Der Flaneur

 

Teju Cole spaziert durch New York und Lagos

Foto: Katja Heinemann

 

Teju Cole ist ein Gesicht in der Menge hier im Flatiron Bezirk von Manhattan, wo sich zunehmend junge Technologie-Startups in den Lofts der alten Kontore breitmachen und sich die angesagtesten jungen Restaurants der Stadt aneinenader reihen. Cole hat den Kragen seines Wollmantels hochgeklappt, ein Schal hängt lässig vom Hals herab. Seine Hipster-Kappe ist tief ins Gesicht gezogen, das eine Designerbrille und ein sorgsam getrimmter Kinnbart schmückt.

Niemand würde sich hier nach dem Shooting-Star der New Yorker Literaturszene umdrehen, höchstens flüchtig, weil seine elegante Erscheinung ins Auge sticht. Fremd wirkt er jedoch nicht, im Gegenteil. Eher wie ein Mann in seiner natürlichen Umgebung.

So fühlt sich Cole auch in New York, „wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem ich heimisch bin, dann hier“, sagt er, während wir in der City Bakery, einem beliebten Cafe für das rasche Lunch-Sandwich in der Cappucchino Schlange stehen. „Eigentlich an jedem Ort, der weltoffen  ist und an dem ich nicht angestarrt werde.“

Die beiden Orte, an denen Cole aufgewaschen ist, sind nicht so. Cole wurde  im Mittleren Westen der USA geboren, doch mit knapp vier Monaten zog er mit seinen Eltern zurück in deren Heimatstadt Lagos. Sein verwestlichtes  Elternhaus reichten jedoch aus, um ihn in Nigeria heraus stechen zu lassen, „ich war dort immer der Amerikaner.“

Die Fremdheit verlor sich jedoch auch nicht, als er mit 17 zum Studium zurück nach Michigan ging, in die Kleistadt Kalamazoo, wo ein afrikanischer Mann eine Seltenheit ist und schon gar einer, der keinem Klischee entspricht. Einer, der im westlichen Sinne gebildet ist und wirtschaftlich gut gestellt.

So fand Cole erst eine wirkliche Heimat, als er nach New York kam, um seinen Magister in Philosophie an der Columbia University abzuschließen und um Schriftsteller zu werden. Es ging ihm, wie so vielen New Yorkern aus allen Ecken der Welt, die sich dort, wo sie herkommen, fremd fühlen und hier, wo jeder fremd ist, endlich einen Ort finden, an den sie zu gehören glauben.

Dieses Fremdsein in der Heimat und sich in der Fremde heimatlich fühlen, bestimmt das Lebensgefühl von Teju Cole. „Ich bin überall und nirgends zuhause“, sagt er.  Doch für Cole entsteht daraus keine Zerrissenheit, „ich wache nicht jeden Morgen auf und frage mich, ob ich nun Nigerianer oder Amerikaner bin“, sagt er.  

Cole empfindet seine vermeintliche Identitätslosigkeit nicht als Defizit, sondern als Bereicherung. Sie erlaubt ihm, wie den Erzählern seiner Bücher, jenen doppelten Blick auf die Welt, der seine beiden bislang erschienen Romane auszeichnet. Seine Hauptfiguren sind, wie er, Flaneure, Wanderer in der Stadt, für die alles um sie herum zugleich intim vertraut und fremd ist.

Da ist etwa Julius, der Held von Cole’s Debut-Roman „Open City“ mit dem er 2011 nicht nur in der amerikanischen  Literaturszene für Furore sorgte. Julius ist Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter und studiert in New York Psychiatrie. Der Text besteht beinahe ausschließlich aus seinen Streifzügen durch die Stadt, bei denen Julius über das Gesehene und die Begegnungen, die er hat, frei meditiert und assoziiert.

Auch an den Ground Zero, der noch eine Baugrube ist, verschlägt es Julius. Für den Erzähler ist das ein Geschenk, das Loch im Gewebe der Stadt ist für ihn weniger Abgrund, als archäologische Fundstätte, ein Fenster in die vielen Inkarnationen des Viertels, die dem World Trade Center vorangegangen waren. Er erinnert an Wale, die während der holländischen Kolonialzeit hier angeschwemmt wurden und an die levantinische Gemeinde, die hier einmal gelebt hat. Er denkt an die alten billigen Elektrogeschäfte die hier vom Bau des World Trade Center verdrängt wurden und an die afrikanischen Einwanderer, die als befreite Sklaven im Manhattan des 18. Jahrhunderts hier lebten.

