Die Unbeugsame

Studio-Besuch bei der Land Art-Künstlerin Agnes Denes in New York

Monopol-Kunst-Magazin September 2017

 AgnesDenes wheatfield more than green

Agnes Denes ist unglücklich, nichts läuft so, wie sie das gerne hätte. Sie kann in ihrer Studio-Loft in SoHo nichts mehr finden, längst hat sie den Überblick über die Stapel und Kisten verloren, die den Turnhallen-großen Raum am unteren Broadway füllen. Und wenn sie versucht, von ihrem Schreibtisch zu ihrer Sitzecke am Fenster zu kommen, muss sie mühsam an einem Rollator über die abgewetzten Holzbohlen schlurfen.

„Das ist ein Mist“, flucht sie über das degenerative Muskelleiden, das ihr das Leben so schwer macht. Denn eigentlich ist die 85-Jährige voller Energie und Tatendrang. „Ich habe noch so viele Projekte und Ideen. Ich könnte jeden Tag etwas Neues erschaffen.“

Es ist eine tiefe Frustration, die da aus Denes spricht, eine, die weit über den Ärger darüber hinaus geht, dass der Körper nicht mehr so kann, wie sie das gerne hätte. „Ich bin für ganze vier Werke bekannt“, sagt sie, mit einem deutlichen Unterton der Verbitterung. „Nach beinahe 50 Jahren.“

Dass Agnes Denes in jüngerer Zeit eine späte Wertschätzung als frühe Vertreterin der „Environmental“ oder „ECO-Art“ erfährt ist für sie da nur ein schwacher Trost. „Natürlich habe ich das alles erfunden“, sagt sie in ihrem trockenen Amerikanisch, dessen Intonation noch immer ihre ungarischen Wurzeln verrät. „Aber es ist ja jetzt egal, es macht keinen Unterschied mehr.“

Es fällt Agnes Denes schwer, die späte Anerkennung zu genießen, die ihr nun zu Teil wird, wie zuletzt auf der Documenta 14, wo ihre Living Pyramid gezeigt wurde, deren Original im Socrates Scultpure Park im New Yorker Stadtteil Queens steht. Die Tatsache, dass die Installation auf einer Idee beruhte, mit der Denes sich seit 50 Jahren auseinandersetzt, verstärkt eher noch ihr Gefühl, niemals angemessen gewürdigt worden zu sein.

Die bepflanzte Pyramide von Kassel ist eine Variation auf ein Werk, das Denes schon viele Male realisiert hat. Am berühmtesten ist vielleicht ihr „Baumberg“, den sie 1982 in Finnland angelegt hat. Dazu haben auf einem pyramidenförmigen Schuttberg 11,000 Menschen 11,000 Silbertannen nach einer speziellen mathematischen Formel angepflanzt. Alle 11,000 Teilnehmer verpflichteten sich dazu, über einen Zeitraum von 400 Jahren für die Patenschaft ihrer Bäume zu sorgen.

Im Text zum Werk schrieb Denes damals, es stelle „unsere Endlichkeit und Transzendenz auf den Prüfstand“, wäge „Individualität und Teamwork gegeneinander ab und messe den Wert und die Evolution eines Kunstwerks, nachdem es in die Umwelt eingegangen“ sei. „Der Baumberg ist darauf angelegt den menschlichen Intellekt mit der Majestät der Natur zu vereinigen.“

Sowohl dem Baumberg als auch der Kasseler Pyramide zugrunde liegt das Dreieck, einer Form, mit der Denes sich schon Ende der 60er Jahre auseinander setzte. In einer Serie von Skizzen und Essays, die Denes zwischen 1965 und 1970 anfertigte, rückt das Dreieck in das Zentrum ihres Denkens und Schaffens. Sie bewundert es, nicht als Symbol, sondern wegen seiner geometrischen Schönheit, der Reinheit seiner Form und seiner mathematischen Eigenschaften. Das Dreieck ist für sie die reinste Form der Abstraktion und somit des menschlichen Geists.

So versuchte Denes 1969 die Gesamtheit des menschlichen Wissens in einer Dreiecksform darzustellen, „eine wahnsinnige Idee“, wie sie heute zugibt. Nicht jedoch ohne dabei kokett zu kichern. Ein wenig Stolz ist sie bis heute auf ihren Wahnsinn.

Projekte wie dieses, die „Matrix des Wissens“ oder das Dreieck, das die „Gesamtheit des menschlichen Diskurses“ darstellen sollte, macht es leicht, Agnes Denes als Konzeptkünstlerin zu etikettieren. Eine Versuchung, die umso stärker ist, weil Denes sich Ende der 60er Jahre und zu Beginn der 70er Jahre im Epizentrum dessen bewegte, was später als Concept Art und Minimalismus in die Kunstgeschichts-Bücher eingehen sollte.

