Bildung

Die Kinder von Chinatown

  • Chinatown
Die Shuang Wen Schule gehört zu den besten in NewYork, obwohl die Schüler aus armen Einwanderer- Familien stammen.
(Frankfurter Rundschau)

Der Raum Nummer 114 in der Public School 184 an der New Yorker Lower East Side ist auf den ersten Blick ein Klassenzimmer wie jedes andere. Nur wenn man genau hinschaut, merkt man, dass hier alles ein wenig anders ist. Die Gesichter der 20 Kinder im Vorschulalter, die gerade auf einer Matte sitzen und gemeinsam mit ihrer Lehrerin ein Lied singen, weisen eine ungewöhnliche rassische Verteilung auf – die meisten hier sind asiatisch oder schwarz, nur einige wenige sind weiß. An der Wand hängt eine große Tafel mit Abbildungen von Gegenständen – eine Kuh, ein Messer, ein Lastwagen. Darunter hängt jeweils in DinA4 Große das chinesische Schriftzeichen dafür. Die englische Vokabel hingegen ist nirgends nachzuschauen.

Nach dem Lied legt die Lehrerin ein sanftes Stück von Strawinsky auf. Die Kinder dürfen sich hinlegen, die Augen schließen und sich zur Musik vorstellen, wie der Wind über eine Frühlingslandschaft weht. Die Lehrerin, eine junge Chinesin namens Michelle Leung, gönnt ihnen eine kurze Ruhepause in einem langen Tag. Es ist erst halb elf am Morgen, und der Schultag dauert noch bis fünf Uhr am Nachmittag. Für ein paar Minuten können sie sich der Musik hingeben – einer Sprache, die sie alle verstehen.

Den restlichen Tag müssen sich die meisten von ihnen mit der einen oder anderen Fremdsprache abmühen. Die Mehrheit der Schüler an der PS 134, die am Rande der New Yorker Chinatown liegt, sind die Kinder chinesischer Einwanderer. Die Schulsprache tagsüber ist englisch. Nach der regulären Schulzeit werden sie darüber hinaus noch zwei Stunden lang in Mandarin unterrichtet. Dann haben die chinesischen Schüler und die amerikanischen die gleichen Voraussetzungen: „Die meisten Eltern sprechen fukinesisch, kantonesisch oder irgendeinen anderen Dialekt", sagt die Direktorin der Schule, Ling Ling Chou. „Wir bringen den Kindern sowohl chinesisch als auch Englisch bei."

Als vor acht Jahren Sozialarbeiter in Chinatown die Idee zu einer bikulturellen Schule am Rand des Viertels, zwischen den Sozialbauten am East Broadway, hatten, war die Zweisprachigkeit kein abstraktes heeres Erziehungsideal sondern eine Notwendigkeit. Die Kinder der Einwanderer konnten keine Sprache, mit der sie in diesem Land irgendetwas anfangen konnten, und ihre Eltern konnten ihnen nicht helfen. An der „Shuang Wen School" – oder Schule der zwei Kulturen – wie sich die PS 134 auch nennt, sollten sie an das Lernen in einer ganz normalen amerikanischen Schule herangeführt werden.

Gleichzeitig sollte ihnen mit dem Unterricht in Mandarin eine Brücke nach China erhalten bleiben. Aus den Kindern bettelarmer Einwanderer sollen mit dem Erlernen zweier Weltsprachen „Weltbürger" werden, wie es im Manifest der Schulgründung steht. In der globalen Weltwirtschaft der Zukunft sollen sie das gegenseitige Verständnis von West und Fernost fördern und vertiefen.

Das Projekt war ein durchschlagender Erfolg. Und das nicht nur, weil die Einwandererkinder spielerisch die zwei mutmaßlich wichtigsten Sprachen des 21. Jahrhunderts lernten. Die ehrgeizige Direktorin Ling Ling Chou schaffte es zudem, die Ausbildung an der PS134 zur besten Grund- und Mittelstufenausbildung im gesamten maroden System der öffentlichen New Yorker Schulen zu machen. Bei standardisierten Tests des Staates New York nach der dritten Klasse, gehörten die Shuang Wen-Kinder zu den Besten der gesamten Stadt. Und das, obwohl sie sozial und kulturell die vielleicht schlechtesten Vorausssetzungen hatten.