Diese Schichten, die in der Stadt überall unter  der Oberfläche liegen, faszinieren Cole an der Stadt, an Städten im Allgemeinen, die er „seine große Liebe“ nennt. „Als Kind“, sagt er, „glaubt man, dass die Welt wohl geordnet und zusammen hängend ist.“ Doch wenn man aufwächst beginne man zu begreifen, dass alles um einen herum Ergebnis von Reibung und Konflikt ist. „Hinter jeder Infrastruktur  steckt ein Streit“, sagt er.

Die Spuren dieser Konflikte zu suchen und die Geschichten dahinter auszugraben, ist die große Leidenschaft von Cole. Er ist selbst, wie seine Hauptfiguren, ein leidenschaftlicher Flaneur. „Meine Freunde hassen es, mit mir durch die Stadt zu gehen, man kommt mit mir nicht voran“, sagt er.  

Das Flanieren ist für Teju Cole mehr als eine Beschäftigung, es ist eine Methode. Das Wandeln durch die Stadt mit dem doppelten Blick der Fremdheit und Vertrautheit, ist  für ihn vom Schreiben nicht zu trennen. Die Stadt laufend zu lesen und das Entdeckte mitsamt den unterbewussten und bewussten Reaktionen darauf aufzuschreiben, ist ein einziger kontinuierlicher Vorgang.

Entwickelt hat Cole diese Methode bei seinem ersten Buch, das vor Open City geschrieben wurde, das aber erst jetzt erschienen ist. Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes aus New York, der nach vielen Jahren der Abwesenheit in seine Heimatstadt Lagos zurück kehrt.

Cole setzt einen Erzähler an seine Stelle, doch es ist gleichzeitig unverhohlen autobiographisch. Es erzählt, wie Cole nach elf Jahren Abwesenheit zurück nach Lagos geht und die Stadt seiner Jugend wieder entdeckt, wo sich „alles anders anfühlt, als in der Erinnerung“, weil die Stadt anders geworden ist und weil er anders geworden ist.

Der Erzähler schreibt von der allgegenwärtigen Korruption, die das Land plagt, er schreibt von der unbeschreiblichen Armut und der Gewalt. Doch es ist niemals urteilend oder moralisierend, er bleibt immer  distanzierter Beobachter, der niemals den Sinn für die ästhetischen Aspekte des Moments verliert, der niemals aufhört zu Staunen.

„Ich habe nach einem Weg gesucht, über Nigeria zu schreiben“, sagt Cole, „der einerseits nichts beschönigt, der aber andererseits auch nicht einfach nur westliche Vorurteile bestätigt“, sagt er. Natürlich gebe es das Afrika der westlichen Medien, das dem endlosen Kreislauf  von Gewalt, Armut und Korruption nicht entkommen kann. Doch gleichzeitig sei Afrika so viel mehr als nur das. „Was wir brauchen, sind persönliche Geschichten aus Afrika“, sagt er.  

Es ist verführerisch Cole, den Wandler zwischen den Welten als „postkolonialen Schriftsteller“ zu bezeichnen. Für kaum jemanden wäre das treffender, als für ihn, der als afrikanischer Mann durch New York streift und als westlich gebildeter Intellektueller durch Lagos. Der an einem US-College Kunstgeschichte unterrichtet und der in seinem Blog ebenso eloquent über Gustave Flaubert schreibt wie über den ghanaischen Dichter Kofi Awanoor. Der den Fanatismus von Boko Haram ebenso verurteilt wie Rassismus und Folter in den USA und den nichts mehr aufregt als naive Amerikaner, die ohne Wissen um Zusammenhänge nach Afrika gehen, um Gutes zu tun.

Doch Cole mag das Label „postkolonial“ nicht, er mag überhaupt keine Label. „Ich will nicht eines jener Gemälde im Museum sein, das Leute 20 Sekunden lang anschauen, nachdem sie zehn Minuten lang die Beschreibung gelesen haben“, sagt er.

Der Nachmittag ist zum Abend geworden im Flatiron-Bezirk, die City Bakery leert sich und draußen auf der Straße hasten die Menschen von den Büros zur U-Bahn.  Cole entschuldigt sich höflich dafür, dass er die lange Meditation unterbrechen muss, die vor allem er mit seinem unaufhaltsamen Strom an Ideen, Gedanken und Assoziationen vorangetrieben hat. Er habe noch einen weiten Weg nach Hause, ans äußerste Ende von Brooklyn, wo er lebt, sagt er. Ein Weg für den er zudem wohl weit länger brauchen wird, als der normale zielstrebige New Yorker.

