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Diplomat für einen Sommer

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Kleine Inselstaaten haben kein Geld für eine volle Vertretung bei der UNO - Deshalb schicken sie Praktikanten als Diplomaten in die Vollversammlung
(FTD, Foto: Adrian Müller)

Jörg Walter gibt ihn ausgesprochen überzeugend. den jungen Weltdiplomaten. Routiniert zückt er seinen Delegierten-Ausweis, während er gelassen die Sicherheitskontrollen über sich ergehen lässt, die in diesen Tagen schon zwei Straßen vom großräumig abgesperrten UNO-Hauptquartier am East River entfernt anfangen. Er wirkt, als hätte er noch nie etwas anderes getragen, als den dezenten dunkelblauen Zweireiher, die Ledermappe klemmt lässig unter dem Arm.

Der schlacksige Hesse sticht durch nichts heraus aus der Tausendschaft von Diplomaten, die im September morgendlich zur UN-Vollversammlung in den berühmten geschwungenen Corbusier-Bau strömen, um den Lauf der Welt zu bestimmen. Und auch, wenn er über seine Arbeit spricht, ist Walter souverän. Gleich, ob es um die Palästina-Frage geht, den Klimaschutz oder die globale Koordination der Terrorismus-Bekämpfung – Walter formuliert präzise Positionen, gestützt von einem beeindruckenden Reichtum an memorisiertem Faktenwissen.

Es ist kaum zu glauben, dass Walter das hier erst seit sechs Wochen macht. Davor hat er als Referendar am Oberlandesgericht Koblenz gesessen und dorthin kehrt er auch im November wieder zurück. Der Job als Diplomat ist für ihn nur ein kurzes Abenteuer. Ein Praktikum genau genommen.

Walter vertritt an der UNO Nauru, das kleinste Land der Welt. Staaten wie Nauru, pazifische Inseln mit der Einwohnerzahl von zwei New Yorker Häuserblocks, können sich keine volle Vertretung in New York leisten. Deshalb holen sie sich Leute wie Walter – begabte Studenten, die Lust auf eine ganz besondere Arbeits-Erfahrung und dafür bereit sind, ohne Bezahlung für ein paar Wochen in den diplomatischen Dienst einzutreten.

Genau so einer ist Walter. Walter hat Praktika bei der EU-Kommission in Brüssel, beim juristischen Dienst des franzӧsischen Parlaments in Paris, sowie bei verschiedenen Gerichten in Nantes und in Mainz absolviert. Für seine fünfte Referendariatsstation wollte er aber etwas machen, das aus dem Rahmen fällt, etwas Besonderes, das auf dem Lebenslauf sofort heraussticht.

Auf seiner Suche nach dem Besonderen stieß Walter im vergangenen Jahr auf die Website der Organisation Islands First. Islands First vermittelt Praktikanten an die UN-Missionen der sogenannten „Small Island Developing States" –Länder wie Nauru, Fidschi, Tuvalu oder Palau – Länder, die keine vollwertige Mission an der UNO unterhalten können, weil sie soviel kosten würde, wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt dieser Staaten. Mit Hilfe von Leuten wie Jörg Walter können sie jedoch einen vollen diplomatischen Betrieb bei der UNO aufrecht erhalten.

Dass Walter bei der UNO Nauru vertreten würde, erfuhr er erst wenige Wochen vor seinem Abflug. Vorher hatte er noch nie etwas von Nauru gehört. „Ich musste erst einmal Nauru googlen." Wenigstens, sagt er, habe sich dabei gleich heraus gestellt, dass die Insel keine Militärdiktatur hat. Sonst hätte er sich das Ganze noch einmal überlegen müssen.

Mit der Internetrecherche war die Vorbereitung auf den diplomatischen Dienst für Nauru dann aber auch schon abgeschlossen. Als Walter nach New York kam wusste er kaum mehr, als dass Nauru 10,000 Einwohner hat, Phosphat exportiert und wie viele Pazifikstaaten durch den Klimawandel von der Überschwemmung bedroht ist.

