Bildung

Unendliche Weiten

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Das Museum of Natural History in New York erzielt mit High Tech und Tieren Besucherrekorde.
(Frankfurter Rundschau)

Der kleine Ashton quietscht vor Freude und Stolz. Seit einer Viertel Stunde krabbelt der rotblonde Dreijährige um den riesigen afrikanischen Baobab-Baum herum, der Haupt-attraktion des „Entdecker-Raums" im New Yorker Museum für Naturgeschichte. Und ständig findet er im Stamm und in den Ästen des Baumes etwas Neues – einen gelben Baboon-Affen, eine Fledermaus, einen Vogel. Gerade hat er die Termiten entdeckt und kreuzt das Bild auf seinem Zettel an, mit dessen Hilfe er die Parasiten identifiziert hat. Ashton ist nicht zum ersten Mal hier.

Und bestimmt auch nicht zum letzten Mal. „Es sind Schulferien, und er drängelt mich beinahe jeden Tag hierher zu kommen", sagt seine Mutter Linda. Und Ashton ist ganz offensichtlich nicht das einzige New Yorker Kind, das den Entdecker-Raum liebt. Jeden Mittag um eins, wenn die Leiterin des Raumes Ann Prewitt aufschließt, stehen die Eltern mit ihren Kindern schon Schlange im Gang im Tiefgeschoss des Museums. Und die zwölf Freiwilligen, die den Kindern hier die vielen Dinge zeigen, die es zu entdecken gibt, haben dann bis abends um sechs keine Minute Ruhe mehr.

Der Entdecker-Raum ist ein Kernstück des umfangreichen Bildungsprogramms des Museums, das jedes Jahr von beinahe einer Million Kindern besucht wird. „Der Raum hier eröffnet den Kindern spielerisch die verschiedenen Abteilungen des Museums", erklärt Ann Prewitt, die über die letzten 10 Jahre den Raum aufgebaut hat. Wie in den Galerien auf den anderen sechs Etagen des monumentalen neoklassizistischen Baus am Central Park, gibt es im Entdecker-Raum Bereiche für Anthropologie, Astronomie, Biodiversität, Paläontologie, Zoologie, Geologie. Die Kinder werden hier interaktiv in diese Gebiete eingeführt und erkennen dann später in den Galerien des Museums Dinge wieder, die sie hier gelernt haben.

Der Entdecker-Raum ist das Tor zum Museum für die bis zu 12-Jährigen, und er verkörpert überdies in Reinform die pädagogische Philosophie der Einrichtung. „Wir wollen den Besuchern – nicht nur den Kindern – vermitteln, dass Wissenschaft etwas ist, das Menschen tun. Wir wollen unsere Besucher in den Prozess der Wissenschaft hineinziehen und ihnen zeigen, wie aufregend dieser Prozess ist", erklärt Myles Gordon, der Vorsitzende der etwa 80 Personen starken Bildungsabteilung des Museums.

Und so sind die Kinder im Entdecker-Raum alle kleine Forscher. Nachdem sie alle Geheim-nisse des Baobab Baumes erkundet haben, alle Tiere gefunden und sie gezeichnet haben, können sie etwa in einem Sandkasten nach fossilen Knochen graben und diese dann zusammen setzen. Oder sie können sich unter dem Mikroskop Wasser aus einem Teich im Central Park anschauen, in dem sie vermutlich anschließend spielen gehen. Oder sie können versuchen, durch das Streicheln verschiedener Felle zu erraten, zu welchem Tier diese gehören.

Wichtig dabei ist es, sagt Ann Prewitt, eine enthusiastische Pädagogin, die Kinder ernst zu nehmen. „Sie dürfen nie das Gefühl haben, dass man sie herablassend behandelt", sagt sie. „Das merken sie sofort. Wir erzählen ihnen keinen Unsinn, alles was sie lernen ist echte Naturwissenschaft." Dazu, die Kinder ernst zu nehmen, gehöre es auch, sie nicht zu bevormunden: „Unsere Helfer hier im Entdeckerraum greifen immer nur kurz ein, um etwas zu erklären oder den Kindern weiter zu helfen. Sie übernehmen aber niemals das Ruder. Die Kinder selbst bleiben die Entdecker, das ist ganz wichtig."

