Fremd in der Heimat

  • 026-David-Henry-Hwang

Cicero, März 2014

Foto: Kai Nedden 

Das zweite Stockwerk des Signature Theater ist zum Bersten voll an diesem Donnerstagnachmittag. Studenten nutzen den hohen, hellen und mit WLan ausgestatteten Raum an der 42ten Straße um Seminararbeiten zu schreiben und Rucksack-Touristen rufen ihre emails ab. Ein Hauch von Mensa weht durch die von Frank Gehry gestaltete hypermoderne Halle, die sich später am Abend in das Foyer einer der bedeutendsten Bühnen für ernsthaftes Drama in New York verwandeln wird.

 

Mitten unter den jungen Menschen sitzt David Henry Hwang in Jeans und Sneakers, tippt auf seinem i-pad herum und saugt einen Erdbeermilchshake durch einen Strohhalm. Würden die silbernen Strähnen seiner ungestümen Mähne nicht seine 55 Jahre verraten, würde Hwang hier nicht weiter auffallen.

Es ist typisch für den sino-amerikanischen Bühnenschriftsteller sich so einzufügen, er fällt nicht gerne auf. Dabei ist er hier im Signature gewissermaßen der Hausherr. Für ein Jahr hat das Theater seine Bühne an Hwang abgetreten, er darf hier nach Herzenslust proben, produzieren und aufführen. Es ist eine der höchsten Ehrungen im amerikanischen Theater, zu seinen Vorgängern am Signature gehörten Arthur Miller, Edward Albee und Sam Shepard.

Der Platz in dieser Reihung ist wohlverdient  – Hwang ist zweifellos einer der bedeutendsten amerikanischen Bühnenschriftsteller der Gegenwart. Vor 25 Jahren, als er nicht einmal 30 war, eroberte der Sohn eines Einwanderers aus Shanghai mit seinem Stück M Butterfly den Broadway. Butterfly bekam den Tony Award, soll gerüchtehalber 30 Millionen Dollar eingespielt haben und wurde von David Cronenberg mit Jeremy Irons und Barbara Sukowa verfilmt. Seither ist Hwang eine stete Präsenz im New Yorker Theaterdistrikt sowie auf den Bühnen von Los Angeles und San Francisco. Erst 2012 feierte seine interkulturelle Farce „Chinglish“ einen erneuten Triumph bei Kritik und Publikum.

Wenn das amerikanische Feuilleton von Hwang spricht, dann spricht es jedoch trotz dieser beeindruckenden Erfolge nie schlicht von einem großen amerikanischen Dramatiker. Immer muss Hwang den qualifizierenden Zusatz des „asiatisch-amerikanischen“ Künstlers über sich ergehen lassen und das, obwohl er in Kalifornien aufgewachsen ist und seine Mandarin-Kenntnisse bestenfalls rudimentär sind. „Ich kann mit Taxifahrern sprechen und mir etwas zu essen bestellen“, gesteht er. „Das war’s dann aber schon.“

Daran, dass Hwang im Bewusstsein der US- Öffentlichkeit die Stimme der asiatischen Minderheit und das Gesicht des asiatisch-amerikanischen Literatur ist, ist er freilich nicht ganz unschuldig. Seit er Ende der 70er Jahre in seinem Studentenwohnheim vor Kommilitonen sein erstes Stück „FOB“ – (Fresh off the boat) aufführte, das später zum Off-Broadway-Hit wurde, kreisen seine Stücke darum, was es bedeutet, ein asiatisch-stämmiger Amerikaner zu sein.

