Die Entschristianisierung von Weihnachten

  • Weihnachten

Irving Berlin hat mit "White Christmas" das erfolgreichste Weihnachtslied der Welt geschrieben. Das Christkind kommt darin nicht vor
(Frankfurter Rundschau)

 

Irgendwann am Heiligabend, wenn der Festtagsschmaus verzehrt und der Punsch in die Glieder gefahren ist, kommt bei den Barretts unweigerlich der Moment, an dem Großmutter Mary Ellin sich ans Klavier setzt. Ihre beiden Schwestern und die Familien ihrer drei Töchter werden sich dann um sie scharen und ihr andächtig lauschen, wie sie mit ihrer noch immer glasklaren Stimme Amerikas liebstes sowie das erfolgreichste Weihnachtslied aller Zeiten intoniert. „I'm dreaming of a White Christmas" wird es festlich durch das Wohnzimmer tönen und erst dann ist es so richtig Weihnachten.

Die Vorfreude auf diesen Augenblick, an dem sie mit ihrer Familie jenes Lied singt, das ihr Vater Irving Berlin vor 66 Jahren nicht zuletzt aus Sehnsucht nach ihr und ihren Schwestern geschrieben hat, kann Barrett eine Woche vor Weihnachten nur schwer verbergen. Ihre Stimme am Telefon zittert, sie bekommt einen Kloß in den Hals. Dabei ist Mary Ellin Barrett ansonsten ausgesprochen reserviert. Private Fragen wehrt die 82 Jährige ehemalige Journalistin, die zurückgezogen in ihrem New Yorker Apartment im Greenwich Village lebt, beinahe barsch ab. „Es geht nicht um mich", sagt sie, wenn man sie etwa fragt, womit sie ihre Tage verbringt. Barrett mag nicht in der Öffentlichkeit stehen: Außer ihrer Familie bekommt sie praktisch niemand zu Gesicht. Wenn es um ihren Vater und um „White Christmas" geht, dann taut Mary Ellin Barrett hingegen auf. „White Christmas ist eine perfekte Komposition", schwärmt sie. „Es ist mein Lieblingslied, seit ich es zum allerersten Ma gehört habe. Ich bin unglaublich stolz darauf."

Dazu hat sie freilich auch allen Grund. Die 32 sehnsüchtigen Takte, die von einer verschneiten Märchenlandschaft und einer zwar nicht nöher bestimmten, aber auf jeden Fall besseren Vergangenheit schwärmen, sind unangefochten der Hit aller Hits. 31 Millionen Mal hat sich der Song alleine in der Originalversion verkauft – in der ewigen Hitparade getoppt nur von Elton Johns Ode an Prinzessin Diana „Candle in The Wind '97". Alle Bing Crosby Fassungen von White Christmas zusammen wurden 70 Millionen Mal verkauft – einsamer Weltrekord. Der erfolgreichste Beatles-Song „I want to hold your hand" ist dagegen mit 12 Millionen geradezu ein Ladenhüter.

Mary Ellin Barrett hat das Lied zum ersten Mal gehört, als es schon ein Hit war. Irgendwann im Winter 1942/1943 muss das gewesen sein, glaubt sie. 16 Jahre alt war sie damals und der Song lief auf jeder Party. Zuhause hatte Mary Ellin von dem Lied hingegen nichts mitbekommen. Irving Berlin komponierte schließlich manisch. Da fiel „White Christmas" zunächst nicht weiter auf. Spätestens seit seiner ersten erfolgreichen Broadway-Revue „Yip Yip Yaphank" von 1917 schrieb Berlin beinahe jeden Tag einen Song. Tausende von Melodien flossen aus seiner Feder, mehr als 800 wurden aufgenommen. Unglaubliche 451 davon wurden Hits. Nacht für Nacht, schreibt der Musik-Journalist Jody Rosen in seinem Buch „White Christmas", saß Berlin bis zum Morgengrauen an seinem Piano.

