Occupy MoMa

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Martha Roslers Garage Sale

Nein, ein Dollar sei nun doch zu wenig, wird die junge Dame angewiesen, die sich in die abgewetzten Cowboystiefel aus dem Regal dort drüben verliebt hat, so niedrig könne man mit dem Preis für die guten Stücke nicht gehen. Das habe sie auch gar nicht gewollt, wendet die Interessentin ein, das sei ein Missverständnis, sie wollte lediglich einen Dollar Nachlass auf die Schuhe, die zu sechs Dollar feilgeboten werden. „Darauf", erwidert die Verkäuferin in der roten Weste, die an die Schürzen von Baumarktangestellten erinnert, „können wir uns einigen."

 

Die Schnäppchenjägerin schlägt ein, kramt ein paar zerknitterte Dollarscheine aus der Tasche und lässt sich dann noch stolz mit ihrer Beute fotografieren. Dass sie mitten im Museum of Modern Art steht, wo man gewöhnlich andächtig durch die Gänge schreitet um Picasso, Rothko, Cezanne und neuerdings auch den ausgeliehenen Schrei von Edvard Munch zu bestaunen, hat sie längst vergessen. Sie ist ganz eingetaucht in das Basar-hafte Treiben, das seit vergangener Woche das Atrium ausfüllt, das noch bis vor kurzem ein Obelisk von Richard Serra geziert hat.

Der Flohmarkt, inszeniert von der New Yorker Performance Künstlerin Martha Rosler, ist die jüngste Zweckentfremdung, die sich der zentrale Raum des neuen MoMa gefallen lassen muss, der nach dem Umbau 2004 zunächst Monets Wasserlilien Licht und Luft bot. In den vergangenen Jahren musste sich die Freifläche, die bis unter das Dach des sechsstöckigen Baus reicht Dinge gefallen wie Marina Abramovics Nackte oder ein Konzert von Kraftwerk. Und jetzt das.

Es ist ein überraschend mutiges Projekt für das MoMa, das sich in jüngster Zeit immer weiter auf das Terrain der Performance vorwagt. Das MoMa folgt wie andere Weltmuseen dem Trend, die Gattung zu kanonisieren. Mit Martha Rosler, sowie mit Andrea Fraser, die im Nebenraum gleich zwei Werke zeigt, ist man nun jedoch noch einen Schritt weiter gegangen. Man hat sich den Feind ins Haus geholt.

Die Feministin und Kulturkritikerin Martha Rosler, die in 70er Jahren neben Angela Davis in Kalifornien unter Herbert Marcuse studiert hat, ist eine bittere Kritikerin des globalisierten kapitalistischen Kunstbetriebes, den das MoMa als eine seiner zentralen Institutionen antreibt. Erst im vergangenen Sommer setzte sich Rosler in einem langen Aufsatz auf ihrem e-zine „eflux" damit auseinander, ob man sich nicht zwangsläufig zum Kollaborateur mache, wenn man als Künstler die Räume nutzt, die Einrichtungen wie das MoMa kritischen Künstlern bisweilen als Feigenblätter der Selbstreflexion zur Verfügung stellen.

Offenkundig hat sich Rosler dazu entschlossen, wie schon bei vorangegangen Kooperationen etwa mit dem Brooklyn Museum, dem Sprengel Museum oder Institute of Contemporary Arts in London, den Marsch durch die Institution anzutreten. Und so steht sie seit einer Woche täglich im Museums-Atrium, sortiert unermüdlich Kisten mit alten Schallplatten, Büchern und Zeitschriften und feilscht mit oft ahnungslosen Besuchern um Preise.

Das Projekt nennt sich „Garage Sale" – in Anlehnung an eine Institution des suburbanen amerikanischen Lebens, die Martha Rosler schon zu Beginn der 70er Jahre faszinierte. Damals, als Rosler in Kalifornien studierte, wurden die „Garage Sales" zur Epidemie. Die prosperierende amerikanische Mittelschicht geriet durch die Wirtschaftskrise zunehmend in die Klemme. Das Häuschen in der Vorstadt zu entrümpeln und im Vorgarten einen Flohmarkt mit dem angesammelten Unrat abzuhalten wurde zur Überlebens-Strategie. Gleichzeitig war es ein Spaß für alle Beteiligten, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich die Vorstadt-Bewohner begegneten und austauschten.

Die eingefleischte Marxistin Rosler interessierte an dieser aufblühenden Schattenwirtschaft, dass sie die Gesetze des offiziellen Marktplatzes gänzlich aushebelte. Der Warenfetischismus in seiner herkömmlichen Form war suspendiert, die Regeln der Wertschöpfung wurden beim „Garage Sale" fließend und geheimnisvoll. An die Stelle des verschleierten Arbeitswerts traten die hinterlassenen Spuren des Verkäufers, der auch ein Stück von sich feil bot. Vor allem jedoch war alles verhandelbar. Vom Geschenk bis hin zur Zahlung des vollen Einzelhandelspreises war das gesamte Spektrum der Transaktionen möglich.

Ihren ersten eigenen Garage Sale veranstaltete Martha Rosler in einer Studentengalerie in San Diego 1973. Es war eine smarte Metapher für die Utopie einer Kunst jenseits des spekulativen Kunstbetriebs. Die Künstlerin gibt etwas ganz Persönliches von sich her und lädt den Betrachter in ihr Leben ein. Der Wert entsteht in der direkten Verhandlung zwischen den beiden.

Das ist freilich eine ganz andere Art von Tauschgeschäft als das, was in den meisten Räumen des MoMa vonstatten geht. Dort wird die A-List der internationalen Kunst-Szene festgelegt und ihr stabiler Spitzenwert in den Auktionshäusern gestützt. Bei der Garage Sale im Atrium findet hingegen etwas anderes statt – ein frei flottierenden Austausch zwischen Künstler und Besucher, bei dem beide gewinnen.

Man kann sehen, warum es für Martha Rosler aller Vorbehalte zum Trotz unwiderstehlich war, die Einladung des MoMa anzunehmen. Rosler ist eine große Anhängerin der Occupy Bewegung. Ihr Flohmarkt im Museum ist das Pendant zum Zuccotti Park, der Garage Sale könnte genauso gut Occupy MoMa heißen. Und den MoMa Kuratoren ist es hoch anzurechnen, dass sie da mitspielen. Es ist ein großer Schritt zurück in die Zeit, als das Museum eine Provokation war, ein Ort, der Debatten anstößt.

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