Genüssliche Zeitreise

Die neue TV Serie "Vinyl" von Martin Scorsese

Bobby Finestra ist gerade dabei in sein Kokain Delirium abzudriften, als eine wilde Horde kreischender junger Menschen ihn aufschreckt. Sie trampeln über sein Auto, das er in einer finsteren, vermüllten Gasse geparkt hat, um sich ungestört zu bedröhnen. Finestra folgt ihnen in ein leer stehendes Abrisshaus im heruntergekommenen Manhattan der 70er Jahre und erlebt dort sein erstes Punk-Konzert.

Es ist eine Offenbarung für den Plattenproduzenten Finestra, der Hauptfigur der neuen HBO-Serie „Vinyl“. Martin Scorsese und Mick Jagger haben die Serie gemeinsam produziert, beides Männer der 70er Jahre, die sich dabei hemmungslos ihrer Nostalgie für die schönen, schlimmen alten Zeiten hingeben, als New York, einer Mad Max Kulisse glich, das Kokain nur so durch die Straßen wehte und der Rock n Roll seine goldenen Zeiten erlebte.

Die Prämisse der Serie ist, dass Finestra, gegeben von „Boardwalk Empire“ Star Bobby Cannavale, mit seinem Label „American Century“ die Zeichen der Zeit verpasst hat In New York passiert gerade der Punk und der Hip Hop entsteht in der Bronx, während Finestra auf einem Haufen mittelmäßiger Rocker wie Lobo, Dr. Hook und Donny Osmond sitzt. Seine letzte große Hoffnung, Led Zeppelin, schwindet vor seinen Augen dahin, als Zeppelins legendär jähzorniger Manager Peter Grant  in seinem Büro einen Tobsuchtsanfall hinlegt.

All diese musikalischen Anspielungen sind für Fans der Epoche ein Hochgenuss, insbesondere für die älteren Zuschauer, die noch irgendwo in einem Schuhkarton die alten Tickets für ein Stones oder Bowie- Konzert aus jener Zeit aufbewahren. Scorsese und Jagger nehmen einen mit ins Zentrum und an die Quelle jenes Zeitgeists, er opulent mit sorgfältig inszenierten Club-Gigs und Studio-Sessions inszeniert wird.

All das bietet reichlich Gelegenheit zum Schwelgen, so, wie Mad Men in den 50er Jahren und Boardwalk Empire in den 20er und 30er Jahren schwelgen. Es ist ein Epochen-Panoptikum zweier Zeitzeugen, die sich in ihrer Materie auskennen, wie kaum jemand anderes und  es ist unmöglich, sich nicht ihrer kunstvollen Nostalgie widerstandslos hinzugeben.

Dabei ist die Nostalgie eine doppelte. Es ist einerseits eine Nostalgie für den musikalischen Zeitgeist, in dem künstlerischer Ausdruck noch nicht alleine vom Marktkalkül gesteuert war; und es ist andererseits eine Nostalgie für das New York jener Zeit, das auf dem Höhepunkt seines Verfalls so wild und gefährlich und frei war, wie ein Ramones Auftritt im CBGBs oder die legendären Kellerparties von DJ Kool Herc in der Bronx.

Der Plot des Dramas lässt freilich ahnen, dass all das dem Untergang geweiht ist und unausweichlich in der Künstlichkeit der Beyonce und Taylor Swift Ära und in dem Manhattan der Glastürme mit Luxuswohnungen, der allgegenwärtigen Starbucks-Filialen und Boutiquen-Ketten mündet.

Alleine schon die Figur Finestra vereinigt in sich die Spannungen der Epochenschwelle. In seiner Brust streiten zwei Seelen – die des wahrhaften Musik-Liebhabers und Connoisseurs mit einer einem untrüglichen Geschmack und einer tiefen Liebe zu seinem Produkt; und die des skrupellosen Geschäftsmannes, für den Songs nur Produkte sind und Musiker nur Content-Lieferanten.

So pendelt er zwischen den Welten, zwischen exzessiven Clubnächten und seinem Spießerleben in einer Villa in Connecticut, wo seine Frau, das einstige Wathol Factory Girl Devon, die Kinder hütet und Cocktail Parties organisiert. Welche Seele schließlich gewinnt deutet sich in der Figur des begnadeten Blues Sängers Lester Grimes an, den Finestra mit dem Versprechen, ihn groß rauszubringen, anheuert, dann aber zum Abnudeln von Doo Wop-Tanznummern versklavt.

Es ist schwer, an all dem irgendetwas zu finden, was nicht gefällt, höchstens, dass die Serie, wie etwa die New Yorker Stadtzeitung Village Voice klagte, durch die Monumentalisierung und Sentimentalisierung jener Zeit sich derselben Mechanismen bedient, die ihren Untergang herbei geführt haben. Doch 35 Jahre später ist das ein eher akademisches Argument.

Was bleibt ist eine genüssliche Zeitreise, orchestriert von einem der größten lebenden Regisseure, gewürzt mit einer feinsinnigen Meditation über die Zusammenhänge von Pop, Kunst und Kommerz. HBO, der Mutterkanal der Qualitätsserie, bringt sich damit wieder eindrucksvoll ins Gespräch, nachdem in letzter Zeit Netflix und Amazon eher für die Schlagzeilen gesorgt haben.

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