„Wir vermitteln unseren Kindern konfuzianische Werte", sagt die etwa 60-Jährige gebürtige Taiwanesin Ling Ling Chou, während sie mit fernöstlicher Höflichkeit im beengten und etwas chaotischen Lehrerzimmer dem Gast Tee und Zitronenkuchen anbietet. „Sie lernen bei uns, wie wichtig Bildung ist. Sie lernen bei uns Respekt vor Lehrern und Eltern. Und sie lernen bei uns respektvoll und freundlich miteinander umzugehen." Die üblichen Disziplinierungs-Probleme öffentlicher Schulen in New York, in denen Unterricht oft kaum möglich ist, kommen in Frau Chous Einrichtung erst gar nicht auf.

Der Erfolg von Shuang Wen sprach sich freilich schnell herum. Drei Jahre nach der Entstehung der Schule rannten Eltern aus ganz New York Frau Chou die Tür ein. Vor allem schwarze Familien, in deren Wohngegenden die öffentlichen Schulen besonders schlecht sind, brachten ihre Kinder nach Chinatown. Teilweise nahmen sie es auf sich, ihre Kinder eine Stunde lang von Harlem oder der Bronx nach Südost-Manhattan zu fahren. Schließlich musste Frau Chou Wartelisten einführen. „Unsere Kapazität ist begrenzt", sagt sie. „Unsere Priorität bleiben die Kinder von Chinatown."

Middy Strapateris 12-Jährige Tochter ist noch vor der Zulassungsbeschränkung in die PS134 augenommen worden. Die chinesisch-stämmige Stewardess, die mit einem italienischen Bankier verheiratet ist, hatte sich vor sechs Jahren Shuang Wen ausgesucht, weil sie Mandarin für die Wirtschaftssprache der Zukunft hält. „Mein Mann ist Geschäftsmann", sagt die Frau, die wie viele Eltern fast täglich freiwillig an der Schule bei Verwaltungsarbeiten aushilft. Strapateri vertritt neben den fukinesischen Einwanderern und den Schwarzen aus den schlechteren Stadtvierteln die dritte Bevölkerungsruppe, die von PS 134 begeistert sind: Gebildete, wohlhabende New Yorker, die ihren Kindern einen Vorteil auf dem globalen Arbeitsmarkt der Zukunft verschaffen wollen.

Dass die Shuan Weng School nicht nur die verschiedene rassische und kulturelle Herkunft ihrer Schüler überwindet und ausgleicht, sondern auch die unterschiedliche soziale Stellung macht die Einrichtung beinahe zu einer Utopie. Sie ist ein kleines Paradies inmitten der großen multikulturellen Einwandererstadt, in der die rassischen und sozialen Differenzen ansonsten zumeist eher hart aufeinandertreffen.

Die Eltern wissen jedenfalls, was sie an dem Projekt haben. John Greenan, selbst Lehrer, macht sich schon Sorgen darüber, was er mit seinem Sohn macht, wenn dieser in zwei Jahren nach der sechsten Klasse von Shuan Weng abgehen muss. „Das geringste Problem ist noch, eine Möglichkeit zu finden, dass mein Sohn sein Mandarin weiter pflegen kann", sagt der schmale Mann mit Hornbrille, der wie Frau Strapeteri hier in jeder freien Minute aushilft. Sein Sohn ist ein adoptierter Chinese und Greenan befürchtet einen großen Schock, wenn der Junior nach der Middle School an eine normale Schule muss. „In Shuang Wen wachsen asiatische und schwarze Kinder nicht mit dem Gefühl auf, eine Minderheit zu sein."

Ausserhalb jener kleinen multikulturellen Insel auf der Lower East Side sind sie es jedoch noch. Auch wenn ihnen ganz gewiß die Zukunft gehört.

Info:

Die Shuang Wen School wurde 1998 von Sozialarbeitern im Chinatown Viertel von New York als zweisprachige Schule Mandarin/Englisch gegründet. Ziel war es zunächst, chinesische Einwandererkinder an den normalen amerikanischen Schulbetrieb heranzuführen. Heute ist die Schule ein Modell für bikulturelle Schulausbildung. Der zweisprachige Unterricht und die überdurchschnittliche Qualität der Bildung lockt Kinder aus der ganzen Stadt, die Aufnahme musste beschränkt werden. Aus den urspünglich zwei Kindergarten-Klassen mit 42 Schü-lern ist mittlerweile ein voller Schulbetrieb bis zur achten Klasse geworden. Die sprachliche Zusatzausbildung wird mit Mitteln des Staates New York gefördert, sowie mit privater Unterstützung durch den Medienunternehmer Rupert Murdoch.

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