"Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten"

Interview mit dm Kulturkritiker Kurt Andersen über den Realitätsverlust Amerikas

 

Zeit-Online 17. Oktober 2017

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Kurt Anderson ist einer der einflussreichsten Kultur-Journalisten der USA, seine Sendung Studio 360 im öffentlichen Radio gilt als meinungsbildend. In seinem neuen Buch „Fantasyland – How America went Haywire“ (wie Amerika verrückt wurde) entwickelt Anderson die Theorie, dass die USA kollektiv unter einem massiven Realitätsverlust leidet. Er führt den Verlust eines gesellschaftlichen Konsenses über die Wirklichkeit auf Strömungen zurück, die tief in die amerikanische Kulturgeschichte zurück reichen. Diese Strömungen, so Anderson, haben mit einer tragischen Zwangsläufigkeit zum Phänomen Donald Trump geführt.

Herr Anderson, wie viele Amerikaner glauben heute noch an Fakten?

Ich schätze, dass es weniger als die Hälfte sind.

Worauf stützen Sie diese Einschätzung?

Ich habe allerlei Umfragen zu religiösen Überzeugungen gelesen, zu verschiedenen Verschwörungstheorien und zur Verbreitung vom Glauben an paranormale Phänomene. Was man natürlich nicht genau wissen kann, ist, wie viele der Befragten bei diesen Untersuchungen identisch sind, also wie viele der Leute, die an Engel glauben auch an Regierungsverschwörungen glauben. Aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es da große Überschneidungen gibt.

Aber Sie hatten den Verdacht, dass Amerika unter einem massiven Realitätsverlust leidet ja schon lange, bevor Sie diese Untersuchungen gelesen haben. Wie kamen Sie darauf?

Ich frage mich schon seit Jahrzehnten immer wieder, warum in Amerika der religiöse Fanatismus so viel weiter verbreitet ist, als in anderen Kulturen. Hinzu kam für mich, dass sich Mitte der 90er die Unterhaltungsbranche zu wandeln. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion wurden mit dem Aufkommen des Reality – TV immer mehr verschoben. Gleichzeitig flammte die Debatte um das Unterrichten des Kreationismus an öffentlichen Schulen auf. Schließlich beschäftigte ich mich in meinem letzten Roman, „True Believers“ mit den 60er Jahren, jener Zeit, in welcher der gesellschaftliche Konsens in den USA unwiederbringlich zu zerfallen anfing. Um das Jahr 2010 herum formten sich für mich alle diese Aspekte zu einer kohärenten Theorie.

Warum neigen denn nun die Amerikaner mehr als andere Kulturen, dazu, sich von der Realität zu verabschieden?

Die Tatsache, dass dieses Land,von Leuten gegründet wurde, die an das Unwahrscheinliche glaubten, spielt eine enorme Rolle – gleich ob das die Puritaner waren oder andere Kult-Anhänger oder einfach nur Leute, die über Nacht reich werden wollten. Amerika war schon immer das Land, in dem ein Vermögen machen konnte und gleichzeitig alles glauben durfte, was man wollte. Das ist vielleicht der zentrale Aspekt der amerikanischen Identität. Leute, die nach Amerika kamen, waren von Anfang an Träumer und Fantasten.

Amerika bedeutet die Freiheit, sich selbst zu erfinden.

Ja, der extreme amerikanische Individualismus spielt eine große Rolle bei unserer Loslösung von der Realität. Er ist aber auch wieder eine direkte Folge davon, dass dieses Land von fanatischen Renegaten gegründet wurde, die eine protestantische Theokratie etablieren wollten. Allerdings war es nicht der Protestantismus selbst als Auflehnung gegen die etablierte Macht, sondern es war der rebellische, anti-autoritäre Impuls dahinter, der den amerikanischen Charakter formte. Die Auflehnung gegen Autorität, die leider oft auch in Anti-Intellektualismus mündet, ist zentraler Teil des amerikanischen Charakters.

Sie schreiben aber auch, dass lange Zeit der aufgeklärte, rationale Teil des amerikanischen Charakters dem fantastischen Teil Paroli bieten konnte. Wann hat Amerika sich von der Aufklärung verabschiedet?

Ich glaube die Dinge sind in den 60er Jahren aus den Fugen geraten. Damals sind die etablierten Kontrollinstanzen der aufgeklärten Vernunft wie die Universitäten und die Medien entweder marginalisiert worden, sie haben sich selbst diskreditiert oder sie haben einfach aufgegeben. In der Folge wurde der Einzelne ermächtigt alles zu glauben, war er oder sie wollte.

Wie konnten die 60er Jahre so dramatisch die Institutionen entmachten, die bis dahin über einen gemeinsamen Realitätssinn gewacht haben?

In den 60er Jahre wurde die Baby-Boom Generation erwachsen, die erste Generation, die Geburtenkontrolle ausübte und die Fernsehen hatte. Gleichzeitig wurden wir in den Vietnam-Krieg hinein gezogen, einen Krieg, an den wir nicht glaubten. Auf diesem Nährboden blühte die Gegenkultur. An der Universität gewann der Relativismus immer mehr an Boden, insbesondere in den Geisteswissenschaften. So machte sich eine immer größere Skepsis gegenüber Vernunft und Rationalität breit. Zur selben Zeit wurden die extremsten protestantischen religiösen Sekten immer extremer. Deren Establishment verlor ebenfalls die Kontrolle. Bis zu den 60er Jahren waren evangelikale Christen ein viel kleinerer, viel vernünftigerer Teil der christlichen Welt.

