Der Nußknacker – eine „erfundene Tradition”

  • Nussknacker
In der Zeit zwischen Thanksgiving und Weihnachten führt beinahe jede Tanz-Kompanie in den USA ein Nußknacker-Ballett auf, und beinahe jede amerikanische Familie schaut sich eine der zahlreichen Adaptionen an. Mark Morris hält das Gros der Nußknacker-Produktionen allerdings für eine Zumutung und inszenierte seine eigene Version – „Hard Nut" – die gehörig am kleinbürgerlichen Weihnachtsidyll rüttelt.
(„Ballett-Tanz”)

David Kersleys erste Erfahrung mit dem Nußknacker ist nun 42 Jahre her. Aber die Erinnerung daran ist so frisch, als sei es gestern gewesen: „Ich war in der ersten Klasse und wurde dazu gezwungen, im Blumenwalzer eine der Bienen zu spielen. Ich habe mich gewunden und während der ganzen Aufführung mit den Zähnen geknirscht. Meine Mutter hat das gemerkt und war darüber nicht eben erfreut. Ich bin bis heute darüber verbittert, es war ein wirklich traumatisches Erlebnis."

David hat schwere seelische Wunden von seiner Nußknacker-Erfahrung davon getragen. Auch Meg wurde vom Nußknacker fürs Leben gezeichnet, im Gegensatz zu David fühlt sie sich von dem Erlebnis jedoch auf ewig bereichert: „Mein Vater hat mich zusammen mit meinem Cousin und dessen Bruder zu einer Nußknacker Aufführung in Washington mitgenommen, und er hat mir vorher einen Nußknacker geschenkt. Ich bin jetzt 41 Jahre alt, und dieser Nußknacker ist bis heute die erste Weihnachtsdekoration, die ich auspacke und die letzte, die ich wieder wegpacke. Der Nußknacker symbolisiert für mich alles, was an Weihnachten wunderbar ist und erinnert mich an ein ganz besonderes Erlebnis, das ein kleines Mädchen mit ihrem Papa hatte."

Gleich ob die Erfahrung traumatisch war, wie bei David oder bezaubernd wie für Meg – es gibt kaum einen Amerikaner oder eine Amerikanerin, in deren Kindheit der Nußknacker nicht eine zentrale Rolle gespielt hat. Seit der amerikanischen Uraufführung in San Francisco 1944 und erst recht seit der Premiere des Balanchine-Nußknackers in New York 1954 hat sich das Lev Ivanov-Ballett entwickelt. Kaum ein amerikanisches Kind kommt daran vorbei in irgendeinem Schul- oder Theatersaal eine Schneeflocke zu geben oder zumindest in Festtagskleidung zusammen mit den Eltern und einem Geschwister dabei zuzusehen. Der Nußknacker ist, wie Mark Morris es formuliert, in den USA zu einer „sekulären religiösen Erfahrung" geworden – zu einer Art Ersatzgottesdienst, mit dem die multireligiöse amerikanische Gesellschaft ihr Bedürfnis nach einer einigenden spirituellen Erfahrung befriedigt.

Der Nußknacker in den USA ist eine „erfundene Tradition" – ein jährliches Ritual, das weder in völkischer Überlieferung noch in der Religion wurzelt. In der Zeit zwischen Thanksgiving und Weihnachten führt beinahe jede Tanz-Kompanie der Staaten einen Nußknacker auf, und beinahe jede amerikanische Familie schaut ihn sich an, auch wenn sie mit klassischem Ballett nicht das Geringste am Hut hat. Der Nußknacker – noch vor 60 Jahren ein unscheinbarer russischer Einwanderer – hat es weit gebracht in Amerika.

„Es haben viele Faktoren zum Erfolg des Nußknackers beigetragen", sagt die Tanz-wissenschaftlerin Jennifer Fisher von der Universität von Kalifornien, Autorin des Buches „Nutcracker Nation". So war der Nußknacker etwa in den USA bereits gut eingeführt, als das Ballett von San Francisco 1944 die erste volle Version aufführte. Tchaikovsky selbst hatte die Nußknacker-Suite bei einer Tournee nach Amerika gebracht, die Musik gehörte schon seit Jahrzehnten zum amerikanischen Pop-Repertoire: „Seit ich ein kleines Kind war, hatten wir die Schallplatte zuhause", erinnert sich etwa Anna Kisselgoff, die 30 Jahre lang Cheftanzkritikerin der New York Times war bevor sie kürzlich in den Ruhestand ging.