Und auch als er in New York ankam bekam er keine gründlichere Anleitung in Weltdiplomatie. „Ich habe mich für eine halbe Stunde mit meiner Botschafterin getroffen", sagt er. Das Meeting sei jedoch mehr ein Business-Lunch gewesen, als eine Einführung. „Sie hat mir gesagt, was ansteht, welche Kommissionen ich besuchen soll, zu welchen Themen ich für sie Dossiers anfertigen soll."

Am nächsten Tag saß Walter dann schon mit anderen Delegierten aus der ganzen Welt in einem Sitzungssaal und debattierte über Positionspapiere für die Vollversammlung. „Ich wollte mich zuerst an die Wand setzen, auf die freien Stühle für die Praktikanten", erzählt er. Er musste sich richtig gehend dazu zwingen, sich zwischen seinen neue Kollegen hinter dem Schild seiner Vertretung nieder zu lassen.

Mittlerweile hat er sich jedoch an seinen Status gewöhnt. Er meckert locker in Sitzungspausen mit Kollegen aus Asien und Afrika über den New Yorker Verkehr. Er gibt souverän Auskunft über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von Nauru. Und er vertritt seine Botschafterin bei Empfängen und Soirees. Nur wenn er gefragt wird, was man denn in Nauru so unternehmen kann, muss er passen.

Die UNO ist seine Welt geworden, das OLG Koblenz erscheint ihm Galaxien weit weg. „Ich muss mich manchmal zwicken und mich daran erinnern, was ich da eigentlich mache", sagt er. Durch die ehrwürdigen Hallen der UNO zu wandeln ist für ihn so normal geworden, wie über den Campus der Mainzer Uni zu laufen.

Auch daran, dass er wie jeder andere Diplomat seinen kleinen aber direkten Einfluss auf den Lauf der Weltpolitik hat, hat er sich gewöhnt. So hat Walter für seine Botschafterin vor der Vollversammlung ein Dossier über die Palästina-Frage angefertigt. In die Entscheidung, wie sie in der Frage stimmt, flossen zwar noch andere Überlegungen ein - die Allianz mit den anderen Inselstaaten etwa, die sich in einer Lobbygruppe zusammen geschlossen haben. Aber immerhin, zwischen seiner Studie und der Autonomie Palästinas lag nur ein Schritt. Und die Stimme von Nauru zählt bei der UNO genauso viel wie die der USA oder Deutschlands.

Frederik von Paepcke wirkt indes noch etwas weniger abgebrüht als sein Kollege. Der sonnige norddeutsche Lockenkopf sprüht vor Enthusiasmus, als er uns im winzigen Eingangsbereich der Vertretung von Tuvalu begrüßt, wo Islands First ihn platziert hat.

Beinahe jedem zweiten Satz fügt er das Wort Wahnsinn! an, wenn er von seiner UNO-Erfahrung berichtet. Bei der Obama-Rede im Plenarsaal nur zwölf Plätze von Hilary Clinton entfernt gesessen. Wahnsinn! Mit fünf anderen Botschaftern beim Arbeitsbreakfast in der deutschen Botschaft gewesen. Wahnsinn! Bei der Sicherheitsratssitzung dabei gewesen. Wahnsinn! Und überhaupt, das internationale Flair, New York, das alles Wahnsinn!

Tuvalu liegt in der Rangliste der kleinsten Nationen der Welt nur zwei Plätze hinter Nauru . Dazwischen rangiert der Vatikan. 10,400 Einwohner hat das Atoll, etwa so viel wie von Paepckes Heimatort Preetz in Schleswig Holstein. Obwohl es mit einem roten Reißzwecken markiert ist, ist das Land auf der Weltkarte, die in der Tuvaluer Mission an der Second Avenue hängt, kaum zu finden. Nur wenn man die Nase fast an die Wand presst erkennt man die neun Inseln, die zwei Hand breit rechts von Papua Neu Guinea und drei Hand breit links unterhalb von Hawaii liegen. Sie sehen aus, wie eine Hand voll Kiesel, die der Herrgott achtlos ins Meer geschmissen hat.