Die ausgeklügelte pädagogische Philosophie ist in den vergangenen 13 Monaten zusam-men mit dem massiven Ausbau der Bildungsabteilung des Museums gewachsen. Bis zu den frühen 90er Jahren war das Museum of Natural History eine altehrwürdige aber statische und etwas angestaubte Institution der Stadt. „Wenn man die Leute gefragt hat, was sie am Museum of Natural History mögen, haben sie gesagt, dass es immer gleich ist", erzählt Bildungsdirektor Myles Gordon. „Wenn man sie gefragt hat, was sie daran nicht mögen, haben sie das gleiche geantwortet."

Von diesem Image des Museums, die immergleichen Dinosaurierskelette und Biotop-Dioramen zu zeigen, wollte die damalige Direktorin Ellen Futter weg. Sie wollte ein moder-nes, interessantes Museum leiten, das die Besucher – in der überwiegenden Mehrheit Familien – anspricht, fesselt und an das Museum bindet. „Gradmesser unseres Erfolges ist es, ob die Leute wieder kommen, und ob sie sich zu Hause weiter mit den Dingen be-schäftigen", sagt Myles Gordon. Auf beiden Gebieten, behauptet Gordon, sei man heute sehr weit gekommen. „Ich denke wir haben einen großen Beitrag dazu geleistet, einer allgemeinen Abneigung gegen die Naturwissenschaft entgegen zuwirken."

Ellen Futter investierte massiv in die Bildungsprogramme des Museums, um Kinder und ihre Eltern an das Museum zu binden. Für die Nachmittagskurse, die das Museum für Kinder von fünf bis 12 anbietet gibt es heute lange Wartelisten – 4000 Kinder nehmen jährlich daran Teil. Das Konzept ist das gleiche, wie das des Entdecker-Raums: im Vordergrund steht das Erfahren, das Erleben, das die Neugier weckt. Die Klassenzimmer überborden mit Terrarien und Käfigen lebendiger Tiere – von Kakerlaken bis zu Tausendfüsslern und einem Chamäleon. Dazwischen stehen Diaramen, die die Kinder zusammen mit den gleichen Wissenschaftlern bauen, die die Ausstellungen entwerfen. Jedes Kind, dass hier her kommt, darf wie ein kleiner Wissenschaftler arbeiten.

Zugleich begann Ellen Futter die Wechselausstellungen in großen Teams zu planen – Wissenschaftler, Pädadgogen, Marketingleute. „Es muss für jeden etwas dabei sein", erklärt Myles Gordon. So wie etwa in der derzeitigen Blockbuster-Ausstellung über Charles Darwin, wo die Kinder sich an lebendigen Leguanen erfreuen können und die Reiserouts der Beagle nachvollziehen, während sich die Eltern daneben über die Biografie von Darwin informieren können, sowie über die Debatten, die seine Theorien im 19. Jahrhundert und auch jetzt wieder ausgelöst haben.

Heute ist das Museum für Naturgeschichte eines der erfolgreichsten Museen der USA. Vier Millionen Besucher kommen jedes Jahr an den Central Park West. Das moderne Plane-tarium ist genauso eine Attraktion, wie die Dinosaurier-Skelette, die seit 100 Jahren in der ikonischen Eingangshalle stehen. Überall gibt es etwas zum Anfassen, zum Erleben, zum Selbstmachen. „Wir wollten, dass es cool ist, hier her zu kommen", sagt Myles Gordon.

Das ist offenkundig geglückt. Im harten Wettbewerb um die Zeit gestresster New Yorker Kinder liegt das Museum ganz weit vorne. Die sieben Jahre alte Gayle etwa, die im Ent-decker-Raum gerade unter dem Mikroskop Würmer studiert, sagt, sie sei „schon hundert Mal" hier gewesen. Wenn sie groß ist, sagt sie bestimmt, möchte sie unbedingt mit Tieren arbeiten. „Wegen der Tiere, nicht wegen dem Geld", betont sie. Das selbstbewusste Stadt-kind hat im Museum nicht nur einen spannenden Abenteuerspielplatz gefunden, sondern auch eine wirkliche Leidenschaft entwickelt. Sicher wird sie in ein paar Jahren andere Dinge cooler finden. Aber spätestens wenn sie selbst Kinder hat, erinnert sie sich an das Museum. Und wer weiss, vielleicht wird sie ja wirklich Zoologin.

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