Alleine mit den Bildern, den Dingen

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Zu Besuch bei Richard Meier

(Cicero Magazin) Foto: Wowe

Für die beengten New Yorker Verhältnisse ist die Wohnung von Richard Meier geradezu ein Palast. Der Loftraum reicht von einer Außenwand des 30er Jahre Apartmenthauses an der 72ten Straße zur anderen, helles Sonnenlicht durchflutet aus beiden Richtungen das Wohn- und Arbeitszimmer, das die gesamte Fläche des Grundrisses einnimmt. Sogar für eine mannshohe Plastik von Frank Stella, einem engen Freund Meiers, ist Platz und von der Raummitte aus schwingt sich eine breite Treppe elegant in das Obergeschoss des einzigen Domizils, das der Star-Architekt jemals für seinen eigenen Bedarf gestaltet hat.

Und doch ist die Wohnung zu klein, jedenfalls für Meiers Büchersammlung. Seine wohlsortierte Bibliothek zur Architektur des 20. Jahrhunderts zieht sich über zwei Wände des Raums und kriecht wie Efeu um die Fenster. Mittendrin steht der Schreibtisch, doch der ist auf den ersten Blick kaum zu entdecken. Rund herum türmen sich Bücherstapel in Brusthöhe, alles von Ausstellungskatalogen bis hin zu in Leder gebundenen Originalskizzen von Corbusier und Frank Lloyd Wright, Meiers großen Vorbildern. „Im Obergeschoss", verrät der weißhaarige Baumeister, der trotz der New Yorker Sommerhitze korrekt in ein weißes Hemd mit schwarzem Schlips gekleidet ist, „sind die Kunstbücher, da sieht's noch schlimmer aus." Deshalb will er den Besucher lieber nicht die Treppe hinauf bitten.

„Ich komme einfach nicht nach mit dem Aussortieren und Verschenken", sagt er mit seiner stets sanften, warmen Stimme. Auch die Bibliothek in seinem Büro an der 36ten Straße platze schon aus allen Nähten, von seiner Sommerresidenz in East Hampton ganz zu schweigen. Unbesehen Bücher weg zu werfen oder weiter zu geben, das ist aber einfach nicht der Stil von Meier. „Das brächte ich nicht fertig."

So liegt nun schon seit Wochen auf Meiers Schreibtisch der Katalog zur aktuellen Corbusier-Ausstellung im MoMa. Es ist ein Geschenk des Museums an den berühmten Schüler des visionären Schweizers und Meier hat sich ganz fest vorgenommen, es zu studieren. Doch in letzter Zeit wächst ihm alles ein wenig über den Kopf. Seine Gesundheit macht ihm zu schaffen, er kann sich nur schlecht konzentrieren. Meier ist beinahe 80, seine Hüfte muss ausgetauscht werden, er humpelt an einem Stock durch sein Haus. Man merkt ihm die Mühe und die Schmerzen an. Sogar seine geliebten Spaziergänge zum Central Park -nur einen Steinwurf von hier entfernt - , wo er sonst ganze Wochenenden auf einer Bank mit seinen Büchern verbringt, muss er derzeit missen.

Immerhin bringt der Corbusier Band auf dem Schreibtisch Richard Meiers Erinnerung in Schwung, auch wenn er nicht die Ruhe findet, darin zu lesen. Der Sommer 1957 ersteht vor seinem inneren Auge wieder auf, als er mit seinem druckfrischen Diplom in der Tasche nach Paris flog, beseelt von dem Wunsch bei dem großen Corbusier, dem kühnen Vordenker der architektonischen Moderne, ein Praktikum zu absolvieren.

Die Erfahrung war ernüchternd. Im Studio von Corbusier, wo er mit seiner Mappe unter dem Arm anklopfte, schlug man ihm die Tür vor der Nase zu. „So bald sie meinen amerikanischen Akzent hörten, wollte keiner mehr mit mir reden." Den Grund dafür erklärte ihm tags darauf der Meister selbst, als Meier diesen bei der Eröffnung seiner berühmten Maison du Bresil einfach ansprach. Corbusier war sauer, weil Amerika nichts hatte von ihm wissen wollen. Nicht einen einzigen Auftrag hatte Corbusier in den USA bekommen, vor allem nicht den, von dem er glaubte, er sei ihm quasi auf den Leib geschrieben: Die Vereinten Nationen in New York. Und das musste nun ausgerechnet Meier, ein glühender Verehrer Corbusiers, büßen.

In der Tat hat Corbusier bis an sein Lebensende nur einen einzigen Bau in den USA vollendet, ein Kunstzentrum in Boston. Doch die Gedanken, die Corbusier in seinen „Fünf Punkten der Architektur", seinem Manifest für das Bauen der Zukunft formulierte, fanden ihren Weg dennoch über den Ozean. Zu Verdanken hatte er das vor allem Meier, der ihm trotz des Korbs die Treue hielt und dessen Kollegen von den „New York Five" – der später berühmten Gruppe damals junger Architekten, für die Corbusiers Vision des modernen Bauens und Lebens eine Offenbarung war.

1972 trafen sich die Five, zu denen neben Meier sein enger Freund und Cousin Peter Eisenman, Michael Graves, Charles Gwathmey und John Hejduk gehörten, in New York um ihr eigenes Manifest zu entwerfen. Der Essayband „Five Architects" der aus diesem Treffen entstand, entfachte die vielleicht erste wirklich ernsthafte Debatte über Architektur in der neuen Welt. Den Fünf mit ihren hochtrabenden europäischen Ideen über Formen und Dimensionen, über die Befreiung des Innenraums von der Fassade und die Bedeutung des Lichts in der Architektur wurde Abgehobenheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem architektonischen Kontext vorgeworfen. Im Widerstand gegen ihre vermeintliche Trockenheit und Verkopftheit formierte sich die amerikanische Postmoderne unter Federführung des Meier-Widersachers Robert Venturi.