Entsprechend winzig ist die Vertretung. Während die 20 deutschen Volldiplomaten mit ihrem Stab etwa drei ganze Stockwerke in einem Hochhaus direkt gegenüber der UNO besetzen, zwängt sich Tuvalu in drei Hutschachtel-große Büros in einem Hochhaus an der Second Avenue. Mehr kann Tuvalu sich bei den New Yorker Mieten nicht erlauben.

Das größte Büro gehört Botschafter Afelee Pita. Es liegt gleich neben der Rezeption, zu der hin seine Tür immer offen steht. Der stattliche Polynesier, der sich in seinem Diplomatenzwirn sichtlich unwohl fühlt, ist ein leutseliger Mann. Er lässt es sich nicht nehmen, von seinem Schreibtisch auf zu stehen und die Besucher, die sein Praktikant da angeschleppt hat, persönlich per Handschlag zu begrüssen.

Vom Vorzimmer aus stolpert man direkt in die kleine Kaffeeküche wo es sich die Frau des Botschafters und seine Tochter bequem gemacht haben um Tee zu trinken und sich den Nachmittag zu vertreiben. Daneben beginnt das Büro von Frederik von Paepke und seiner Kollegin, einer jungen Französin. Das kleine Zimmer ist keine zehn Quadratmeter groß, die beiden Schreibtische passen kaum in den fensterlosen Raum.

Es geht familiär zu in der Vertretung von Tuvalu und Frederik von Paepcke fühlt sich pudelwohl. Sein Praktikum hier bezeichnet er als „eindeutige Win-Win" Situation. Er bekommt aus erster Hand mit, wie die Weltdiplomatie funktioniert. Und Tuvalu hat eine zusätzliche Kraft, um bei der UNO die Interessen des Atolls wahr zu nehmen.

Und diese Interessen sind dringlich. Es ist für Tuvalu überlebensnotwendig am East River gehört zu werden. Wenn es mit dem Klimaschutz nicht vorangeht, dann ist die Inselgruppe in 60 bis 80 Jahren verschwunden und mit ihr eine 3000 Jahre alte Kultur. „Ich habe absolut das Gefühl hier etwas Gutes und Wichtiges zu tun", sagt von Paepcke deshalb.

Dazu gehört es beispielsweise in die Meetings der Allianz kleiner Insel-Staaten zu gehen, um ein Positionspapier für den Rio Plus 20 Gipfel im kommenden Jahr zu erarbeiten. Oder etwa in einen Workshop, der überprüft, warum Resolutionen zur Eindämmung des Schleppnetzfischfang nicht eingehalten wurden, der die Lebensgrundlage der Pazifik-Inseln bedroht. Richtige politische Arbeit also, mit all ihren Befriedigungen und Frustrationen.

Zu einem Karriereschwenk hat die Zeit in New York allerdings bei aller Begeisterung bislang die beiden Praktikanten noch nicht inspiriert. Jörg Walter fängt im Herbst bei einer amerikanischen Anwaltskanzlei in Brüssel an. Und Frederik von Paepcke möchte nach Abschluss seiner Dissertation in Berlin noch immer wie geplant in die Insolvenzverwaltung.

Aber vorher möchte er doch gerne wenigstens einmal nach Tuvalu fliegen. Und natürlich nicht einfach nur als Tourist, sondern in offizieller Mission. Deshalb tüftelt er gerade zusammen mit Botschafter Pita ein Programm aus, das deutsche Lehrer nach Tuvalu bringt, um dort den Kindern Englisch und wirtschaftliche Grundkenntnisse bei zu bringen.

Ein klein wenig hat ihn der Diplomatenvirus also doch erwischt. Und wer weiß, wie attraktiv ihm die Insolvenzverwaltung noch erscheint, wenn er erst einmal in Tuvalu war.

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