Sie sprechen auch davon, dass die Demontage des Konzepts von Geisteskrankheit in den 60er Jahren eine große Rolle beim Realitätsverlust Amerikas spielte.

Ich halte das für einen sehr erhellenden Aspekt der kulturellen Revolution der 60er Jahre. Wir haben die französische Idee, dass Geisteskrankheit eine Konstruktion ist, die dazu dient, Menschen auszugrenzen, sehr bereitwillig adaptiert. Bis zu einem gewissen Grad ist das ja auch ein sehr hilfreiches Argument. Aber wenn es vulgarisiert wird, wird es zu einem weiteren Faktor in der Delegitimation einer geteilten Realität. Wenn man nicht mehr sagen kann, dass jemand verrückt ist, dann hat man im öffentlichen Diskurs ein Problem.

Welche Rolle spielte denn die Kennedy Ermordung bei der Explosion der amerikanischen Öffentlichkeit in unüberbrückbare Realitäten.

Es war ein traumatisches nationales Ereignis, das die Dinge massiv aus dem Gleichgewicht brachte. Es gab gewiss schon vorher Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte, aber die Kennedy Ermordung war der Moment, in dem sich eine allgemeine Skepsis gegenüber jedweder offizieller Darstellung der Realität breit machte. Die Forschung zu Verschwörungstheorien ist eindeutig - wenn man erst einmal anfängt in Verschwörungstheorien zu denken, dann gibt es kein zurück mehr. Es wird zu einer Angewohnheit des Geistes. Mit der Kennedy-Ermordung hat sich in Amerika diese Angewohnheit durchgesetzt, insbesondere auf der Rechten.

Warum ist die Rechte gegenüber Verschwörungstheorien anfälliger als die Linke?

Das hat mit der Verbreitung extremer religiöser Überzeugungen auf der Rechten zu tun. Das bildet den Nährboden für fantastische Überzeugungen auf anderen Gebieten. Wenn Sie glauben, dass Sie in Zungen sprechen können, dann sind Sie auch dazu geneigt, zu glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung Chinas ist. Hinzu kommt, dass die extreme Rechte seit Jahrzehnten wahnwitzige Theorien verbreitete, die dann in den vergangenen 20 Jahren immer stärker in den Mainstream rücken. Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten.

Begann mit der Kennedy Ermordung auch das allgemeine Misstrauen gegenüber den Medien, das wir heute beobachten?

Nein, ich glaube, das ging so richtig erst in den 80er Jahren los. Es waren ja immerhin die Medien, die den Watergate Skandal aufgedeckt haben und die Pentagon Papiere über Vietnam veröffentlicht. Die Medien blieben eigentlich die 70er Jahre hindurch vertrauenswürdig. Das Misstrauen begann damit, dass die Rechte in den 80er Jahren die Medien pauschal einer liberalen Voreingenommenheit bezichtigten. So richtig zum Tragen kam dieses Misstrauen dann allerdings erst in den 90er Jahren, als das deregulierte Radio und die immer stärker polarisierten Kabelsender 24 Stunden lang den Menschen eintrichterten, dass sie der Presse nicht trauen dürfen.

Ist der Verlust eines Konsenses über die Wirklichkeit in Amerika der wichtigste Grund für das Phänomen Donald Trump?

Ja, absolut. Wenn wir einigermaßen klare Trennlinien zwischen wahr und falsch beibehalten hätten, hätten wir nicht Donald Trump gewählt. Ich habe lange vor Trump angefangen, an dem Buch zu arbeiten, aber er verkörpert, mit Ausnahme der Religiosität, jedes Einzelne meiner Argumente. Ich behaupte natürlich nicht, dass es etwa das Gefühl der weißen Unterschicht, abgehängt worden zu sein, nicht gibt. Aber ich denke, dass meine Geschichtsschreibung Trump wesentlich besser erklärt. Leider bedeutet meine Version der Genese von Donald Trump auch, dass das Problem, das zu seiner Wahl geführt hat, mit ihm nicht wieder verschwindet.

Haben Sie die Wahl Trumps voraus gesagt?

Natürlich nicht. Aber ich habe immerhin schon früh gedacht, dass es nicht völlig unmöglich ist. Leider hat seine Wahl meine Theorien bestätigt. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ein Freak wie Trump tatsächlich gewählt werden kann. Jemand wir er hat in unserem neuen Medien-Umfeld auf einmal eine ungeheure Macht.

Längerfristig gedacht – kann eine Gesellschaft, die sich auf keine Realität mehr einigen kann, überleben?

Ich habe leider keine Antwort darauf und das macht mich sehr besorgt. Man spricht immer über die politische Polarisierung in den USA. Die USA waren schon oft politisch polarisiert und haben das überstanden. Aber ich weiß nicht, wie ein Land eine Öffentlichkeit erdulden kann, die zwischen denen gespalten ist, die noch an Fakten glauben und denen, die es eben nicht mehr tun. Ich war nie jemand, der an den Untergang geglaubt hat, aber im Moment wird mein Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Wenn wir eine Regierung haben, die nicht mehr an wissenschaftliche Erkenntnisse glaubt, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es mit dem Wohlstand und dem Wohlergehen unserer Nation steil bergab geht.

Gibt es nichts, was Ihnen Hoffnung darauf macht, dass zumindest über manche Dinge ein Konsens hergestellt werden kann?

Ich habe die Hoffnung, dass wir uns in fünf Jahren darauf einigen können, dass die Wahl von Donald Trump ein schwerer Fehler war. Dann wird vielleicht eine Diskussion darüber möglich, dass wir etwas vorsichtiger mit dem sein müssen, was wir glauben und was wir nicht glauben.

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