Die Unbeugsame

Studio-Besuch bei der Land Art-Künstlerin Agnes Denes in New York

Monopol-Kunst-Magazin September 2017

 AgnesDenes wheatfield more than green

Agnes Denes ist unglücklich, nichts läuft so, wie sie das gerne hätte. Sie kann in ihrer Studio-Loft in SoHo nichts mehr finden, längst hat sie den Überblick über die Stapel und Kisten verloren, die den Turnhallen-großen Raum am unteren Broadway füllen. Und wenn sie versucht, von ihrem Schreibtisch zu ihrer Sitzecke am Fenster zu kommen, muss sie mühsam an einem Rollator über die abgewetzten Holzbohlen schlurfen.

„Das ist ein Mist“, flucht sie über das degenerative Muskelleiden, das ihr das Leben so schwer macht. Denn eigentlich ist die 85-Jährige voller Energie und Tatendrang. „Ich habe noch so viele Projekte und Ideen. Ich könnte jeden Tag etwas Neues erschaffen.“

Es ist eine tiefe Frustration, die da aus Denes spricht, eine, die weit über den Ärger darüber hinaus geht, dass der Körper nicht mehr so kann, wie sie das gerne hätte. „Ich bin für ganze vier Werke bekannt“, sagt sie, mit einem deutlichen Unterton der Verbitterung. „Nach beinahe 50 Jahren.“

Dass Agnes Denes in jüngerer Zeit eine späte Wertschätzung als frühe Vertreterin der „Environmental“ oder „ECO-Art“ erfährt ist für sie da nur ein schwacher Trost. „Natürlich habe ich das alles erfunden“, sagt sie in ihrem trockenen Amerikanisch, dessen Intonation noch immer ihre ungarischen Wurzeln verrät. „Aber es ist ja jetzt egal, es macht keinen Unterschied mehr.“

Es fällt Agnes Denes schwer, die späte Anerkennung zu genießen, die ihr nun zu Teil wird, wie zuletzt auf der Documenta 14, wo ihre Living Pyramid gezeigt wurde, deren Original im Socrates Scultpure Park im New Yorker Stadtteil Queens steht. Die Tatsache, dass die Installation auf einer Idee beruhte, mit der Denes sich seit 50 Jahren auseinandersetzt, verstärkt eher noch ihr Gefühl, niemals angemessen gewürdigt worden zu sein.

Die bepflanzte Pyramide von Kassel ist eine Variation auf ein Werk, das Denes schon viele Male realisiert hat. Am berühmtesten ist vielleicht ihr „Baumberg“, den sie 1982 in Finnland angelegt hat. Dazu haben auf einem pyramidenförmigen Schuttberg 11,000 Menschen 11,000 Silbertannen nach einer speziellen mathematischen Formel angepflanzt. Alle 11,000 Teilnehmer verpflichteten sich dazu, über einen Zeitraum von 400 Jahren für die Patenschaft ihrer Bäume zu sorgen.

Im Text zum Werk schrieb Denes damals, es stelle „unsere Endlichkeit und Transzendenz auf den Prüfstand“, wäge „Individualität und Teamwork gegeneinander ab und messe den Wert und die Evolution eines Kunstwerks, nachdem es in die Umwelt eingegangen“ sei. „Der Baumberg ist darauf angelegt den menschlichen Intellekt mit der Majestät der Natur zu vereinigen.“

Sowohl dem Baumberg als auch der Kasseler Pyramide zugrunde liegt das Dreieck, einer Form, mit der Denes sich schon Ende der 60er Jahre auseinander setzte. In einer Serie von Skizzen und Essays, die Denes zwischen 1965 und 1970 anfertigte, rückt das Dreieck in das Zentrum ihres Denkens und Schaffens. Sie bewundert es, nicht als Symbol, sondern wegen seiner geometrischen Schönheit, der Reinheit seiner Form und seiner mathematischen Eigenschaften. Das Dreieck ist für sie die reinste Form der Abstraktion und somit des menschlichen Geists.

So versuchte Denes 1969 die Gesamtheit des menschlichen Wissens in einer Dreiecksform darzustellen, „eine wahnsinnige Idee“, wie sie heute zugibt. Nicht jedoch ohne dabei kokett zu kichern. Ein wenig Stolz ist sie bis heute auf ihren Wahnsinn.