Denes’ Studio am unteren Broadway, in dem sie heute noch lebt und arbeitet, ist die vielleicht letzte der legendären Künstler-Lofts im zur Luxus-Mall verkommenen New Yorker Stadtviertel SoHo. Als Denes Ende der 60er Jahre hier ankam, waren sie alle hier: Richard Serra, Robert Smithson, Eva Hesse, James Turell, Walter DeMaria, Donald Judd, Carl Andre. Und natürlich der Mann, mit dem Agnes Denes am Häufigsten in Verbindung gebracht wird: Robert Smithson.

Es wehte ein Geist des Aufbruchs und der intellektuellen Revolution durch den verfallenen einstigen Handwerker – und Kontors-Bezirk. Man lebte für die Ideen, verbrachte die Tage damit, zu diskutieren, zu arbeiten, zu schaffen. Der Druck, auf einem überhitzten Kunstmarkt zu bestehen oder in einer überteuerten Stadt zu überleben, dem die heutigen New Yorker Künstler ausgesetzt sind, existierte nicht.

In diesem Nährboden keimte auch die Idee der Land Art, 1968 zuerst vorgestellt in der Galerie von Virginia Kwan an der Lafayette Street, keine drei Gehminuten von Agnes Denes’ Loft entfernt. Zum ersten Mal schlugen DeMaria und Smithson vor, sich von der Dinghaftigkeit des Kunstwerks zu verabschieden und in die Landschaft zu gehen- nicht zuletzt, um der krakenhaften Dynamik der Kommodifizierung zu entkommen.

Agnes Denes kann sich an diese Ausstellung nicht erinnern. Überhaupt hat sie keine romantischen Reminiszenzen an das SoHo der 70er Jahre und das intellektuelle Knistern, das damals im unteren Manhattan in der Luft lag. Eigentlich möchte Denes lieber gar nicht über diese Zeit sprechen.

„Ich war immer alleine“, sagt sie stattdessen. „Ich habe mich mit niemandem ausgetauscht.“ Nicht, weil sie sich das nicht irgendwie gewünscht hätte, „ich liebe es, wenn man sich Nächte lang über Ideen den Kopf heiß redet.“ Doch Agnes Denes hatte immer schon das Gefühl, dass es niemanden gibt, der sie wirklich versteht.

Das gilt selbstverständlich auch für den Besucher. Wenn man sie fragt, wann und warum sie angefangen hat, sich für das Thema Ökologie zu interessieren, antwortet sie beinahe beleidigt: „Man kann eine solche Frage nicht beantworten. Das kann man nicht einfach erklären. Einstein kann auch nicht erklären, wann er angefangen hat, sich für die Relativität zu interessieren.“

Agnes Denes fühlt sich als verkanntes Genie. „Sehen Sie das hier“, sagt sie, als sie einen schmalen Buchband von ihrem Regal nimmt. „Dieses Buch müsste Millionen-fach verkauft werden. Doch man respektiert mich einfach nicht. Man mag keine Frauen, die Philosophen sind.“

Das Buch ist eine der wenigen noch existierenden Ausgaben von Denes’ „Buch des Staubes“, eines Traktats, an dem sie 16 Jahre lang, von 1972 bis 1988 gearbeitet hat. Gerade einmal 40 Seiten dick ist es, aber es beansprucht nicht weniger, als das gesamte Universum zu erklären. „Das Buch des Staubes markiert den Anfang und die Enden der Zeit und die bedeutsamen Ereignisse dazwischen“, steht in der Einleitung. „Es ist die Anatomie allen Seins: Die Essenz aller Materie, einer Blume, eines Berges, von Dir und mir.“

Was folgt ist eine Collage aus Formeln, Tabellen und Diagrammen, die alle zentralen Phänomene des Seins zu erklären beanspruchen: Das Gehirn, die Zeit, Todessterne und weiße Löcher, den Menschen, die Intelligenz. Es ist leicht, es als Spinnerei abzutun. Man kann es aber genauso gut als ambitioniertes Werk einer modernen Nachfahrin von Leonardo da Vinci sehen, die versucht, Brücken zwischen Vokabularen und Disziplinen zu schlagen, die Kunst, Mathematik und Philosophie zu einem Ganzen wieder zusammen fügen möchte, ein wenig wie Buckminster Fuller vielleicht oder auf ihre Weise auch die Kubisten.

In jedem Fall ist Agnes Denes fest davon überzeugt, dass das was sie tut, weit über das hinaus geht, was ihre Zeitgenossen getan haben. „Leute wie Smithson wollten vor allem ihr Ego über das Studio hinaus ausdehnen. Ich wollte immer der Menschheit helfen.“ Dem männlichen Drang zur Selbstdarstellung setzte sie die weibliche Sorge um die Schöpfung entgegen.

In der Tat ist es ihr Drang zur Intervention, durch den Agnes Denes neueren Kunstströmungen um Jahrzehnte voraus war. Aus ihrer kosmologisch-wissenschaftlichen Analyse des Zustands allen Seins folgte für sie eine dringende Verpflichtung, zur Tat zu Schreiten. Große Gebilde zu schaffen, die man von der Stratosphäre aus fotografieren konnte, reichte ihr nicht aus.