Dass sie bei der Entstehung von „White Christmas" unwissentlich eine wichtige Rolle gespielt hatte, erfuhr Mary Ellin Barrett erst viel später. Die Idee zu dem Lied war ihrem Vater wahrscheinlich an Weihnachten 1937 gekommen, als er wegen der Dreharbeiten zu seinem Revue-Film „Alexander's Ragtime Band" in Hollywood nicht nach Hause kommen konnte, um mit seiner Familie wie stets die Feiertage im verschneiten Catskill-Gebirge nördlich von New York zu verbringen. Um ihm das Fest zu versüßen spielte 20th Century Fox-Chef Joseph Schenk Irving Berlin am Heiligabend einen filmischen Weihnachtsgruß seiner drei Töchter vor, den er schon Monate im Voraus aufgenommen hatte. Mit Heimweh erfüllt, soll Berlin noch in derselben Nacht die ersten Notizen zu White Christmas auf einen Zettel gekritzelt haben.

Der Zettel wanderte allerdings erst einmal in eine große Truhe voller solcher Entwürfe, die in der Ecke von Irving Berlins Arbeitszimmer stand. Erst 1940 kramte Berlin ihn wieder hervor. Am 8. Januar, erzählte Berlins Assistent Helmy Kresa Jody Rosen, stürmte der eigentlich als Langschläfer bekannte Meister morgens um Acht aufgekratzt ins Büro seines Musik-Verlages in Manhattan und sprühte vor Enthusiasmus. „Ich möchte, dass Du ein Lied aufschreibst, das ich am Wochenende komponiert habe", bedrängte Berlin Kresta grußlos. „Es ist nicht nur das beste Lied, das ich je geschrieben habe. Es ist das beste Lied, das je irgendjemand geschrieben hat."

Doch das beste Lied aller Zeiten fand zunächst nur wenige Liebhaber. Als im Sommer 1942 der Film „Holiday Inn" anlief, in dem Bing Crosby den Song gleich zwei Mal singen musste, um ihn auch garantiert zum Schlager zu machen, nahm kaum jemand Notiz davon. Erst im Oktober brachen, wie aus dem Nichts, plötzlich die Dämme. Als Anfang November die Vorweihnachtszeit begann bekamen die Geschäfte im ganzen Land weder von der Platte noch von den Noten noch schnell genug Nachschub.

Der Erfolg hatte so lange auf sich warten lassen, weil der Song einen Umweg genommen hatte. Viel mehr als zuhause schlug White Christmas bei den US-Truppen an der Front ein. Als sie das Lied auf den Soldatensendern hörten und die Platte auf den Grammophonen ihrer Baracken von den Phillipinen bis nach Tunesien spielten, hatten sie das Gefühl, er sei für sie geschrieben worden. Irving Berlins Weihnachtsheimweh in Beverly Hills war zum Heimweh jedes GIs der Welt geworden. Und weil es im Nu die Hymne der Truppen geworden war wurde es schnell auch zuhause ein Hit. „Ein knappes Jahr nach Pearl Harbor", schreibt Jody Rosen, „hatte sich endlich Amerikas Kriegs-Hymne materialisiert – in der unwahrscheinlichen Gestalt einer kleinen Weihnachtsmelodie."

White Christmas blieb zehn Wochen lang an erster Stelle der Charts. Und an jedem Weihnachten der nächsten 20 Jahre wurde es wieder in der Hitliste geführt. Noch bevor der Zweite Weltkrieg vorbei war hatte die Nummer alle traditionellen Weihnachtslieder als nationaler Soundtrack für die Festtage verdrängt. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Die große Ironie dabei, dass „White Christmas" sich als Amerikas Weihnachtslied etabliert hat ist freilich, dass Irving Berlin als sibirischer Jude geboren wurde. Mary Ellin Barrett, deren Mutter Katholikin war, erinnert sich, dass in ihrem Elternhaus kein Weihnachtsfest vergangen sei, an dem Irving Berlin nicht von seiner Kindheit im Immigrantenghetto Lower East Side erzählte, wo der Junge, der damals noch Israel Baline hieß, als Sohn eines orthodoxen Kantors aufwuchs. „Mein Vater erzählte gerne, wie er sich auf der Lower East Side zu Weihnachten immer heimlich davon schleichen musste, um bei der irischen Familie gegenüber den Baum zu bestaunen und um an ihren unkoscheren Leckereien zu naschen", so Barrett.

