Bildung

"Unser Marktwert schrumpft"

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Amerikanische Wirtschaftsstudenten reagieren auf die Krise
(Spiegel Online)

Eine Traube von mindestens zwei Dutzend Studenten hat sich in der Eingangshalle der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät versammelt und starrt wie gebannt auf einen übergroßen Flachbildschirm, der hier von der Decke hängt. Von morgens um neun bis zur Schlussglocke mittags um vier flimmern die aktuellen Börsenkurse von der Wall Street durch den hohen Raum und seit dem Crash in der vergangenen Woche lassen die MBA-Anwärter der New Yorker Columbia University die Werte nur aus dem Auge, wenn sie unbedingt in ein Seminar müssen. „Die Banken-Notierungen gehen alle hoch" flüstert einer. „Ja, aber Einzelhandel geht runter. Der Markt kann sich heute nicht so recht entscheiden", kommentiert ein anderer.

Columbia ist eine der besten Business-Schools des Landes und die Wall Street ist quasi um die Ecke. Kein Wunder, dass die Börse und die prekäre wirtschaftliche Gesamtlage hier auf dem vornehmen Campus an der 116ten Straße seit anderthalb Wochen Dauerthema sind. „Natürlich reden wir ständig darüber, was da passiert", sagt der Sprecher der Studentenschaft Don Baxter, ein 27 Jahre alte gebürtiger Engländer, der als Unternehmensberater im Finanzbereich gearbeitet hat, bevor er sich entschloss, einen höheren Abschluss zu machen. „Es gibt kaum mehr eine normale Lehrveranstaltung mehr, das Thema überschattet alles."

Allerdings, erzählt Don, der im kommenden Frühjahr abgeht und dann zurück ins Consulting möchte, sei wegen der Baisse an der Columbia Business School weder Panik noch tiefe Depression ausgebrochen. Die Columbia Studenten, von denen viele einmal an die Wall Street wollen, seien zwar „sehr besorgt." Die meisten, sagt Baxter, während er auf den Stufen der monumentalen Universitäts-Bibliothek mit einem Sandwich in der Mittagssonne sitzt, fänden die Situation jedoch vor allem eines - spannend: „Es ist überhaupt nicht so, dass die Leute hier plötzlich ihr Studium hin schmeißen wollen, um etwas ganz anderes zu machen. Im Gegenteil, die meisten sehen es als Glück an, dass sie zu einem so historischen Zeitpunkt hier sind, direkt am Puls des Geschehens."

Die Studenten der Elite-Universität versuchen die Krise als Chance und Herausforderung zu sehen. „Sicher schwindet unser Marktwert im Moment ", so Baxter. „Aber es gibt hier sowieso kaum jemanden, der nur darauf aus ist, ein schnelles Vermögen an der Wall Street zu machen." In der allergrößten Mehrzahl der Fälle sei der Multi-Millionen Dollar-Bonus nicht die Haupt-Motivation der Business-Studenten. „Ich glaube, viele hier sehen das als einzigartige Gelegenheit, zum Umbau der amerikanischen Wirtschaft beizutragen und wirklich etwas zu bewirken."

Jamie Obletz beispielsweise. Wie sein Kommilitone Don Baxter ist er in seinem zweiten Jahr an der Columbia, im kommenden Frühjahr wird er anfangen zu arbeiten. Seinen Job hat er schon sicher und zwar, „bei einer global operierenden Investmentbank", wie er sagt. Jamie hat in diesem Sommer bei der genannten Bank ein Praktikum gemacht und ihm wurde danach versprochen, dass er übernommen wird. Daran hat sich auch nach der vergangenen Woche nichts geändert. „Ich habe mehrmals in den letzten Tagen mit meinem zukünftigen Arbeitgeber telefoniert. Das Angebot steht."

Auch Jamie selbst hat seit dem schwarzen Montag an der Wall Street nie an seinem eingeschlagenen Berufsweg gezweifelt. „Die Wall Street wird auch in Zukunft der Ort sein, an dem alle Fäden der Weltwirtschaft zusammen laufen", glaubt er. „Es gibt keine spannendere Zeit, um dort zu sein." Die „Street", wie sie unter Finanz-Insidern in New York nur genannt wird, so Jamie Obletz, sei im Moment dabei, sich neu zu erfinden. Und da möchte er unbedingt mitmachen.

Die idealistische Aufbruchstimmung, wird den MBA Studenten freilich dadurch leicht gemacht, dass sich zumindest bislang die Jobaussichten noch nicht merklich verschlechtert haben. „Man kann vielleicht nicht mehr einfach nur auf seinem Hintern sitzen und auf die Angebote warten", so Jamie. Man müsse schon etwas strategischer vorgehen, als vielleicht noch vor ein, zwei Jahren. Doch geheuert werde noch immer ungebremst. Selbst in der vergangenen Woche hätten wie stets zum Semesterbeginn alle großen Banken auf dem Campus ihre Informationsveranstaltungen abgehalten. „Sie haben uns eindringlich versichert", erzählt Jamie Obletz, „dass sie weiterhin dringend Nachwuchs suchen." Von den Lehman Brothers natürlich einmal abgesehen.

Und so ist auch die nächste Generation bislang noch optimistisch. Die junge Ingenieurin Bianca Mason aus Louisiana etwa ist in dieser Woche zu einer Orientierungsveranstaltung an die Columbia gekommen, weil sie gerne in die Finanzbranche wechseln möchte. Im schicken Kleid sitzt sie vor der „Uris Hall", der Heimat der Business School und redet aufgekratzt von ihren Wall Street Träumen – Börsencrash hin oder her. Im Herbst 2009 möchte sie hier an der Columbia anfangen um dann, wie sie sagt, Portfolio-Managerin" zu werden. An eine anhaltende Wirtschaftskrise glaubt sie nicht. „Bis 2011, wenn ich anfange zu arbeiten, redet keiner mehr von einer Krise", glaubt sie. Ob sie da wohl recht behält?

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