So entstand ihr berühmtestes Werk, ein Weizenfeld am World Trade Center aus dem Jahr 1982. Denes pflanzte auf dem Aushub vom Bau der Zwillingstürme einen Hektar Weizen an, den sie später erntete und in 28 Länder rund um die Erde verschiffte. Die landwirtschaftliche Nutzung eines der teuersten Flecken Land der Welt, unmittelbar neben dem Welthauptquartier des Freihandels, war ein bissiger Kommentar auf die Dysfunktionalität unseres Wirtschafts-Systems und seine verfehlten Prioritäten.

Agnes Denes hat noch viele solcher Interventionen in der Schublade oder genauer auf dem Computer, der ihr genauso wiederborstig zu sein scheint, wie der Rest der Welt. Kaum eine Datei, die sie aufruft, mag sich öffnen, gewünschte Vergrößerungen und Verkleinerungen werden verweigert, während Denes zwischen den Zähnen vor sich hin flucht.

Als es dann doch endlich klappt mit dem Programm taucht die Darstellung einer bewaldeten Insel draußen in der Bucht von Jamaica auf, einem Stadtteil von New York am äußersten Ende von Queens. Bislang wird die Insel als Müllhalde benutzt „Seit Jahren arbeite ich daran, aber nichts geht voran. Da will dieses Komitee beraten und jenes Komitee und dieser Stadtverordnete hat was dazu zu sagen und jener Dezernent. Es macht mich wahnsinnig.“

Agnes Denes läuft die Zeit davon auch nur noch einen Bruchteil ihrer Projekte umzusetzen, das weiß sie. Einen Irrgarten würde sie gerne bauen, in dem man durch das menschliche Gehirn wandelt. Und ein Sternenfeld, auf dem man durch das Weltall laufen kann. Doch ihre Hoffnung, dass davon noch irgendetwas zu ihren Lebzeiten geschieht, schwindet rapide.

Damit abfinden mag sie sich trotzdem nicht. Sie kämpft weiter um die Anerkennung, von der sie meint, dass sie ihr zusteht, darum, ernst genommen und verstanden zu werden und sich nicht mehr so isoliert zu fühlen.

Zuletzt hat sie einen Rechtsanwalt beauftragt, ihr Modell des Universums, eine mathematische Zeichnung aus den 70er Jahren, patentieren zu lassen. Ein Patent für das Universum, das auf ihren Namen lautet, das wäre wenigstens ein kleiner Triumph. „Ich wollte schon immer die Gesamtheit des menschlichen Wissens neu begründen“, sagt sie. Ein Projekt, an dem man nur scheitern kann. Aber Agnes Denes gibt nicht auf, zumindest um Teilerfolge bei diesem Titanenkampf zu ringen.

"Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten"

Interview mit dm Kulturkritiker Kurt Andersen über den Realitätsverlust Amerikas

 

Zeit-Online 17. Oktober 2017

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Kurt Anderson ist einer der einflussreichsten Kultur-Journalisten der USA, seine Sendung Studio 360 im öffentlichen Radio gilt als meinungsbildend. In seinem neuen Buch „Fantasyland – How America went Haywire“ (wie Amerika verrückt wurde) entwickelt Anderson die Theorie, dass die USA kollektiv unter einem massiven Realitätsverlust leidet. Er führt den Verlust eines gesellschaftlichen Konsenses über die Wirklichkeit auf Strömungen zurück, die tief in die amerikanische Kulturgeschichte zurück reichen. Diese Strömungen, so Anderson, haben mit einer tragischen Zwangsläufigkeit zum Phänomen Donald Trump geführt.

Herr Anderson, wie viele Amerikaner glauben heute noch an Fakten?

Ich schätze, dass es weniger als die Hälfte sind.

Worauf stützen Sie diese Einschätzung?

Ich habe allerlei Umfragen zu religiösen Überzeugungen gelesen, zu verschiedenen Verschwörungstheorien und zur Verbreitung vom Glauben an paranormale Phänomene. Was man natürlich nicht genau wissen kann, ist, wie viele der Befragten bei diesen Untersuchungen identisch sind, also wie viele der Leute, die an Engel glauben auch an Regierungsverschwörungen glauben. Aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es da große Überschneidungen gibt.

Aber Sie hatten den Verdacht, dass Amerika unter einem massiven Realitätsverlust leidet ja schon lange, bevor Sie diese Untersuchungen gelesen haben. Wie kamen Sie darauf?

Ich frage mich schon seit Jahrzehnten immer wieder, warum in Amerika der religiöse Fanatismus so viel weiter verbreitet ist, als in anderen Kulturen. Hinzu kam für mich, dass sich Mitte der 90er die Unterhaltungsbranche zu wandeln. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion wurden mit dem Aufkommen des Reality – TV immer mehr verschoben. Gleichzeitig flammte die Debatte um das Unterrichten des Kreationismus an öffentlichen Schulen auf. Schließlich beschäftigte ich mich in meinem letzten Roman, „True Believers“ mit den 60er Jahren, jener Zeit, in welcher der gesellschaftliche Konsens in den USA unwiederbringlich zu zerfallen anfing. Um das Jahr 2010 herum formten sich für mich alle diese Aspekte zu einer kohärenten Theorie.