Der Krieg gegen schwarze Körper

Berliner Zeitung, 1.2.2016

Ta-Nehisi Coates hatte mehr als eine Stunde lang vor den Studenten des Medgar Evans College im schwarzen New Yorker Stadtbezirk Crown Heights gesprochen und doch waren viele im Auditorium frustriert. So stand ein junger Mann auf und fragte den Schriftsteller, beinahe flehend, ob er denn keinen Ratschlag für ihn hätte, einen Ratschlag dafür, wie er als Schwarzer in Amerika sein Leben führen soll. „Ich fürchte, ich habe nicht viele gute Ratschläge“, erwiderte Coates. „Das Beste, was ich Dir mitgeben kann, ist - versuche, zu überleben.“

Die Antwort gab trefflich den bedrückenden Ton wieder, der Coates’ viel beachteten 200-Seiten Essay „Zwischen mir und der Welt“, der an diesem Montag auf Deutsch erscheint, durchzieht,. Wie sein unverhohlenes literarisches Vorbild James Baldwin in „The Fire Next Time“ aus dem Jahr 1963 hat Coates sein Werk als Brief an seinen Sohn verfasst, als ein langes, atemloses Lamento darüber, was es bedeutet, als schwarzer Mann in Amerika zu leben. Am Ende muss Coates seinem Sohn eingestehen, dass er ihn nicht beschützen kann, dass es ihm jeder Zeit so ergehen kann wie Trayvon Martin oder Michael Brown, dass die amerikanische Gesellschaft ihn in jedem Augenblick zerquetschen kann, ohne, dass jemals irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Es gibt nur wenig Tröstliches an der Prosa von Ta Nehisi Coates, „dies ist kein Buch, dass das Ende des Rassismus in Amerika proklamiert oder prophezeiht“, wie er den Studenten in Brooklyn gleich zu Beginn versicherte. Im Gegenteil  - für Ta-Naheisi Coates ist der Rassismus konstitutiv für die amerikanische Gesellschaft. Ohne Rassismus gibt es für Coates Amerika nicht, die beiden waren von Anfang an unentwirrbar ineinander verschränkt.

Schon der Titel des Buches lässt all denjenigen, die trotz der ernüchternden Erfahrungen der Obama Ära, trotz systematischer Polizeigewalt und Masseninhaftierung der schwarzen Bevölkerung noch immer von einer post-rassischen Gesellschaft träumen, das Blut in den Adern gefrieren. Es ist ein Zitat aus einem Gedicht von Richard Wright aus dem Jahr 1935, in dem er die Szene eines Lynchmordes beschreibt. „Eines Morgens, während ich durch die Wälder lief, stolperte ich plötzlich darüber, stolperte darüber auf einer grasgrünen Lichtung. Die grausamen Details der Szene stiegen auf und schoben sich zwischen mich und die Welt.“ Am Ende verwandelt sich der Erzähler selbst in den Gelynchten, und fährt gemeinsam mit dessen verkohltem Leib in einem Fanal aus Teer und Benzin zum Himmel.

Wie James Baldwin ist Richard Wright eines der wichtigsten intellektuellen Vorbilder für Coates. Beides waren Männer, die an Amerika verzweifelten, die kaum mehr den Glauben daran wagten, dass je gegenüber dem schwarzen Mann das Versprechen der Teilhabe am amerikanischen Traum eingelöst werde.

Immerhin einen kleinen Funken Hoffnung auf Wandel hegte selbst Baldwin noch, dann nämlich, wenn die „kleine Gruppe Weißer und die kleine Gruppe Schwarzer, welche das rechte Bewusstsein entwickelt haben, es schaffen, andere zu überzeugen.“ An diese sehr schwache Hoffnung auf einen langsamen Bewusstseinswandel  wenigstens knüpft auch Coates an.