Die Berührungsangst eines Massenpublikums mit dem Ballett wurde weiter durch den Disney-Film Fantasia von 1940 gemindert. Disney ließ seine Cartoon-Figuren zur Tchaikovsky-Suite tanzen und choreographierte den Fantasy-Tanz nach dem Vorbild des Ballett Russe. Mark Morris sagt bis heute, dass Fantasia die beste Nußknacker-Version sei, die je getanzt wurde. Jennifer Fisher schreibt in ihrem Buch, dass Fantasia „ein hervor-ragender Botschafter des Balletts in einem Land war, das mit klassischen Kunstformen noch nicht sehr vertraut war."

Der Durchbruch für den Nußknacker kam freilich mit der Balanchine-Inszenierung am Broadway 1954. Wichtiger für die Popularisierung des Stoffes als der Erfolg am New Yorker Ballett war jedoch die Übertragung von Balanchine im nationalen Fernsehen. Spätestens nachdem das nationale Fernsehnetzwerk CBS an den Weihnachtsabenden 1957 und 1958 den Balanchine-Nußknacker in alle amerikanischen Haushalte übertragen hatte, war das Stück in Amerika zum festen Bestandteil des Festes geworden.

Der Nußknacker war in vielerlei Hinsicht zum Kernstück des Weihnachtsfestes im postreligiösen bourgeoisen Amerika prädestiniert. Die erste Szene, in der wenig getanzt wird, ist ein Weihnachtsabend in einem bürgerlichen Haushalt – eine Szene die die breite amerikanische Mittelschicht unmittelbar in das Stück hineinzieht. Der Nußknacker zelebriert von Anfang an den Familienfeiertag Weihnachten: „Der Nußknacker verkörpert alles, was schön ist an Weihnachten – die Familie, die Bedeutung von Gemeinsamkeit und Zusammensein, die Wohligkeit von Heim und Herd", sagt die Nußknacker-Enthusiastin Jennifer Fisher.

Darüberhinaus, so Fisher, verkörpere der Nußknacker eine zentrale amerikanische Utopie. In der vorletzten Szene tanzen der Prinz und die Zuckerpflaumenfee einmal um die Welt: „In diesem Tanz ist die ganze Welt durch die Sprache des Tanzes geeint", so Jennifer Fisher. Es ist die Vollendung des amerikanischen Schmelztiegeltraums, in dem alle Rassen und Klassen Brüder werden.

Laut Fisher verwirklicht sich diese Utopie heute auch in den zahllosen Adaptionen des Nußknackers in den ganzen USA. In Hawaii gibt es einen Hula-Nußknacker, im Südwesten einen Nutcracker Folklorico, in Harlem einen schwarzen und sogar einen Hip-Hop-Nußknacker, in Kanada einen Eishockey-Nußknacker und in Seattle einen Skateboard Nußknacker. „Der Nußknacker ist eine Tradition aber gleichzeitig eine, die sich fortwährend ändert", so Fisher. Er ist so etwas wie eine universelle Form in die jeder das hineingießen kann, was er möchte. Auf diese Art überbrückt der Nußknacker, positiv gewendet, alle kulturellen und regionalen Differenzen der USA.

Zu guter Letzt schlägt laut Jennifer Fisher der Nußknacker auch noch die Brücke zwischen E- und U-Kultur, zwischen Pop und hoher Kunst. Der Nußknacker, so Fisher sei klassisch und dennoch zugänglich, durch ihn fließe die hohe Ballettkunst in den Pop-Mainstream ein. Besser als der Nußknacker könne Kunst der egalitären, demokratischen amerikanischen Kultur-Ideologie gar nicht entsprechen.

Weniger egalitären Ballet-Freunden in den USA geht freilich die Nußknacker Industrie gehörig auf den Geist. „Der Nußknacker ist das am meisten überspielte, das am meisten überschätzte Ballett-Stück der USA", meint Anna Kisseloff von der Times und hofft: „Er wird bald eines natürlichen Todes sterben. Die Trivialisierung, die Reduzierung des Nußknacker- Genusses zum hohlen Ritual, zur mechanischen massenhaften Wiederholung, daran kann Kisseloff nichts Positives finden: „Kunst ist nicht einfach, sie ist nicht gefällig", schimpft sie. Deshalb hält sie den Nußknacker auch nicht dafür geeignet, ein junges Publikum an das Ballett heranzuführen: „Ein Haufen Kinder auf der Bühne – das kann doch junge Zuschauer nicht begeistern. Das ist doch kein gutes Ballett."