Warum neigen denn nun die Amerikaner mehr als andere Kulturen, dazu, sich von der Realität zu verabschieden?

Die Tatsache, dass dieses Land,von Leuten gegründet wurde, die an das Unwahrscheinliche glaubten, spielt eine enorme Rolle – gleich ob das die Puritaner waren oder andere Kult-Anhänger oder einfach nur Leute, die über Nacht reich werden wollten. Amerika war schon immer das Land, in dem ein Vermögen machen konnte und gleichzeitig alles glauben durfte, was man wollte. Das ist vielleicht der zentrale Aspekt der amerikanischen Identität. Leute, die nach Amerika kamen, waren von Anfang an Träumer und Fantasten.

Amerika bedeutet die Freiheit, sich selbst zu erfinden.

Ja, der extreme amerikanische Individualismus spielt eine große Rolle bei unserer Loslösung von der Realität. Er ist aber auch wieder eine direkte Folge davon, dass dieses Land von fanatischen Renegaten gegründet wurde, die eine protestantische Theokratie etablieren wollten. Allerdings war es nicht der Protestantismus selbst als Auflehnung gegen die etablierte Macht, sondern es war der rebellische, anti-autoritäre Impuls dahinter, der den amerikanischen Charakter formte. Die Auflehnung gegen Autorität, die leider oft auch in Anti-Intellektualismus mündet, ist zentraler Teil des amerikanischen Charakters.

Sie schreiben aber auch, dass lange Zeit der aufgeklärte, rationale Teil des amerikanischen Charakters dem fantastischen Teil Paroli bieten konnte. Wann hat Amerika sich von der Aufklärung verabschiedet?

Ich glaube die Dinge sind in den 60er Jahren aus den Fugen geraten. Damals sind die etablierten Kontrollinstanzen der aufgeklärten Vernunft wie die Universitäten und die Medien entweder marginalisiert worden, sie haben sich selbst diskreditiert oder sie haben einfach aufgegeben. In der Folge wurde der Einzelne ermächtigt alles zu glauben, war er oder sie wollte.

Wie konnten die 60er Jahre so dramatisch die Institutionen entmachten, die bis dahin über einen gemeinsamen Realitätssinn gewacht haben?

In den 60er Jahre wurde die Baby-Boom Generation erwachsen, die erste Generation, die Geburtenkontrolle ausübte und die Fernsehen hatte. Gleichzeitig wurden wir in den Vietnam-Krieg hinein gezogen, einen Krieg, an den wir nicht glaubten. Auf diesem Nährboden blühte die Gegenkultur. An der Universität gewann der Relativismus immer mehr an Boden, insbesondere in den Geisteswissenschaften. So machte sich eine immer größere Skepsis gegenüber Vernunft und Rationalität breit. Zur selben Zeit wurden die extremsten protestantischen religiösen Sekten immer extremer. Deren Establishment verlor ebenfalls die Kontrolle. Bis zu den 60er Jahren waren evangelikale Christen ein viel kleinerer, viel vernünftigerer Teil der christlichen Welt.

Sie sprechen auch davon, dass die Demontage des Konzepts von Geisteskrankheit in den 60er Jahren eine große Rolle beim Realitätsverlust Amerikas spielte.

Ich halte das für einen sehr erhellenden Aspekt der kulturellen Revolution der 60er Jahre. Wir haben die französische Idee, dass Geisteskrankheit eine Konstruktion ist, die dazu dient, Menschen auszugrenzen, sehr bereitwillig adaptiert. Bis zu einem gewissen Grad ist das ja auch ein sehr hilfreiches Argument. Aber wenn es vulgarisiert wird, wird es zu einem weiteren Faktor in der Delegitimation einer geteilten Realität. Wenn man nicht mehr sagen kann, dass jemand verrückt ist, dann hat man im öffentlichen Diskurs ein Problem.

Welche Rolle spielte denn die Kennedy Ermordung bei der Explosion der amerikanischen Öffentlichkeit in unüberbrückbare Realitäten.

Es war ein traumatisches nationales Ereignis, das die Dinge massiv aus dem Gleichgewicht brachte. Es gab gewiss schon vorher Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte, aber die Kennedy Ermordung war der Moment, in dem sich eine allgemeine Skepsis gegenüber jedweder offizieller Darstellung der Realität breit machte. Die Forschung zu Verschwörungstheorien ist eindeutig - wenn man erst einmal anfängt in Verschwörungstheorien zu denken, dann gibt es kein zurück mehr. Es wird zu einer Angewohnheit des Geistes. Mit der Kennedy-Ermordung hat sich in Amerika diese Angewohnheit durchgesetzt, insbesondere auf der Rechten.

Warum ist die Rechte gegenüber Verschwörungstheorien anfälliger als die Linke?