Projekte wie dieses, die „Matrix des Wissens“ oder das Dreieck, das die „Gesamtheit des menschlichen Diskurses“ darstellen sollte, macht es leicht, Agnes Denes als Konzeptkünstlerin zu etikettieren. Eine Versuchung, die umso stärker ist, weil Denes sich Ende der 60er Jahre und zu Beginn der 70er Jahre im Epizentrum dessen bewegte, was später als Concept Art und Minimalismus in die Kunstgeschichts-Bücher eingehen sollte.

Denes’ Studio am unteren Broadway, in dem sie heute noch lebt und arbeitet, ist die vielleicht letzte der legendären Künstler-Lofts im zur Luxus-Mall verkommenen New Yorker Stadtviertel SoHo. Als Denes Ende der 60er Jahre hier ankam, waren sie alle hier: Richard Serra, Robert Smithson, Eva Hesse, James Turell, Walter DeMaria, Donald Judd, Carl Andre. Und natürlich der Mann, mit dem Agnes Denes am Häufigsten in Verbindung gebracht wird: Robert Smithson.

Es wehte ein Geist des Aufbruchs und der intellektuellen Revolution durch den verfallenen einstigen Handwerker – und Kontors-Bezirk. Man lebte für die Ideen, verbrachte die Tage damit, zu diskutieren, zu arbeiten, zu schaffen. Der Druck, auf einem überhitzten Kunstmarkt zu bestehen oder in einer überteuerten Stadt zu überleben, dem die heutigen New Yorker Künstler ausgesetzt sind, existierte nicht.

In diesem Nährboden keimte auch die Idee der Land Art, 1968 zuerst vorgestellt in der Galerie von Virginia Kwan an der Lafayette Street, keine drei Gehminuten von Agnes Denes’ Loft entfernt. Zum ersten Mal schlugen DeMaria und Smithson vor, sich von der Dinghaftigkeit des Kunstwerks zu verabschieden und in die Landschaft zu gehen- nicht zuletzt, um der krakenhaften Dynamik der Kommodifizierung zu entkommen.

Agnes Denes kann sich an diese Ausstellung nicht erinnern. Überhaupt hat sie keine romantischen Reminiszenzen an das SoHo der 70er Jahre und das intellektuelle Knistern, das damals im unteren Manhattan in der Luft lag. Eigentlich möchte Denes lieber gar nicht über diese Zeit sprechen.

„Ich war immer alleine“, sagt sie stattdessen. „Ich habe mich mit niemandem ausgetauscht.“ Nicht, weil sie sich das nicht irgendwie gewünscht hätte, „ich liebe es, wenn man sich Nächte lang über Ideen den Kopf heiß redet.“ Doch Agnes Denes hatte immer schon das Gefühl, dass es niemanden gibt, der sie wirklich versteht.

Das gilt selbstverständlich auch für den Besucher. Wenn man sie fragt, wann und warum sie angefangen hat, sich für das Thema Ökologie zu interessieren, antwortet sie beinahe beleidigt: „Man kann eine solche Frage nicht beantworten. Das kann man nicht einfach erklären. Einstein kann auch nicht erklären, wann er angefangen hat, sich für die Relativität zu interessieren.“

Agnes Denes fühlt sich als verkanntes Genie. „Sehen Sie das hier“, sagt sie, als sie einen schmalen Buchband von ihrem Regal nimmt. „Dieses Buch müsste Millionen-fach verkauft werden. Doch man respektiert mich einfach nicht. Man mag keine Frauen, die Philosophen sind.“

Das Buch ist eine der wenigen noch existierenden Ausgaben von Denes’ „Buch des Staubes“, eines Traktats, an dem sie 16 Jahre lang, von 1972 bis 1988 gearbeitet hat. Gerade einmal 40 Seiten dick ist es, aber es beansprucht nicht weniger, als das gesamte Universum zu erklären. „Das Buch des Staubes markiert den Anfang und die Enden der Zeit und die bedeutsamen Ereignisse dazwischen“, steht in der Einleitung. „Es ist die Anatomie allen Seins: Die Essenz aller Materie, einer Blume, eines Berges, von Dir und mir.“

