Straight Story

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Thomas Pynchon überascht mit einem - beinahe - konventionellen Kriminalroman
(Frankfurter Rundschau, August 2010)

 

Nicht wenige eingefleischte Pynchon-Fans werden von ihrem Idol enttäuscht sein, wenn sie sein neues Werk „Inherent Vice" in die Hand bekommen. Das nicht einmal 400 Seiten starke Buch ist auf den ersten Blick ein Verrat des Meisters Labyrinth-hafter Plots an sich selbst. Es ist eine Genre-Erzählung, die sich streng an die Regeln des Noir hält, eine Etüde, bei der Pynchon seine Fantasie weniger auf die Architektur eines unüberschaubaren Roman-Gebildes verwandt hat, als auf Dialogwitz und die Skizzierung eines überaus farbenfrohen Ensembles an Charakteren.

Die Enttäuschung beginnt damit, dass Ort und Zeit der Handlung klar umgrenzt sind – der Leser wird in das Los Angeles des Jahres 1969 eingeladen. Wie in jedem Raymond Chandler-Krimi betritt in der Eröffnungsszene eine geheimnisvolle Frau das Büro eines Privatdetektivs – in diesem Fall des Hippies Doc Sportello, dem der Joint ebenso an den Lippen klebt wie dermal einst die filterlose Lucky im Mundwinkel von Philip Marlowe. Aus der Begegnung entspinnt sich eine schwindelerregende Abfolge von Ereignissen, aus der die ungebremste Fabulierlust Pynchons spricht, die paradoxerweise durch die Genrebegrenzung erst zur vollen Entfaltung zu kommen scheint. Die Energie, die Pynchon in Megawerken wie „Gravity's Rainbow" oder zuletzt „Against the Day" darauf verwenden musste, den Überblick zu behalten, fließt hier alleine in das Spinnen von pikaresken Garnen.

Wir begegnen Sportello's Widerpart, dem Hippie-hassenden Polizisten Bigfoot Björnsen, der nebenbei Werbespots für Gebrauchtwagenhändler dreht; wir lernen einen ehemals heroinabhängigen Saxophonspieler kennen, der seinen eigenen Tod vortäuscht um mit seiner Band eine Kommune in den Canyons außerhalb von LA zu gründen sowie einem Rechtsanwalt, der sich besser mit Donald Duck auskennt als mit seinem eigenen Gewerbe und der wie der Held des Buchs sowie scheinbar ganz LA im permanenten Haschsisch-Nebel lebt.

Obwohl Sportello die Angewohnheit hat, bei seinen Ermittlungen im entscheidenden Moment Marijuana-selig wegzudösen stolpert er bald über eine großangelegte Verschwörung, deren Ausmaße ihm und dem Leser zunehmend unüberschaubar werden. Der P.I. stößt auf einen jüdischen Immobilien-Hai, der sich von einer Nazi Motorrad-Gang bewachen lässt, auf ein mysteriöses Konsortium von Zahnärzten, eine Surfer-Band aus Untoten und schließlich auf eine Entität, die sich „Golden Fang" nennt und die ein Schoner sein könnte, der geheimnisvoll immer wieder aus dem Nebel des Pazifiks auftaucht, aber ebenso ein Drogenkartell oder ein Erzbösewicht.

Aufgelöst wird am Ende von Inherent Vice nichts, es wird lediglich ein ausuferndes Netz an Verflechtungen ausgebreitet. Und so kommen die Pynchon-Fans letztlich doch noch auf ihre Kosten. Denn trotz aller Konventionalität bleibt der mittlerweile 72-Jährige seinem Dauer-Topos - der Paranoia -treu. Wie schon Oedipa Mass, die Heldin von „The Crying of Lot 49" aus dem Jahr 1966, weiß Sportello nie, ob die Zusammenhänge, die er auftut, real sind oder ob er es ist, der sie mithilfe seines durch Opiate erweiterten Bewusstseins erzeugt. Noch immer hält Pynchon die Paranoia, die aus solch epistemologischer Verunsicherung entsteht, für den unhintergehbaren Dauerzustand des (post-)modernen Subjekts.

Der Privatdetektiv ist freilich der klassische Paranoiker und insofern ist Pynchons Wahl des Noir-Genres alles andere als zufällig. Ebensowenig wie das Jahr 1969 und Los Angeles als Schauplatz und Zeitpunkt für Inherent Vice. Pynchon hat sich seit Gravity's Rainbow immer mit Epochen historischen Umbruchs beschäftigt: Damals, 1974, war es das Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem er schaute, um den Kalten Krieg und die drohende globale Apokalypse zu ergründen. In Vineland blickte er auf die Sechziger Jahre, um die darauf folgende Reagan-Ära zu durchleuchten. Mason- Dixon beschäftigte sich mit der Frühphase des Kolonialismus und der Nationalstaaten und hatte dabei deren andauernde Folgen im Sinn. Against the Day erforschte den Eintritt in die technisch-wissenschaftliche Moderne, indem er den Weg von der Weltausstellung 1893 zum Ersten Weltkrieg nachzeichnete.

Inherent Vice nimmt den Moment ins Visier, in dem die US-Gesellschaft auseinanderfällt, jenen Augenblick, an dem die Charlie Manson-Morde, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen, das Mainstream-Amerika gegen die Subkultur der 60er Jahre aufbrachten. Es ist die Geburtsstunde des Hyper-Kapitalismus und somit letztlich auch der Immobilienblase, beides prominente Motive des Buchs. Auch das Internet taucht in Form seines damaligen Vorläufers auf und zeigt schon 1969 das Potenzial der permanenten Überwachung von jedem durch jeden.

Es sind alles Vorboten einer radikalen Dystopie, die Pynchon da in der nicht allzu fernen Vergangenheit gefunden haben will. Dabei traut er sich allerdings selbst nicht und will auch nicht, dass jemand anderes das tut. Am Ende von Inherent Vice sitzt Doc Sportello am Rand des Highways und wartet - darauf, dass sich ein Joint in seiner Tasche materialisiert oder eine Blondine in einem Stingray ihn aufgabelt. Oder, dass sich einfach nur der Nebel über L.A. lüftet und eine ganz andere, überraschende Realität zum Vorschein kommt, die ihm zeigt, dass das alles doch nur hallusziniert war.

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