Das hat mit der Verbreitung extremer religiöser Überzeugungen auf der Rechten zu tun. Das bildet den Nährboden für fantastische Überzeugungen auf anderen Gebieten. Wenn Sie glauben, dass Sie in Zungen sprechen können, dann sind Sie auch dazu geneigt, zu glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung Chinas ist. Hinzu kommt, dass die extreme Rechte seit Jahrzehnten wahnwitzige Theorien verbreitete, die dann in den vergangenen 20 Jahren immer stärker in den Mainstream rücken. Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten.

Begann mit der Kennedy Ermordung auch das allgemeine Misstrauen gegenüber den Medien, das wir heute beobachten?

Nein, ich glaube, das ging so richtig erst in den 80er Jahren los. Es waren ja immerhin die Medien, die den Watergate Skandal aufgedeckt haben und die Pentagon Papiere über Vietnam veröffentlicht. Die Medien blieben eigentlich die 70er Jahre hindurch vertrauenswürdig. Das Misstrauen begann damit, dass die Rechte in den 80er Jahren die Medien pauschal einer liberalen Voreingenommenheit bezichtigten. So richtig zum Tragen kam dieses Misstrauen dann allerdings erst in den 90er Jahren, als das deregulierte Radio und die immer stärker polarisierten Kabelsender 24 Stunden lang den Menschen eintrichterten, dass sie der Presse nicht trauen dürfen.

Ist der Verlust eines Konsenses über die Wirklichkeit in Amerika der wichtigste Grund für das Phänomen Donald Trump?

Ja, absolut. Wenn wir einigermaßen klare Trennlinien zwischen wahr und falsch beibehalten hätten, hätten wir nicht Donald Trump gewählt. Ich habe lange vor Trump angefangen, an dem Buch zu arbeiten, aber er verkörpert, mit Ausnahme der Religiosität, jedes Einzelne meiner Argumente. Ich behaupte natürlich nicht, dass es etwa das Gefühl der weißen Unterschicht, abgehängt worden zu sein, nicht gibt. Aber ich denke, dass meine Geschichtsschreibung Trump wesentlich besser erklärt. Leider bedeutet meine Version der Genese von Donald Trump auch, dass das Problem, das zu seiner Wahl geführt hat, mit ihm nicht wieder verschwindet.

Haben Sie die Wahl Trumps voraus gesagt?

Natürlich nicht. Aber ich habe immerhin schon früh gedacht, dass es nicht völlig unmöglich ist. Leider hat seine Wahl meine Theorien bestätigt. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ein Freak wie Trump tatsächlich gewählt werden kann. Jemand wir er hat in unserem neuen Medien-Umfeld auf einmal eine ungeheure Macht.

Längerfristig gedacht – kann eine Gesellschaft, die sich auf keine Realität mehr einigen kann, überleben?

Ich habe leider keine Antwort darauf und das macht mich sehr besorgt. Man spricht immer über die politische Polarisierung in den USA. Die USA waren schon oft politisch polarisiert und haben das überstanden. Aber ich weiß nicht, wie ein Land eine Öffentlichkeit erdulden kann, die zwischen denen gespalten ist, die noch an Fakten glauben und denen, die es eben nicht mehr tun. Ich war nie jemand, der an den Untergang geglaubt hat, aber im Moment wird mein Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Wenn wir eine Regierung haben, die nicht mehr an wissenschaftliche Erkenntnisse glaubt, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es mit dem Wohlstand und dem Wohlergehen unserer Nation steil bergab geht.

Gibt es nichts, was Ihnen Hoffnung darauf macht, dass zumindest über manche Dinge ein Konsens hergestellt werden kann?

Ich habe die Hoffnung, dass wir uns in fünf Jahren darauf einigen können, dass die Wahl von Donald Trump ein schwerer Fehler war. Dann wird vielleicht eine Diskussion darüber möglich, dass wir etwas vorsichtiger mit dem sein müssen, was wir glauben und was wir nicht glauben.

Der Flaneur

 

Teju Cole spaziert durch New York und Lagos

Foto: Katja Heinemann

 

Teju Cole ist ein Gesicht in der Menge hier im Flatiron Bezirk von Manhattan, wo sich zunehmend junge Technologie-Startups in den Lofts der alten Kontore breitmachen und sich die angesagtesten jungen Restaurants der Stadt aneinenader reihen. Cole hat den Kragen seines Wollmantels hochgeklappt, ein Schal hängt lässig vom Hals herab. Seine Hipster-Kappe ist tief ins Gesicht gezogen, das eine Designerbrille und ein sorgsam getrimmter Kinnbart schmückt.

Niemand würde sich hier nach dem Shooting-Star der New Yorker Literaturszene umdrehen, höchstens flüchtig, weil seine elegante Erscheinung ins Auge sticht. Fremd wirkt er jedoch nicht, im Gegenteil. Eher wie ein Mann in seiner natürlichen Umgebung.