Was folgt ist eine Collage aus Formeln, Tabellen und Diagrammen, die alle zentralen Phänomene des Seins zu erklären beanspruchen: Das Gehirn, die Zeit, Todessterne und weiße Löcher, den Menschen, die Intelligenz. Es ist leicht, es als Spinnerei abzutun. Man kann es aber genauso gut als ambitioniertes Werk einer modernen Nachfahrin von Leonardo da Vinci sehen, die versucht, Brücken zwischen Vokabularen und Disziplinen zu schlagen, die Kunst, Mathematik und Philosophie zu einem Ganzen wieder zusammen fügen möchte, ein wenig wie Buckminster Fuller vielleicht oder auf ihre Weise auch die Kubisten.

In jedem Fall ist Agnes Denes fest davon überzeugt, dass das was sie tut, weit über das hinaus geht, was ihre Zeitgenossen getan haben. „Leute wie Smithson wollten vor allem ihr Ego über das Studio hinaus ausdehnen. Ich wollte immer der Menschheit helfen.“ Dem männlichen Drang zur Selbstdarstellung setzte sie die weibliche Sorge um die Schöpfung entgegen.

In der Tat ist es ihr Drang zur Intervention, durch den Agnes Denes neueren Kunstströmungen um Jahrzehnte voraus war. Aus ihrer kosmologisch-wissenschaftlichen Analyse des Zustands allen Seins folgte für sie eine dringende Verpflichtung, zur Tat zu Schreiten. Große Gebilde zu schaffen, die man von der Stratosphäre aus fotografieren konnte, reichte ihr nicht aus.

So entstand ihr berühmtestes Werk, ein Weizenfeld am World Trade Center aus dem Jahr 1982. Denes pflanzte auf dem Aushub vom Bau der Zwillingstürme einen Hektar Weizen an, den sie später erntete und in 28 Länder rund um die Erde verschiffte. Die landwirtschaftliche Nutzung eines der teuersten Flecken Land der Welt, unmittelbar neben dem Welthauptquartier des Freihandels, war ein bissiger Kommentar auf die Dysfunktionalität unseres Wirtschafts-Systems und seine verfehlten Prioritäten.

Agnes Denes hat noch viele solcher Interventionen in der Schublade oder genauer auf dem Computer, der ihr genauso wiederborstig zu sein scheint, wie der Rest der Welt. Kaum eine Datei, die sie aufruft, mag sich öffnen, gewünschte Vergrößerungen und Verkleinerungen werden verweigert, während Denes zwischen den Zähnen vor sich hin flucht.

Als es dann doch endlich klappt mit dem Programm taucht die Darstellung einer bewaldeten Insel draußen in der Bucht von Jamaica auf, einem Stadtteil von New York am äußersten Ende von Queens. Bislang wird die Insel als Müllhalde benutzt „Seit Jahren arbeite ich daran, aber nichts geht voran. Da will dieses Komitee beraten und jenes Komitee und dieser Stadtverordnete hat was dazu zu sagen und jener Dezernent. Es macht mich wahnsinnig.“

Agnes Denes läuft die Zeit davon auch nur noch einen Bruchteil ihrer Projekte umzusetzen, das weiß sie. Einen Irrgarten würde sie gerne bauen, in dem man durch das menschliche Gehirn wandelt. Und ein Sternenfeld, auf dem man durch das Weltall laufen kann. Doch ihre Hoffnung, dass davon noch irgendetwas zu ihren Lebzeiten geschieht, schwindet rapide.

Damit abfinden mag sie sich trotzdem nicht. Sie kämpft weiter um die Anerkennung, von der sie meint, dass sie ihr zusteht, darum, ernst genommen und verstanden zu werden und sich nicht mehr so isoliert zu fühlen.

Zuletzt hat sie einen Rechtsanwalt beauftragt, ihr Modell des Universums, eine mathematische Zeichnung aus den 70er Jahren, patentieren zu lassen. Ein Patent für das Universum, das auf ihren Namen lautet, das wäre wenigstens ein kleiner Triumph. „Ich wollte schon immer die Gesamtheit des menschlichen Wissens neu begründen“, sagt sie. Ein Projekt, an dem man nur scheitern kann. Aber Agnes Denes gibt nicht auf, zumindest um Teilerfolge bei diesem Titanenkampf zu ringen.

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