Aber es ist bei ihm kein leichter, kein froher Prozess, er beinhaltet es, harten Wahrheiten furchtlos in die Augen zu blicken. Coates beklagt immer wieder die Verblendung der weißen Mittelschicht durch die Ideologie des amerikanischen Traums, durch jenen Glauben daran, dass sie das, was sie erreicht hat „durch harte Arbeit und gute Taten erreicht haben.“ Es ist ein Irrglaube, der es ihnen erlaubt, die Augen vor Dingen wie „dem Horror unseres Strafvollzugs-Systems, vor einer Polizei, die sich in eine Armee verwandelt hat und vor einem nicht enden wollenden Krieg gegen schwarze Körper zu verschließen.“

Der Wohlstand und die Privilegien des weißen Amerika sind auf schwarzen Rücken gebaut, das ist die Botschaft, die Coates unermüdlich seinem Publikum einbläut.  Dabei richtet er sich beinahe noch dringlicher an das schwarze Amerika, denn an das Weiße. Das volle Ausmaß und die Tiefe des amerikanischen Rassismus ernst zu nehmen, hält er für sie für überlebensnotwendig. „Es ist eine Frage der geistigen Gesundheit, sich nicht einreden zu lassen, dass es den Rassismus, den ihr jeden Tag erfahrt, gar nicht gibt.“

Das sind Worte, die Amerika noch bis vor allzu langer Zeit nicht in dieser Deutlichkeit hören wollte. Coates’ Vorbilder Wright, Baldwin oder der Dichter Amiri Baraka wurden als Radikale marginalisiert und in der Euphorie über die Wahl Obamas wollte so etwas ohnehin niemand hören. Doch sehr zu seinem eigenen Erstaunen, horcht Amerika jetzt auf. Bereits 28 Wochen lang hält sich das Buch  schon auf der Bestseller-Liste der New York Times.

Die Kluft zwischen dem Versprechen Obamas und den unübersehbaren Realitäten auf den Straßen des schwarzen Amerika hat einen Moment erzeugt, in dem auch das weiße, liberale Amerika dazu bereit ist, seinen Begriff davon, was Bürgerrechte und Gleichberechtigung bedeuten, zu erweitern und auf Stimmen wie die von Coates zu hören. Schwarze Aktivisten und Intellektuelle klagen seit Jahrzehnten über Masseninhaftierung und systematische Polizeibrutalität. Jetzt hört ihnen Amerika endlich zu.

Der Erfolg von Coates ist jedoch nicht nur dem politischen Augenblick zu verdanken. Sein Lamento ist sowohl literarisch brilliant als auch journalistisch wasserfest. So ist der deutschen Ausgabe des Aufsatzes jener Magazin-Artikel von Coates aus dem Jahr 2014 bei gefügt, der ihn in den USA in das Zentrum der Debatten um Rassismus katapultierte.

Es ist eine Studie über die Art und Weise, wie in amerikanischen Städten das gesamte 20. Jahrhundert über Ghettos gebildet und erhalten wurden, die den sozialen Aufstieg der afroamerikanischen Unterschicht faktisch unmöglich machten. Coates zeigt auf, dass diese Ghettos kein Unglück sind, sondern gezielt von den Machteliten geplant und gewollt und macht damit die vage Klage über systematischen Rassismus handfest und greifbar.

Die Forderung, die Coates daraus ableitet, dass die US Regierung der schwarzen Bevölkerung Reparationen schulde, ist freilich politisch noch immer nicht salonfähig. Aber immerhin wird sie nicht mehr als vollkommen hanebüchen abgetan.

Genüssliche Zeitreise

Die neue TV Serie "Vinyl" von Martin Scorsese

Bobby Finestra ist gerade dabei in sein Kokain Delirium abzudriften, als eine wilde Horde kreischender junger Menschen ihn aufschreckt. Sie trampeln über sein Auto, das er in einer finsteren, vermüllten Gasse geparkt hat, um sich ungestört zu bedröhnen. Finestra folgt ihnen in ein leer stehendes Abrisshaus im heruntergekommenen Manhattan der 70er Jahre und erlebt dort sein erstes Punk-Konzert.

Es ist eine Offenbarung für den Plattenproduzenten Finestra, der Hauptfigur der neuen HBO-Serie „Vinyl“. Martin Scorsese und Mick Jagger haben die Serie gemeinsam produziert, beides Männer der 70er Jahre, die sich dabei hemmungslos ihrer Nostalgie für die schönen, schlimmen alten Zeiten hingeben, als New York, einer Mad Max Kulisse glich, das Kokain nur so durch die Straßen wehte und der Rock n Roll seine goldenen Zeiten erlebte.

Die Prämisse der Serie ist, dass Finestra, gegeben von „Boardwalk Empire“ Star Bobby Cannavale, mit seinem Label „American Century“ die Zeichen der Zeit verpasst hat In New York passiert gerade der Punk und der Hip Hop entsteht in der Bronx, während Finestra auf einem Haufen mittelmäßiger Rocker wie Lobo, Dr. Hook und Donny Osmond sitzt. Seine letzte große Hoffnung, Led Zeppelin, schwindet vor seinen Augen dahin, als Zeppelins legendär jähzorniger Manager Peter Grant  in seinem Büro einen Tobsuchtsanfall hinlegt.