So fühlt sich Cole auch in New York, „wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem ich heimisch bin, dann hier“, sagt er, während wir in der City Bakery, einem beliebten Cafe für das rasche Lunch-Sandwich in der Cappucchino Schlange stehen. „Eigentlich an jedem Ort, der weltoffen  ist und an dem ich nicht angestarrt werde.“

Die beiden Orte, an denen Cole aufgewaschen ist, sind nicht so. Cole wurde  im Mittleren Westen der USA geboren, doch mit knapp vier Monaten zog er mit seinen Eltern zurück in deren Heimatstadt Lagos. Sein verwestlichtes  Elternhaus reichten jedoch aus, um ihn in Nigeria heraus stechen zu lassen, „ich war dort immer der Amerikaner.“

Die Fremdheit verlor sich jedoch auch nicht, als er mit 17 zum Studium zurück nach Michigan ging, in die Kleistadt Kalamazoo, wo ein afrikanischer Mann eine Seltenheit ist und schon gar einer, der keinem Klischee entspricht. Einer, der im westlichen Sinne gebildet ist und wirtschaftlich gut gestellt.

So fand Cole erst eine wirkliche Heimat, als er nach New York kam, um seinen Magister in Philosophie an der Columbia University abzuschließen und um Schriftsteller zu werden. Es ging ihm, wie so vielen New Yorkern aus allen Ecken der Welt, die sich dort, wo sie herkommen, fremd fühlen und hier, wo jeder fremd ist, endlich einen Ort finden, an den sie zu gehören glauben.

Dieses Fremdsein in der Heimat und sich in der Fremde heimatlich fühlen, bestimmt das Lebensgefühl von Teju Cole. „Ich bin überall und nirgends zuhause“, sagt er.  Doch für Cole entsteht daraus keine Zerrissenheit, „ich wache nicht jeden Morgen auf und frage mich, ob ich nun Nigerianer oder Amerikaner bin“, sagt er.  

Cole empfindet seine vermeintliche Identitätslosigkeit nicht als Defizit, sondern als Bereicherung. Sie erlaubt ihm, wie den Erzählern seiner Bücher, jenen doppelten Blick auf die Welt, der seine beiden bislang erschienen Romane auszeichnet. Seine Hauptfiguren sind, wie er, Flaneure, Wanderer in der Stadt, für die alles um sie herum zugleich intim vertraut und fremd ist.

Da ist etwa Julius, der Held von Cole’s Debut-Roman „Open City“ mit dem er 2011 nicht nur in der amerikanischen  Literaturszene für Furore sorgte. Julius ist Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter und studiert in New York Psychiatrie. Der Text besteht beinahe ausschließlich aus seinen Streifzügen durch die Stadt, bei denen Julius über das Gesehene und die Begegnungen, die er hat, frei meditiert und assoziiert.

Auch an den Ground Zero, der noch eine Baugrube ist, verschlägt es Julius. Für den Erzähler ist das ein Geschenk, das Loch im Gewebe der Stadt ist für ihn weniger Abgrund, als archäologische Fundstätte, ein Fenster in die vielen Inkarnationen des Viertels, die dem World Trade Center vorangegangen waren. Er erinnert an Wale, die während der holländischen Kolonialzeit hier angeschwemmt wurden und an die levantinische Gemeinde, die hier einmal gelebt hat. Er denkt an die alten billigen Elektrogeschäfte die hier vom Bau des World Trade Center verdrängt wurden und an die afrikanischen Einwanderer, die als befreite Sklaven im Manhattan des 18. Jahrhunderts hier lebten.

Diese Schichten, die in der Stadt überall unter  der Oberfläche liegen, faszinieren Cole an der Stadt, an Städten im Allgemeinen, die er „seine große Liebe“ nennt. „Als Kind“, sagt er, „glaubt man, dass die Welt wohl geordnet und zusammen hängend ist.“ Doch wenn man aufwächst beginne man zu begreifen, dass alles um einen herum Ergebnis von Reibung und Konflikt ist. „Hinter jeder Infrastruktur  steckt ein Streit“, sagt er.

Die Spuren dieser Konflikte zu suchen und die Geschichten dahinter auszugraben, ist die große Leidenschaft von Cole. Er ist selbst, wie seine Hauptfiguren, ein leidenschaftlicher Flaneur. „Meine Freunde hassen es, mit mir durch die Stadt zu gehen, man kommt mit mir nicht voran“, sagt er.  

Das Flanieren ist für Teju Cole mehr als eine Beschäftigung, es ist eine Methode. Das Wandeln durch die Stadt mit dem doppelten Blick der Fremdheit und Vertrautheit, ist  für ihn vom Schreiben nicht zu trennen. Die Stadt laufend zu lesen und das Entdeckte mitsamt den unterbewussten und bewussten Reaktionen darauf aufzuschreiben, ist ein einziger kontinuierlicher Vorgang.

Entwickelt hat Cole diese Methode bei seinem ersten Buch, das vor Open City geschrieben wurde, das aber erst jetzt erschienen ist. Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes aus New York, der nach vielen Jahren der Abwesenheit in seine Heimatstadt Lagos zurück kehrt.

Cole setzt einen Erzähler an seine Stelle, doch es ist gleichzeitig unverhohlen autobiographisch. Es erzählt, wie Cole nach elf Jahren Abwesenheit zurück nach Lagos geht und die Stadt seiner Jugend wieder entdeckt, wo sich „alles anders anfühlt, als in der Erinnerung“, weil die Stadt anders geworden ist und weil er anders geworden ist.