Doch den Five vermochte die Kritik nur wenig anzuhaben, sie waren zum Begriff geworden, zur Marke, wenn man es zeitgenössisch ausdrücken mag. Jeder von ihnen wurde auf seine Art ein Star in der Szene, eine Ikone. Bis zum Ende der 80er Jahre hatte sich bis auf den Akademiker Hajduk jeder sein Denkmal gesetzt. Meiers Magnum Opus, das Getty Center in Los Angeles, ist eine einzige Hommage an Corbusier – ein in charakteristischem Weiß erstrahlender Kunst-Campus in den Beverly Hills, der den Theoretiker der Ville Radieuse stolz gemacht hätte.

Auch bei Meiers anderen Bauten scheint die Philosophie von Corbusier und Zeitgenossen wie Mies van der Rohe, Frank Lloyd und Marcel Breuer durch, für den er zu Beginn der 60er Jahre sogar vorübergehend arbeitete. Das „Licht als Baumaterial" und das Streben nach menschlichem Maß in der Architektur sind sowohl in seinen berühmten Einfamilien-Häusern wie dem „Grotta Haus" in New Jersey oder dem „Saltzman-haus" auf Long Island sichtbar, als auch in seinen öffentlichen Gebäuden wie dem Museum für angewandte Kunst in Frankfurt, dem Museum für Moderne Kunst in Barcelona und zuletzt der „Jubilee Cathedral" in Rom.

Meier ist durch und durch ein Kind der europäischen Moderne, das spiegelt auch seine Bibliothek wieder. Ein komplettes Regal ist dem russischen Konstruktivismus gewidmet, ein anderes dem deutschen Expressionismus. Eine Wand gehört der holländischen Architektur des 20. Jahrhunderts, eine weitere der französischen. Und natürlich gehört ein vollständiges Regal Corbusier.

Neben dem Schreibtisch steht, wie sollte es anders sein, ein Corbusier-Sessel. Dort sitzt Meier, wie er sagt, drei Abende die Woche und oft das gesamte Wochenende, seit er nicht mehr in den Park gehen kann. Manchmal liest er, manchmal bastelt er an den Collagen, die er seit vielen Jahren aus allem möglichen, das ihm in die Hände fällt, in DinA4 Hefte klebt – Karten, Einladungen, Magazin-Schnipsel. Dazu läuft klassische Musik, Brahms, Bartok, Mahler. „Alles von der CD", betont er, mit einem ipod kann er sich ebenso wenig anfreunden, wie mit einem ipad. Nicht einmal ein Computer steht auf Meiers Schreibtisch.

Meier ist ein Mann des 20. Jahrhunderts, er muss sich nicht mehr dem digitalen Zeitalter anpassen und in seinem Alter kann man es ihm auch nicht übel nehmen, wenn er in dieser Epoche schwelgt. Das tut er allerdings auch ausgiebig. Gerade, gesteht er, hat er sich den vierten Band der Picasso-Biografie von John Richardson angeschafft. Die ersten drei Bände der Memoiren des Picasso-Freundes Richardson, die auf 1800 Seiten gerade einmal bis ins Jahr 1932 vordringen, hat Meier bereits verschlungen.

Auffallend abwesend in der Bibliothek des Architekten ist derweil die Belletristik. Nicht ein einziger Roman ist in den Stapeln zu entdecken und auf die Frage nach seinem Lieblingsschriftsteller muss Meier erst eine Weile grübeln. „Norman Mailer", fällt ihm schließlich ein, auch einer seiner Zeitgenossen, wie Richardson und wie Richardson auch ein guter Bekannter. „Die Nackten und die Toten", sagt Meier, sei ein wichtiges Buch für ihn gewesen. Allerdings ist es auch schon 40 Jahre her, dass er es gelesen hat.

Ein Buch, das nichts mit Kunst oder Architektur zu tun hat, findet sich dann aber doch noch. Am Rand des Schreibtischs in Griffweite des Corbusier Sessels liegt ein kleines blaues Paperback, der Titel lautet, „Too Soon to Die."

Es ist die Geschichte des Polit-Kolumnisten und Satirikers Art Buchwald, dem die Ärzte nach seiner Krebsdiagnose nur noch Wochen zu leben gaben. Buchwald ergab sich in sein Schicksal und zog in ein Hospiz. Doch das Leben spielte ihm einen Streich – es ging einfach weiter, noch mehr als ein Jahr lang. Buchwald genoss jeden Tag mit Freude und Humor und schrieb darüber. Es ist eine Geschichte über Haltung und Mut im Angesicht des Unausweichlichen. Sie hat Richard Meier imponiert.

„Das hat mich wirklich aufgemuntert", sagt er und dabei legt sich wieder dieses sanftmütige Lächeln auf das Gesicht des alten Herren. Dann bittet er um Entschuldigung, eine Stunde ist vergangen, er ist müde. Menschen strengen ihn an in diesen Tagen, das merkt man. Er verabschiedet sich höflich, ja herzlich sogar aber letztlich doch erleichtert wieder alleine zu sein. Alleine mit all den schönen Dingen, die er in seinem Palast an der 72ten Straße angehäuft hat, alleine mit seinem Universum.

Fotos von Wolfgang Weser

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