Nicht, dass er in 30 Jahren eine Antwort darauf gefunden hätte. „Ich glaube das Mysterium der Identität ist nicht da, um entschlüsselt zu werden“, sagt er. Nicht zuletzt deshalb geht er das Thema nur selten direkt an. Seine Stücke bewegen sich  sich fast immer auf der Meta-Ebene. Sie drehen sich darum, wie Identitäten konstruiert werden anstatt Identitäten direkt zu erforschen. „Mich interessiert es, wie man zwischen  Vorurteilen und Klischees ein authentisches Selbst finden kann.“

Damit stößt Hwang freilich auf das Kernproblem der asiatisch-stämmigen Minderheit in den USA – der am schnellsten wachsenden Minderheit der Einwanderernation. „Wir sind die ewigen Fremden, auch wenn wir hier aufgewachsen sind.“ Volle Integration bleibt Asiaten wie Hwang oft verwehrt, Stereotypen zu überwinden ist für sie schwieriger als für jede andere Einwanderergruppe. „Das einfachste für die meisten von uns ist es, sich in das zu fügen, was von uns erwartet wird“, sagt er. So, wie etwa in die Rolle des Unauffälligen, Unsichtbaren, in der Hwang selbst sich am Wohlsten fühlt.

Seine künstlerische Taktik, die bedrängenden ethnischen Klischees zu entkräften, ist es, sie zu dekonstruieren, da ist Hwang ganz Kind der 80er Jahre, als die heiß geführten Debatten um Multikulturalismus und französische Theorie das intellektuelle Klima in Amerika bestimmten. „Ich will zeigen, wie nutzlos in unserer Welt Kategorien von Rasse und Ethnizität sind, wenn es um die Beurteilung von Menschen geht.“ Deshalb zeigt er in seinen Stücken immer wieder, wie diese Kategorien scheitern.

In M Butterfly etwa glaubt der französische Diplomat Rene Gallimard sich in eine unterwürfige chinesische Frau zu verlieben. Am Ende des Stücks, 20 Jahre später in der Handlung, stellt diese sich jedoch als männlicher Spion heraus: „Ich habe eine Lüge geliebt“, stellt am Ende ein völlig zerstörter Gallimard fest, bevor er sich umbringt.

In „Yellow Face“ reflektiert Hwang seine eigene Rolle im Theaterstreit um das Broadway Musical Miss Saigon zu Beginn der 90er Jahre, dessen Hauptrolle mit einem europäisch-stämmigen Schauspieler besetzt wurde. Hwang protestierte damals lautstark dagegen, dass ein Europäer mit einer Asiatenmaske vor ein Massenpublikum tritt und rassistische Klischees ausbeutet. In Yellow Face treibt Hwang dann das Vexierspiel auf die Spitze und lässt den Asiatendarsteller zum Vorkämpfer für asiatisch-amerikanische Bürgerrechte mutieren.

Sein jüngster Broadway-Erfolg, Chinglish,  weidet sich an den Verhandlungen zwischen einem amerikanischen Geschäftsmann und einem chinesischen Provinzpolitiker, bei denen sprachliche und kulturelle Übersetzungsfehler zu immer wilderen Verflechtungen führen. Wie schon bei M Butterfly kippen diese Fehlübersetzungen jedoch vom Komischen ins Tragische, als es um die Liebe geht.

Die Liebe als Schlachtfeld der größten und folgenreichsten Mißverständnisse im Leben – dieses Thema lässt Hwang ebenso wenig los, wie die Kommunikationsbrüche zwischen den Kulturen. Gewiss liefert ihm dazu seine 17 Jahre währende Ehe mit der amerikanischen Schauspielerin Kathyrn Layng reichlich Stoff. Doch darüber zu sprechen würde nicht zu ihm passen.

Lieber redet er über sein derzeitiges Projekt, ein Tanz- und Musikstück über Bruce Lee, das Anfang Februar 2014 im Signature Premiere feierte. Warum Bruce Lee? „Er hat das Bild des asiatischen Mannes grundlegend geändert. Er hat ihm Eier gegeben“, sagt Hwang.

Das Foyer des Signature Theater hat sich mittlerweile geleert. Hwangs Milchshake ist ausgetrunken, er entsorgt ordentlich den leeren Becher und verabschiedet sich höflich. Dann entschwindet er in die anonyme Menschenmasse, die sich die 42te Straße hinunter in Richtung Times Square wälzt. 

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