Der Erzähler schreibt von der allgegenwärtigen Korruption, die das Land plagt, er schreibt von der unbeschreiblichen Armut und der Gewalt. Doch es ist niemals urteilend oder moralisierend, er bleibt immer  distanzierter Beobachter, der niemals den Sinn für die ästhetischen Aspekte des Moments verliert, der niemals aufhört zu Staunen.

„Ich habe nach einem Weg gesucht, über Nigeria zu schreiben“, sagt Cole, „der einerseits nichts beschönigt, der aber andererseits auch nicht einfach nur westliche Vorurteile bestätigt“, sagt er. Natürlich gebe es das Afrika der westlichen Medien, das dem endlosen Kreislauf  von Gewalt, Armut und Korruption nicht entkommen kann. Doch gleichzeitig sei Afrika so viel mehr als nur das. „Was wir brauchen, sind persönliche Geschichten aus Afrika“, sagt er.  

Es ist verführerisch Cole, den Wandler zwischen den Welten als „postkolonialen Schriftsteller“ zu bezeichnen. Für kaum jemanden wäre das treffender, als für ihn, der als afrikanischer Mann durch New York streift und als westlich gebildeter Intellektueller durch Lagos. Der an einem US-College Kunstgeschichte unterrichtet und der in seinem Blog ebenso eloquent über Gustave Flaubert schreibt wie über den ghanaischen Dichter Kofi Awanoor. Der den Fanatismus von Boko Haram ebenso verurteilt wie Rassismus und Folter in den USA und den nichts mehr aufregt als naive Amerikaner, die ohne Wissen um Zusammenhänge nach Afrika gehen, um Gutes zu tun.

Doch Cole mag das Label „postkolonial“ nicht, er mag überhaupt keine Label. „Ich will nicht eines jener Gemälde im Museum sein, das Leute 20 Sekunden lang anschauen, nachdem sie zehn Minuten lang die Beschreibung gelesen haben“, sagt er.

Der Nachmittag ist zum Abend geworden im Flatiron-Bezirk, die City Bakery leert sich und draußen auf der Straße hasten die Menschen von den Büros zur U-Bahn.  Cole entschuldigt sich höflich dafür, dass er die lange Meditation unterbrechen muss, die vor allem er mit seinem unaufhaltsamen Strom an Ideen, Gedanken und Assoziationen vorangetrieben hat. Er habe noch einen weiten Weg nach Hause, ans äußerste Ende von Brooklyn, wo er lebt, sagt er. Ein Weg für den er zudem wohl weit länger brauchen wird, als der normale zielstrebige New Yorker.

Der Krieg gegen schwarze Körper

Berliner Zeitung, 1.2.2016

Ta-Nehisi Coates hatte mehr als eine Stunde lang vor den Studenten des Medgar Evans College im schwarzen New Yorker Stadtbezirk Crown Heights gesprochen und doch waren viele im Auditorium frustriert. So stand ein junger Mann auf und fragte den Schriftsteller, beinahe flehend, ob er denn keinen Ratschlag für ihn hätte, einen Ratschlag dafür, wie er als Schwarzer in Amerika sein Leben führen soll. „Ich fürchte, ich habe nicht viele gute Ratschläge“, erwiderte Coates. „Das Beste, was ich Dir mitgeben kann, ist - versuche, zu überleben.“

Die Antwort gab trefflich den bedrückenden Ton wieder, der Coates’ viel beachteten 200-Seiten Essay „Zwischen mir und der Welt“, der an diesem Montag auf Deutsch erscheint, durchzieht,. Wie sein unverhohlenes literarisches Vorbild James Baldwin in „The Fire Next Time“ aus dem Jahr 1963 hat Coates sein Werk als Brief an seinen Sohn verfasst, als ein langes, atemloses Lamento darüber, was es bedeutet, als schwarzer Mann in Amerika zu leben. Am Ende muss Coates seinem Sohn eingestehen, dass er ihn nicht beschützen kann, dass es ihm jeder Zeit so ergehen kann wie Trayvon Martin oder Michael Brown, dass die amerikanische Gesellschaft ihn in jedem Augenblick zerquetschen kann, ohne, dass jemals irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Es gibt nur wenig Tröstliches an der Prosa von Ta Nehisi Coates, „dies ist kein Buch, dass das Ende des Rassismus in Amerika proklamiert oder prophezeiht“, wie er den Studenten in Brooklyn gleich zu Beginn versicherte. Im Gegenteil  - für Ta-Naheisi Coates ist der Rassismus konstitutiv für die amerikanische Gesellschaft. Ohne Rassismus gibt es für Coates Amerika nicht, die beiden waren von Anfang an unentwirrbar ineinander verschränkt.