All diese musikalischen Anspielungen sind für Fans der Epoche ein Hochgenuss, insbesondere für die älteren Zuschauer, die noch irgendwo in einem Schuhkarton die alten Tickets für ein Stones oder Bowie- Konzert aus jener Zeit aufbewahren. Scorsese und Jagger nehmen einen mit ins Zentrum und an die Quelle jenes Zeitgeists, er opulent mit sorgfältig inszenierten Club-Gigs und Studio-Sessions inszeniert wird.

All das bietet reichlich Gelegenheit zum Schwelgen, so, wie Mad Men in den 50er Jahren und Boardwalk Empire in den 20er und 30er Jahren schwelgen. Es ist ein Epochen-Panoptikum zweier Zeitzeugen, die sich in ihrer Materie auskennen, wie kaum jemand anderes und  es ist unmöglich, sich nicht ihrer kunstvollen Nostalgie widerstandslos hinzugeben.

Dabei ist die Nostalgie eine doppelte. Es ist einerseits eine Nostalgie für den musikalischen Zeitgeist, in dem künstlerischer Ausdruck noch nicht alleine vom Marktkalkül gesteuert war; und es ist andererseits eine Nostalgie für das New York jener Zeit, das auf dem Höhepunkt seines Verfalls so wild und gefährlich und frei war, wie ein Ramones Auftritt im CBGBs oder die legendären Kellerparties von DJ Kool Herc in der Bronx.

Der Plot des Dramas lässt freilich ahnen, dass all das dem Untergang geweiht ist und unausweichlich in der Künstlichkeit der Beyonce und Taylor Swift Ära und in dem Manhattan der Glastürme mit Luxuswohnungen, der allgegenwärtigen Starbucks-Filialen und Boutiquen-Ketten mündet.

Alleine schon die Figur Finestra vereinigt in sich die Spannungen der Epochenschwelle. In seiner Brust streiten zwei Seelen – die des wahrhaften Musik-Liebhabers und Connoisseurs mit einer einem untrüglichen Geschmack und einer tiefen Liebe zu seinem Produkt; und die des skrupellosen Geschäftsmannes, für den Songs nur Produkte sind und Musiker nur Content-Lieferanten.

So pendelt er zwischen den Welten, zwischen exzessiven Clubnächten und seinem Spießerleben in einer Villa in Connecticut, wo seine Frau, das einstige Wathol Factory Girl Devon, die Kinder hütet und Cocktail Parties organisiert. Welche Seele schließlich gewinnt deutet sich in der Figur des begnadeten Blues Sängers Lester Grimes an, den Finestra mit dem Versprechen, ihn groß rauszubringen, anheuert, dann aber zum Abnudeln von Doo Wop-Tanznummern versklavt.

Es ist schwer, an all dem irgendetwas zu finden, was nicht gefällt, höchstens, dass die Serie, wie etwa die New Yorker Stadtzeitung Village Voice klagte, durch die Monumentalisierung und Sentimentalisierung jener Zeit sich derselben Mechanismen bedient, die ihren Untergang herbei geführt haben. Doch 35 Jahre später ist das ein eher akademisches Argument.

Was bleibt ist eine genüssliche Zeitreise, orchestriert von einem der größten lebenden Regisseure, gewürzt mit einer feinsinnigen Meditation über die Zusammenhänge von Pop, Kunst und Kommerz. HBO, der Mutterkanal der Qualitätsserie, bringt sich damit wieder eindrucksvoll ins Gespräch, nachdem in letzter Zeit Netflix und Amazon eher für die Schlagzeilen gesorgt haben.

Fremd in der Heimat

  • 026-David-Henry-Hwang

Cicero, März 2014

Foto: Kai Nedden 

Das zweite Stockwerk des Signature Theater ist zum Bersten voll an diesem Donnerstagnachmittag. Studenten nutzen den hohen, hellen und mit WLan ausgestatteten Raum an der 42ten Straße um Seminararbeiten zu schreiben und Rucksack-Touristen rufen ihre emails ab. Ein Hauch von Mensa weht durch die von Frank Gehry gestaltete hypermoderne Halle, die sich später am Abend in das Foyer einer der bedeutendsten Bühnen für ernsthaftes Drama in New York verwandeln wird.

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