Bildung

Profi-Athleten mit Alibi-Diplomen

Wie US-Universitäten ihre Athleten durchs Studium schummeln.
(Spiegel Online)

James Gundlach musste sich doch sehr wundern. Eigentlich hatte sich der Soziologie-Dekan der Universität von Auburn in Virginia auf einen Sportnachmittag gefreut. Doch kurz vor dem Anpfiff des Football-Heimspiels seiner Hochschule nahm der Stadionsprecher eine akademische Ehrung vor, die eigentlich in den Zuständigkeitsbereich von Gundlach gehört hätte. Der Moderator präsentierte den muskelbepackten Stürmer des Teams den vollen Rängen stolz als Musterstudent der Soziologie. Doch James Gundlach hatte den jungen Mann noch nie gesehen. Und auch eine Umfrage unter Kollegen ergab, dass der Sportler noch nie den Fachbereich betreten hatte. Die Sportabteilung von Auburn wollte mit der Ehrung demonstrieren, dass sie den Auftrag, ihren Athleten auch Bildung zuteil werden zu lassen, ernst nimmt. Die Untersuchung, die Profesoor Gundlach einleitete, ergab jedoch genau das Gegenteil. Die Sportler waren per Einzelunterricht durch den Unibetrieb geschummelt worden – Vorlesungen und Seminare hatten sie nie besucht. Ihr Tutor war ein Angestellter des Sport-Departments, der nicht selten die Seminararbeiten, die er aufgab, dann auch selbst schrieb. Meist riet der Pseudo-Professor den Footballern zur Soziologie, weil es in der Disziplin wenig nachprüfbares hartes Wissen gibt. Der Verteidiger des Teams, John Langenfeld etwa, gab zu, dass er für seinen Soziologie-Abschluss nur ein einziges Buch hatten lesen und es auf zehn Seiten zusammen fassen müssen. An den Titel des Buches konnte er sich nicht erinnern.

Die Affäre von Auburn entfachte in den USA in diesem Sommer einmal mehr eine breite Diskussion über Sinn und Unsinn des College-Sports. Die Universitätsmannschaften, insbesondere in den Profisportarten Football und Basketball, sind große kommerzielle Unternehmen, die sich vom übrigen Universitätsbetrieb völlig abgelöst haben. Die Vollzeit-Sportler sind nur noch pro Forma Studenten, ihre Immatrikulation eine Farce. Ihr wahrer Job ist es, ihrer Hochschule auf dem Spielfeld Prestige und Geld einzubringen.

Die Endspiele der College-Ligen im Football und im Basketball sind große nationale Fernsehereignisse. Die „March-Madness" genannte Endrunde im Basketball etwa wird von geschätzten 25 Millionen Amerikanern gesehen. Der Fernsehsender CBS hat dem Collegesportverband NCAA für sechs Milliarden Dollar die Rechte an allen seinen Meisterschaften bis zum Jahr 2013 abgekauft.

Entsprechend üppig sind die Uni-Sportmannschaften ausgestattet. Bei Universitäten wie Texas oder Florida, die auf den sportlichen Erfolg großen Wert legen, geht man von Jahresbudgets von mehr als 40 Millionen Dollar für die Sportmannschaften aus. Star-Trainer aus dem Profigeschäft werden angeheuert wie jüngst der Football-Lehrer Mack Brown, dem die Universität von Texas 2,6 Millionen Dollar pro Jahr bezahlt. Bei der Football Mannschaft der Universität von Florida beträgt alleine das Reisebudget 1,2 Millionen Dollar pro Saison.

Angesichts solcher Summen stellt sich freilich die Frage, warum der College Sport-Verband NCAA noch immer wegen Gemeinnützigkeit von der Steuer befreit ist. Der ursprüngliche Auftrag, eine ausgewogene Ausbildung von Körper und Geist zu gewährleisten, ist schon

längst aus dem Blickfeld verschwunden – im Landesdurchschnitt erwerben gerade einmal 51 Prozent der sogenannten Studenten-Athleten auch einen Abschluss. „Was hat das denn noch mit Hochschulsport zu tun?", fragte deshalb jüngst der Kongressabgeordnete Bill Thomas und forderte eine Überprüfung der Steuerbefreiung für die NCAA.

Der Unterschied zwischen College- und Profiligen scheint in erster Linie noch darin zu bestehen, dass die Sportler von den Milliarden, die im Collegesport fließen, nichts bekom-men. Sie sind ausgebeutete Amateure und wechseln deshalb, so bald sie dazu die Gelegenheit haben, zu den Profis. Die College-Turniere sind für sie in erster Linie Sprung-brett für eine Profikarriere – oft unterschreiben sie schon nach einem College-Jahr bei einem großen Team.

Diejenigen, denen für den Sprung zu den Profis das Talent fehlt, sind indes die wirklichen Opfer der Ausbeutung durch die presitge- und geldhungrigen Universitätsvorstände. Denn sie bekommen im Gegenzug dafür, dass sie die Massen und die Fernsehkameras in die Stadien locken nicht einmal einen Studienabschluß, der ihnen eine Existenz nach dem Sport sichern würde. Die wenigsten Universitäten kümmern sich wirklich darum, dass diese Studenten auch etwas lernen – siehe das Beispiel von Auburn.

Das Tutorenprogramm von Auburn war lediglich ein Zugeständnis an eine halbherzige Reformregel, die seit zwei Jahren Mannschaften vom Turnierbetrieb ausschließt, wenn deren Mitglieder bestimmten akademischen Mindestanforderungen nicht genügen. Doch einfach nur Sanktionen zu verhängen, reicht offenbar nicht aus: „Man muss die Dinge doch auch aus der Perspektive der Jungs sehen und ihnen helfen, mit den doppelten Anfor-derungen zurecht zu kommen", sagt etwa der Trainer der Basketball-Mannschaft von Connecticut, Jim Calhoun.

Immerhin gibt es einige Ansätze dazu. Die Universitäten von San Diego und von Georgia haben jetzt ernsthafte Nachhilfezentren für ihre Sportler eingerichtet, in denen ihnen nicht bloß die Hausarbeiten geschrieben werden. Michael Kennedy, ein Geographie-Professor aus Kentucky, schlug sogar vor, die Sportler erst vier Jahre spielen zu lassen und denen, die bis dann keine Profis geworden sind, nachträglich als Vergütung ein echtes Studium zu schenken. Das einzige Problem bei der Annahme dieses äußerst vernünftigen Vorschlags wäre es allerdings, dass die Universitäten dazu die Loslösung des Sportbetriebs vom Studienbetrieb eingestehen müssten. Und dann wäre die Gemeinnützigkeit garantiert dahin.

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