Schon der Titel des Buches lässt all denjenigen, die trotz der ernüchternden Erfahrungen der Obama Ära, trotz systematischer Polizeigewalt und Masseninhaftierung der schwarzen Bevölkerung noch immer von einer post-rassischen Gesellschaft träumen, das Blut in den Adern gefrieren. Es ist ein Zitat aus einem Gedicht von Richard Wright aus dem Jahr 1935, in dem er die Szene eines Lynchmordes beschreibt. „Eines Morgens, während ich durch die Wälder lief, stolperte ich plötzlich darüber, stolperte darüber auf einer grasgrünen Lichtung. Die grausamen Details der Szene stiegen auf und schoben sich zwischen mich und die Welt.“ Am Ende verwandelt sich der Erzähler selbst in den Gelynchten, und fährt gemeinsam mit dessen verkohltem Leib in einem Fanal aus Teer und Benzin zum Himmel.

Wie James Baldwin ist Richard Wright eines der wichtigsten intellektuellen Vorbilder für Coates. Beides waren Männer, die an Amerika verzweifelten, die kaum mehr den Glauben daran wagten, dass je gegenüber dem schwarzen Mann das Versprechen der Teilhabe am amerikanischen Traum eingelöst werde.

Immerhin einen kleinen Funken Hoffnung auf Wandel hegte selbst Baldwin noch, dann nämlich, wenn die „kleine Gruppe Weißer und die kleine Gruppe Schwarzer, welche das rechte Bewusstsein entwickelt haben, es schaffen, andere zu überzeugen.“ An diese sehr schwache Hoffnung auf einen langsamen Bewusstseinswandel  wenigstens knüpft auch Coates an.

Aber es ist bei ihm kein leichter, kein froher Prozess, er beinhaltet es, harten Wahrheiten furchtlos in die Augen zu blicken. Coates beklagt immer wieder die Verblendung der weißen Mittelschicht durch die Ideologie des amerikanischen Traums, durch jenen Glauben daran, dass sie das, was sie erreicht hat „durch harte Arbeit und gute Taten erreicht haben.“ Es ist ein Irrglaube, der es ihnen erlaubt, die Augen vor Dingen wie „dem Horror unseres Strafvollzugs-Systems, vor einer Polizei, die sich in eine Armee verwandelt hat und vor einem nicht enden wollenden Krieg gegen schwarze Körper zu verschließen.“

Der Wohlstand und die Privilegien des weißen Amerika sind auf schwarzen Rücken gebaut, das ist die Botschaft, die Coates unermüdlich seinem Publikum einbläut.  Dabei richtet er sich beinahe noch dringlicher an das schwarze Amerika, denn an das Weiße. Das volle Ausmaß und die Tiefe des amerikanischen Rassismus ernst zu nehmen, hält er für sie für überlebensnotwendig. „Es ist eine Frage der geistigen Gesundheit, sich nicht einreden zu lassen, dass es den Rassismus, den ihr jeden Tag erfahrt, gar nicht gibt.“

Das sind Worte, die Amerika noch bis vor allzu langer Zeit nicht in dieser Deutlichkeit hören wollte. Coates’ Vorbilder Wright, Baldwin oder der Dichter Amiri Baraka wurden als Radikale marginalisiert und in der Euphorie über die Wahl Obamas wollte so etwas ohnehin niemand hören. Doch sehr zu seinem eigenen Erstaunen, horcht Amerika jetzt auf. Bereits 28 Wochen lang hält sich das Buch  schon auf der Bestseller-Liste der New York Times.

Die Kluft zwischen dem Versprechen Obamas und den unübersehbaren Realitäten auf den Straßen des schwarzen Amerika hat einen Moment erzeugt, in dem auch das weiße, liberale Amerika dazu bereit ist, seinen Begriff davon, was Bürgerrechte und Gleichberechtigung bedeuten, zu erweitern und auf Stimmen wie die von Coates zu hören. Schwarze Aktivisten und Intellektuelle klagen seit Jahrzehnten über Masseninhaftierung und systematische Polizeibrutalität. Jetzt hört ihnen Amerika endlich zu.

Der Erfolg von Coates ist jedoch nicht nur dem politischen Augenblick zu verdanken. Sein Lamento ist sowohl literarisch brilliant als auch journalistisch wasserfest. So ist der deutschen Ausgabe des Aufsatzes jener Magazin-Artikel von Coates aus dem Jahr 2014 bei gefügt, der ihn in den USA in das Zentrum der Debatten um Rassismus katapultierte.

Es ist eine Studie über die Art und Weise, wie in amerikanischen Städten das gesamte 20. Jahrhundert über Ghettos gebildet und erhalten wurden, die den sozialen Aufstieg der afroamerikanischen Unterschicht faktisch unmöglich machten. Coates zeigt auf, dass diese Ghettos kein Unglück sind, sondern gezielt von den Machteliten geplant und gewollt und macht damit die vage Klage über systematischen Rassismus handfest und greifbar.

Die Forderung, die Coates daraus ableitet, dass die US Regierung der schwarzen Bevölkerung Reparationen schulde, ist freilich politisch noch immer nicht salonfähig. Aber immerhin wird sie nicht mehr als vollkommen hanebüchen abgetan.

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