Für Kisseloff gibt es nur einen einzigen wahren Nußknacker, und das ist der von Balanchine. „Für mich sind diese ganzen Anpassungen ein Desaster. Die Leute, die das machen, kennen doch oft gar nicht mehr das Original. Da gibt es Leute, die denken, dass Drosselmeier ein Kinderschänder ist." Verloren gehe bei den Bastardisierungen vor allem auch die Klarheit des Balanchine-Stückes, „der simple Kampf zwischen Gut und Böse durch die Augen eines Kindes", wie Kissseloff sagt. Abgesehen von der brillianten Choreographie von Balanchine: „Im 2. Akt finden wir einige der besten choreographischen Ideen seiner ganzen Laufbahn."

Mark Morris ist ähnlich elitär wie Anna Kisseloff und hält das Gros der Nußknacker Produktionen für eine Zumutung. Allerdings weniger aus Prinzip: „Es gibt nicht den einen Original-Nußknacker. Es ist eigentlich nichts gegen Adaptionen einzuwenden, so lange sie gut sind." Weshalb sich Morris auch vor 13 Jahren die Freiheit herausnahm, seine eigene Version des Nußknackers zu inszenieren.

Morris wollte in gewissem Sinn den Nußknacker vor sich selbst retten. Morris liebte die Musik und den Fantasia Film aber selbst die Balanchine Inszenierung war ihm zu süßlich: „Es ist nicht seine beste Arbeit. Ich meine, was sagt sie uns denn über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern aus? Betäubt Eure Kinder – anästhesiert sie!"

Die „Hard Nut" nimmt deshalb die heile amerikansiche Familienwelt aufs Korn. Die Familie bei Morris ist durch und durch dysfunktional. Dem Märchen von Clara und ihrem Prinzen stellt er die grausame und bizarre Geschichte von der Prinzessin Pirlipat aus der Vorlage von ETA Hoffmann zur Seite und rüttelt somit gehörig an dem kleinbürgerlichen Weihnachtsidyll.
Die etwas zynischere Version der amerikanischen Familienweihnacht ist auf den Bühnen von Brooklyn und Berkeley, der Heimat eines alternativen intellektuellen Publikums, selbst zu einem Weihnachtsritual geworden. „Ich treffe in Berkeley Leute in ihren 20er Jahren, die jedes Jahr in die Hard Nut gehen, seitdem sie klein sind. Hurra kann ich dazu nur sagen", freut sich Morris darüber, dass er eine alternative amerikanische Weihnachtstradition geschaffen hat.

Die kleine Hard Nut Fangemeinde in den intellektuellen Zentren des Landes bleiben jedoch eine Randerscheinung. Der amerikanische Mainstream strömt unterdessen weiterhin zu Hunderttausenden in die gefälligen und erbaulichen Produktionen, mit denen die großen Ballettkompanien sie willig bedienen. Denn nicht selten sind die Häuser von den Einnahmen aus dem Nußknacker finanziell abhängig.

Das San Francisco Ballett etwa verdient am Nußknacker fünf Millionen oder 42 Prozent seines Jahreseinkommens. Das Pennsylvania Ballett nimmt durch den Nußknacker 2,2 Millionen ein, über das gesamte Jahr 10 Millionen. Das Bostoner Ballett verdient alleine am Nußknacker knapp 7 Millionen. Im Schnitt kommen zwischen 30 und 40 Prozent der Einnahmen amerikanischer Balletts aus dem Nußknacker.

Dass das so ist zeigt deutlich, dass sich die Popularität des Nußknackers nicht auf das klassische Ballett insgesamt übertragen hat. Der Nußknacker bleibt ein einzigartiges amerikanisches Pop-Phänomen. Er zieht die Leute einmal im Jahr in die Häuser, und dabei bleibt es meist.Die Ballett-Truppen haben vier Wochen Zeit, um das Geld für ihre weniger einträglichen Produktionen zu verdienen. Darüber, wie das zu bewerten ist, kann man indes geteilter Meinung sein. „Wahrscheinlich ist es besser, die Leute sehen irgendwas, als sie sehen gar nichts", sagt Mark Morris. Sehr überzeugt klingt das freilich nicht.

 

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