Der Krieg gegen schwarze Körper

Berliner Zeitung, 1.2.2016

Ta-Nehisi Coates hatte mehr als eine Stunde lang vor den Studenten des Medgar Evans College im schwarzen New Yorker Stadtbezirk Crown Heights gesprochen und doch waren viele im Auditorium frustriert. So stand ein junger Mann auf und fragte den Schriftsteller, beinahe flehend, ob er denn keinen Ratschlag für ihn hätte, einen Ratschlag dafür, wie er als Schwarzer in Amerika sein Leben führen soll. „Ich fürchte, ich habe nicht viele gute Ratschläge“, erwiderte Coates. „Das Beste, was ich Dir mitgeben kann, ist - versuche, zu überleben.“

Die Antwort gab trefflich den bedrückenden Ton wieder, der Coates’ viel beachteten 200-Seiten Essay „Zwischen mir und der Welt“, der an diesem Montag auf Deutsch erscheint, durchzieht,. Wie sein unverhohlenes literarisches Vorbild James Baldwin in „The Fire Next Time“ aus dem Jahr 1963 hat Coates sein Werk als Brief an seinen Sohn verfasst, als ein langes, atemloses Lamento darüber, was es bedeutet, als schwarzer Mann in Amerika zu leben. Am Ende muss Coates seinem Sohn eingestehen, dass er ihn nicht beschützen kann, dass es ihm jeder Zeit so ergehen kann wie Trayvon Martin oder Michael Brown, dass die amerikanische Gesellschaft ihn in jedem Augenblick zerquetschen kann, ohne, dass jemals irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Es gibt nur wenig Tröstliches an der Prosa von Ta Nehisi Coates, „dies ist kein Buch, dass das Ende des Rassismus in Amerika proklamiert oder prophezeiht“, wie er den Studenten in Brooklyn gleich zu Beginn versicherte. Im Gegenteil  - für Ta-Naheisi Coates ist der Rassismus konstitutiv für die amerikanische Gesellschaft. Ohne Rassismus gibt es für Coates Amerika nicht, die beiden waren von Anfang an unentwirrbar ineinander verschränkt.

Schon der Titel des Buches lässt all denjenigen, die trotz der ernüchternden Erfahrungen der Obama Ära, trotz systematischer Polizeigewalt und Masseninhaftierung der schwarzen Bevölkerung noch immer von einer post-rassischen Gesellschaft träumen, das Blut in den Adern gefrieren. Es ist ein Zitat aus einem Gedicht von Richard Wright aus dem Jahr 1935, in dem er die Szene eines Lynchmordes beschreibt. „Eines Morgens, während ich durch die Wälder lief, stolperte ich plötzlich darüber, stolperte darüber auf einer grasgrünen Lichtung. Die grausamen Details der Szene stiegen auf und schoben sich zwischen mich und die Welt.“ Am Ende verwandelt sich der Erzähler selbst in den Gelynchten, und fährt gemeinsam mit dessen verkohltem Leib in einem Fanal aus Teer und Benzin zum Himmel.

Wie James Baldwin ist Richard Wright eines der wichtigsten intellektuellen Vorbilder für Coates. Beides waren Männer, die an Amerika verzweifelten, die kaum mehr den Glauben daran wagten, dass je gegenüber dem schwarzen Mann das Versprechen der Teilhabe am amerikanischen Traum eingelöst werde.

Immerhin einen kleinen Funken Hoffnung auf Wandel hegte selbst Baldwin noch, dann nämlich, wenn die „kleine Gruppe Weißer und die kleine Gruppe Schwarzer, welche das rechte Bewusstsein entwickelt haben, es schaffen, andere zu überzeugen.“ An diese sehr schwache Hoffnung auf einen langsamen Bewusstseinswandel  wenigstens knüpft auch Coates an.

Aber es ist bei ihm kein leichter, kein froher Prozess, er beinhaltet es, harten Wahrheiten furchtlos in die Augen zu blicken. Coates beklagt immer wieder die Verblendung der weißen Mittelschicht durch die Ideologie des amerikanischen Traums, durch jenen Glauben daran, dass sie das, was sie erreicht hat „durch harte Arbeit und gute Taten erreicht haben.“ Es ist ein Irrglaube, der es ihnen erlaubt, die Augen vor Dingen wie „dem Horror unseres Strafvollzugs-Systems, vor einer Polizei, die sich in eine Armee verwandelt hat und vor einem nicht enden wollenden Krieg gegen schwarze Körper zu verschließen.“

Der Wohlstand und die Privilegien des weißen Amerika sind auf schwarzen Rücken gebaut, das ist die Botschaft, die Coates unermüdlich seinem Publikum einbläut.  Dabei richtet er sich beinahe noch dringlicher an das schwarze Amerika, denn an das Weiße. Das volle Ausmaß und die Tiefe des amerikanischen Rassismus ernst zu nehmen, hält er für sie für überlebensnotwendig. „Es ist eine Frage der geistigen Gesundheit, sich nicht einreden zu lassen, dass es den Rassismus, den ihr jeden Tag erfahrt, gar nicht gibt.“

Das sind Worte, die Amerika noch bis vor allzu langer Zeit nicht in dieser Deutlichkeit hören wollte. Coates’ Vorbilder Wright, Baldwin oder der Dichter Amiri Baraka wurden als Radikale marginalisiert und in der Euphorie über die Wahl Obamas wollte so etwas ohnehin niemand hören. Doch sehr zu seinem eigenen Erstaunen, horcht Amerika jetzt auf. Bereits 28 Wochen lang hält sich das Buch  schon auf der Bestseller-Liste der New York Times.

Die Kluft zwischen dem Versprechen Obamas und den unübersehbaren Realitäten auf den Straßen des schwarzen Amerika hat einen Moment erzeugt, in dem auch das weiße, liberale Amerika dazu bereit ist, seinen Begriff davon, was Bürgerrechte und Gleichberechtigung bedeuten, zu erweitern und auf Stimmen wie die von Coates zu hören. Schwarze Aktivisten und Intellektuelle klagen seit Jahrzehnten über Masseninhaftierung und systematische Polizeibrutalität. Jetzt hört ihnen Amerika endlich zu.

Der Erfolg von Coates ist jedoch nicht nur dem politischen Augenblick zu verdanken. Sein Lamento ist sowohl literarisch brilliant als auch journalistisch wasserfest. So ist der deutschen Ausgabe des Aufsatzes jener Magazin-Artikel von Coates aus dem Jahr 2014 bei gefügt, der ihn in den USA in das Zentrum der Debatten um Rassismus katapultierte.

Es ist eine Studie über die Art und Weise, wie in amerikanischen Städten das gesamte 20. Jahrhundert über Ghettos gebildet und erhalten wurden, die den sozialen Aufstieg der afroamerikanischen Unterschicht faktisch unmöglich machten. Coates zeigt auf, dass diese Ghettos kein Unglück sind, sondern gezielt von den Machteliten geplant und gewollt und macht damit die vage Klage über systematischen Rassismus handfest und greifbar.

Die Forderung, die Coates daraus ableitet, dass die US Regierung der schwarzen Bevölkerung Reparationen schulde, ist freilich politisch noch immer nicht salonfähig. Aber immerhin wird sie nicht mehr als vollkommen hanebüchen abgetan.