeigen, „was eine Kultur, die Freiheit des Ausdrucks sowie Pluralität schätzt", so ein offizielles Statement, so alles hervorbringen kann. Schaut her, so schön bunt und lebendig könnte es bei Euch auch sein, so die Botschaft, wenn ihr Euch von den Fesseln religiöser und politischer Repression befreit. „Es gehr noch immer darum", so Penny von Escher, „Amerika als überlegene Kultur zu exportieren. Es geht noch immer um Hegemonie."

Die Rhythm Road, die der umtriebige Direktor des New Yorker „Jazz at Lincoln Center", Wynton Marsalis, mit den üppigen Regierungsmitteln organisiert, hat auch den Regierungswechsel in Washington überlebt. In diesem Frühjahr tourt das Charles Bryar Quartet durch Bahrain, Jordanien, den Oman, Syrien und Marokko, das Brian Horton Quartet ist in Kasachstan, der Türkei, Azerbajan und Usbekistan unterwegs und die Eli Yaman Blues Band bereist den Balkan. Die Mission ist nach wie vor die gleiche. „Wir haben bislang von Obama noch nichts Neues dazu gehört", so Penny von Eshen, die allerdings glaubt, dass Obama sicherlich den Auftrag neu definieren würde, wenn er Zeit hätte, sich darum zu kümmern.

Davon, wie so ein neuer Auftrag aussehen könne, hat Eschen freilich auch eine recht genaue Vorstellung. Erfolgreich sei an der Jazz-Diplomatie nie das bloße Vorspielen von Jazz Nummern gewesen. Wirklich für sich eingenommen hätten die Musiker die Leute anderer Länder, wenn sie Neugier an deren Kultur gezeigt hätten. Armstrong und vor allem auch Leute wie Randy Weston hätten sich immer davon geschlichen, um mit örtlichen Musikern zu spielen und von ihnen zu lernen, meist gegen die Anweisungen ihrer Aufseher vom State Department. Daran hat sich nichts geändert: Als im vergangenen Jahr der Bassist Ari Roland mit einer örtlichen Gruppe turkmenische Volkslieder einstudiert und auf sie dann improvisiert habe, brachte das turkmenische Fernsehen einen 15-minütigen Bericht darüber. „Die Leute sind begeistert zu mir gekommen und haben gesagt – ihr seid ja doch nicht alle Imperialisten", erzählt Roland.

Die kulturelle Hegemonie als offizielle Zielsetzung der Jazz Diplomatie hat sich seit dem Kalten Krieg also nicht verändert. Aber wenigstens die Glaubwürdigkeit der Botschafter mit Trompete und Saxophon hat sich erhöht: Die Gefahr, dass ein schwarzer Musiker seinen Dienst am Vaterland nicht antritt, weil seine Leute zu Hause diskriminiert werden, besteht jedenfalls mit Obama im Weißen Haus nun nicht mehr. Wenn heute afro-amerikanische Kultur in Form des Jazz als offizielle Staatskultur exportiert wird, dann ist das lange nicht mehr so verlogen, wie es das 1957 noch war. Die amerikanische Regierung ist 50 Jahre später tatsächlich so geworden, wie sie sich damals schon gerne dargestellt hat. Jetzt gälte es zu zeigen, wie offen die amerikanische Kultur ist - wie sie mit anderen Kulturen harmonieren kann, ohne dass sich eine Seite dabei verliert. Und vielleicht folgt ja dann auch, so wie Obama auf Satchmo folgte, irgendwann die Politik nach.

Go to top