Zeit seines Lebens sei ihr Vater an Weihnachten ein staunender Außenstehender geblieben: „Er blieb immer ein neugieriger Besucher, der sich zwar köstlich amüsiert, der aber nicht so richtig versteht, was das alles soll." Diese Faszination des Außenseiters war wohl auch dafür verantwortlich, dass bei den Berlins Weihnachten immer besonders opulent gefeiert wurde. „Der Baum musste immer bis unter die Decke gehen", erinnert sich Mary Ellin Barrett. Vor allem erinnert sie sich jedoch an diese „riesigen Strümpfe", in denen amerikanische Kinder immer ihre Weihnachtsgeschenke in der Heiligen Nacht an die Tür gehängt bekommen. Eines war das Familienfest jedoch nie – religiös. „Wir sind nie in die Kirche gegangen. Meine Eltern waren beide, so wie wir Schwestern auch alle, Agnostiker."

So hat auch „White Christmas" selbst nicht den geringsten religiösen Bezug. Der Jude Irving Berlin hat mit „White Christmas" Weihnachten entchristianisiert. Das gleich gelang ihm 1948 mit der Fred Astaire Tanzrevue „Easter Parade", zu der er ebenfalls die Musik schrieb, auch noch mit Ostern. Der Schriftsteller Philip Roth preist deshalb Berlin als „jüdisches Genie". „Gott hat Moses die Zehn Gebote gegeben und Irving Berlin White Christmas sowie Easter Parade", schreibt Roth in seinem Roman Operation Shylock. „Berlin hat Religion in Kitsch verwandelt und alle lieben ihn dafür – sowohl die Goyim, als auch die Juden."

Berlin war allerdings nicht der einzige jüdische Entertainer, der den amerikanischen Mainstream infiltrierte. Zwischen den Weltkriegen und bis in die Sechziger Jahre hinein spielten jüdische Komponisten von Berlin über George Gershwin bis hin zu Rogers and Hammerstein, Lorenz Hart und Frederick Lowe eine dominante Rolle in der amerikanische Pop-Kultur. Kaum ein Musical wurde nicht von Juden geschrieben – mit starken Anleihen bei der schwarzen Musik wohl gemerkt: „Die amerikanische Mittelschicht tanzte Jahrzehnte lang zu afrikanischen Dschungelrhytmen, die jüdische Komponisten aufgeschrieben hatten", schreibt Jody Rosen

Osteuropäische jüdische Einwanderer, so Rosens Erklärung für die jüdische Ära des US-Pop, hatten einen besonders großen Assimilationsdrang und Musik, zentraler Bestandteil der jüdischen Kultur, drängte sich als Mittel dazu für sie auf. Das Komponieren von Schlagern war der Weg heraus dem Ghetto und hinein in den amerikanischen Mainstream. Irving Berlin, der schon mit 12 Jahren, bevor es Radio gab, für ein Handgeld von den Musikverlagen an New Yorker Straßenecken und in Spelunken Gassenhauer sang, ist sicher der Musterknabe dieser Bewegung. Als Berlin 1989 mit 101 Jahren starb, lebte er in einer Patriziervilla auf der vornehmen Upper East Side – Lichtjahre vom jüdischen Ghetto entfernt. Heute ist in dem Haus das luxemburgische Konsulat aber am Nachmittag des 24. kommt traditionell ein Chor an die Türschwelle und singt vor einer Versammlung eingeschworener Berlin-Fans "White Christmas". Mary Ellin Barrett wird auch da sein und ihre Enkelinnen mitbringen. Und vielleicht schneit es ja sogar.

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